Reizüberflutung: Wenn Wahrnehmen wehtut

Wenn Reizüberflutung eine Südseeinsel wäre, dann wäre ein Übermaß an Eindrücken der überfüllte, unklimatisierte Passagierjet voller grölender Ballermann-Urlauber der den Reisenden dorthin bringt. Schreiende Kleinkinder rennen durch die Gänge dieses viel zu eng bestuhlten Airbus A380, und aus den schlecht isolierten Kopfhörern des Sitznachbarn dröhnt Disco-Schlager zum Mitsingen – was natürlich auch lautstark einige Passagiere tun. Auslaufende Pappbecher mit klebriger Sangria verunstalten den blauen Kunststoffteppich auf dem Boden, und überall stinkt es nach Schweiß, Deorollern und kalten Essensresten von der Bordverköstigung. Der Sitz ist zu klein geschneidert, die Lippen rau und spröde von der gefilterten Kabinenluft und das krakeelende Kind von der Rückbank tritt mit den Schuhen immer gegen die Rückenlehne des eigenen Sitzplatzes. Manchmal ist es verständlich, dass jemand gerne Urlaub vom Urlaub hätte.

Einleitung
Das oben geschilderte Szenario ist keine Horrorgeschichte von Passagieren, die mit Ryan-Air einen Billigflug in die Sonne gebucht haben, sondern schmerzlicher Alltag für Menschen die von Reizüberflutung betroffen sind. Wir alle kennen die Schmerzen durch zu scharf gewürztes Essen, den Stich einer Nadel beim Arzt oder auch den schmerzhaften Druck auf den Ohren, wenn wir auf einem Konzert zu nahe an den Boxen stehen. Derartige Reize sind so intensiv, dass sie von fast allen Menschen als besonders auffällig, oder unangenehm bewertet werden. Doch wenn die Reizschwelle überdurchschnittlich niedrig ist, oder man zu starken Reizen über längeren Zeitraum ausgesetzt wird, kann es schnell zur Reizüberflutung kommen.


Wie sich Reizüberflutung äußert
Die menschliche Wahrnehmung besitzt eine Reihe von Schutzmechanismen um alles, was in unser Bewusstsein gelangt auf eine Art und Weise aufzubereiten, dass wir als Wahrnehmende nicht zu schnell von all den Eindrücken des Alltags überfordert sind, oder zu viele Ressourcen durch die Wahrnehmung von Bekanntem verbrauchen.
Damit nun ein Reiz als besonders unangenehm gilt muss er unsere Reizschwelle

Wenn der Stress zu groß wird können körperliche Symptome auftreten. Diese wiederum lassen den Stress noch größer werden.

Wenn der Stress zu groß wird können körperliche Symptome auftreten. Diese wiederum lassen den Stress noch größer werden.

entweder über einen längeren Zeitraum hinweg überschreiten, oder aber eine Stärke aufweisen, die vom Wahrnehmenden als unangenehm bewertet wird. Dies erzeugt zusätzlich Stress, und stellt eine weitere Belastung für denjenigen dar, der ohnehin schon durch die Überreizung leidet.
Wer mit Reizüberflutung zu kämpfen hat, der findet sich gleichsam im Ringen mit den Reizen sowie seinem Innenleben wieder. Gleichzeitig muss man mit den Eindrücken der Umgebung umgehen, den Stress verarbeiten hat und hat dazu lediglich das Nervensystem zur Verfügung, welches bereits überreizt ist. Es ist kein Wunder dass gerade Hochsensible immer wieder mit derartigen Situationen konfrontiert werden, wenn wir eben davon ausgehen, dass die Filter bei Ihnen durchlässiger sind.
Die Symptome einer akuten Reizüberflutung bieten ein breites Spektrum:

  • Reizbarkeit
  • Aggressionen
  • Unruhe
  • Konzentrations- und Erinnerungsprobleme
  • Kopf- und evtl. generalisierte schmerzen
  • Tinnitus
  • Müdigkeit
  • Missempfindungen
  • Herzrhytmusstörungen

Das Durchleben der Reizüberflutung hinterlässt meistens einen Zustand der Erschöpfung. Doch anhaltende Reizüberflutung kann ebenfalls auch dauerhafte Zustände von Konzentrationsschwierigkeit und Reizbarkeit verursachen. Doch gerade die Fähigkeit sich zu konzentrieren ist wichtig um Überreizungen zu verhindern, da durch Konzentration auf ausgewählte Inhalte störende Eindrücke ausgeblendet werden.


Das Miteinander mit weniger schnell überreizten Menschen
Insbesondere Hochsensible,  Autisten und Menschen die an AD(H)S leiden finden sich häufiger in Situationen wieder, die sie an den Rand der Reizüberflutung bringen können. Unser moderner Umgang mit Medien scheint sich auch eher an der Zielgruppe von weniger schnell gereizten Menschen zu orientieren als an den Bedürfnissen von HSP. Dazu kommt noch dass gerade HSP häufig eine andere Vorstellung von einem gelungenen Abend haben als ihre „Normalo-Freunde“, welche nach gerne nach dem gemütlichen Cocktail-Abend in einer Lounge noch durch die Clubs ziehen wollen.

Das Bedürfnis sich in sich selbst zurückzuziehen kann für Hochsensible zum Nachteil werden, wenn sie dadurch ihr Bedürfnis nach Zugehörigkeit aus den Augen verlieren.

Das Bedürfnis sich in sich selbst zurückzuziehen kann für Hochsensible zum Nachteil werden, wenn sie dadurch ihr Bedürfnis nach Zugehörigkeit aus den Augen verlieren.

Die Kommunikation scheint oft schwierig, eben weil man als HSP versucht ist, seinem Gegenüber die eigene Hochsensibilität zu erklären. Danach hofft man, und ist ebenso darauf angewiesen, dass die Freunde oder Familie die eigenen Bedürfnisse verstehen – und in Zukunft diese bei der Planung gemeinsamer Erlebnisse mit einbeziehen.
Die praktischere Strategie könnte im akuten Fall einer Reizüberflutung sein, auf die Symptome hinzuweisen, die eine Reizüberflutung mit sich bringt. Es ist einfacher zu sagen „Die Musik tut mir in den Ohren weh“ oder „Von dem grellen Licht hier bekomme ich Migräne“ als die eigene körperliche Disposition verständlich zu kommunizieren.


Reizüberflutung vermeiden und beheben
Reizüberflutung lässt sich allerdings nicht nur durch soziale Faktoren beeinflussen, wie die Wahl der gemeinsamen Abendgestaltung, sondern auch durch einfache Methoden welche jeder Betroffene ohne viel Aufwand selbst umsetzen kann:

  • Ausreichend Schlaf: Es gibt kaum eine bessere Prävention gegen Reizüberflutung als den Nerven erlauben, sich zu erholen. Wer müde ist hat darüber hinaus häufig seinen Pool an Aufmerksamkeit für den Tag erschöpft, wodurch das Ausblenden von starken Eindrücken noch schwerer fällt.
  • Wasser: Das Trinken von ausreichend Wasser am Tag hilft die im Blut gelösten Nährstoffe schneller ins Gehirn zu transportieren und soll als Akutmaßnahme in Stresssituationen sogar beruhigend wirken. Dazu kommt dass der Blutdruck bei zu wenig Wasser im Körper ansteigt, was den Kreislauf zusätzlich belastet.
  • Koffein: Wer ohnehin schon zur Überreizung neigt tut gut daran sich nicht noch zusätzlich mit Koffein zu stimulieren. Denn auch wenn Koffein die Fähigkeit zur Konzentration kurzfristig erhöht, steigert es auch das generelle Erregungslevel des Körpers.
  • Medien bewusst nutzen: Wer am Schreibtisch ständig zwischen Facebook, WhatsApp und Studium oder Job hin- und herwechselt bombardiert sich selbst mit einem Übermaß an Informationen. Multitasking ist anstrengend für das Gehirn, und dass man dann auf den Kollegen gereizt reagiert, muss nicht daran liegen, dass man keine Lust hätte, sich sein niedliches Katzenbild auf dem Smartphone anzuschauen.
  • Rückzug: Gerade wenn man sich in der Verantwortung für seine Mitmenschen oder das Wohlbefinden anderer sieht ist es umso wichtiger abschalten zu können. Ein eigener Rückzugsort, und regelmäßig wiederkehrend Zeit für einen selbst zu haben sind deswegen unglaublich wichtig.
  • Achtsamkeitstraining: Viele alltägliche Situationen lassen sich etwas entschärfen wenn wir sie weniger stark bewerten. Achtsamkeit bedeutet dass wir die stressige Situation in der wir uns befinden lediglich betrachten und dabei verzichten uns dagegen emotional zu wehren. Die Konzentration derartig gerichtet einzusetzen bedarf allerdings einiger Übung, aber führt langfristig zu größerer Gelassenheit und Freude. Meditation, Kampfkunst und Körperübungen in Kombination mit Gegenwärtigkeit können helfen mit Reizüberflutung besser umzugehen.

Viele zwischenmenschliche Situationen in denen viele Menschen in ihrer Freizeit aufeinander treffen sind mit einer großen Menge an Eindrücken verbunden. Gerade Hochzeiten, Geburtstagsfeiern und Events können aber für leicht überreizbare Menschen zu regelrechten Torturen werden, insbesondere wenn man vor dem Besuch bereits erschöpft ist. Umso wichtiger ist es dass jeder Betroffene für sich die Balance finden kann zwischen dem Zusammenbeißen der Zähne und dem unbedingten Durchstehen einer Situation und dem ebenso an einem nagenden, geknickten Absagen am Telefon.

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7 Kommentare

  1. Zitat:“ Es ist einfacher zu sagen “Die Musik tut mir in den Ohren weh” oder “Von dem grellen Licht hier bekomme ich Migräne” als die eigene körperliche Disposition verständlich zu kommunizieren.“ Das ist richtig. Aber zu 99 % kommt dann die Antwort, sich nicht anzustellen oder so ähnlich.

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    1. Gerade da uns HSP unser Erleben und Wahrnehmen so wichtig ist, kann das natürlich eine ziemliche Entwertung des Selbstwertgefühls sein, wenn uns nicht geglaubt wird. Die Frage, die sich mir da stellt, ist, ob es dem Gegenüber überhaupt möglich ist, uns zu verstehen, ob er – auch wenn er kein HSP ist – nachvollziehen kann, dass andere Menschen anders gestrickt sind.
      Es kann aber auch immer sein, dass unser Gesprächspartner / unsere Gesprächspartnerin selbst bei der Kompetenz dazu nicht das Interesse hätte, um einen zu verstehen.

      Es großes und wichtiges Thema – ich werde mich damit die Tage auseinandersetzen.

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