Was ist eigentlich Empathie?

Wahrscheinlich wird kaum eine Fähigkeit so sehr mit Hochsensibilität assoziiert wie die Empathie. Doch was ist Empathie überhaupt, was kann sie leisten, was fördert und hemmt unsere Fähigkeit, uns in die Lage eines anderen Menschen zu versetzen? Um diesen Fragen und Empathie generell mal auf den Zahn zu fühlen beginnen wir unsere kleine Exkursion heute mal mit einem Ausschnitt aus „Sex, Death & the Meaning of Life“, einer Dokumentation des Evolutionsbiologen Richard Dawkins.
In dem untigen Video erklärt der engagierte Biologe die evolutionären Vorzüge von Altruismus und Empathie. Er zeigt wunderbar auf, dass wir Menschen erst einmal vor allem soziale Geschöpfe sind und wir deswegen von Natur aus auch Werkzeuge in unserem Repertoire haben müssen, welche uns im Umgang miteinander helfen.


Definitionen von Empathie

Der folgende Artikel soll ohne die neurologischen oder evolutionspsychologischen Hintergründe auskommen, da dies den Rahmen noch stark ausdehnen würde. Doch um überhaupt Empathie als Funktion verständlich zu machen, müssen wir erst einmal erläutern, was Empathie überhaupt ist. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird sie häufig mit Mitgefühl übersetzt. Werfen wir aber erstmal einen Blick auf verschiedene Definition, mit denen wir arbeiten können:

Empathie: Eine auf eine andere Person gerichtete emotionale Reaktion,
die Gefühle wie Mitgefühl, Mitleid, Besorgnis, Wärme oder Fürsorglichkeit
umfasst. Ein kognitiver Faktor, der das Auftreten von Empathie begünstigen
kann, ist die Übernahme der Perspektive der notleidenden Person.
Stefan Stürmer – Einführung in die Sozialpsychologie

Empathy is the experience of understanding another person’s condition from their perspective. You place yourself in their shoes and feel what they are feeling. Empathy is known to increase prosocial (helping) behaviors. While American culture might be socializing people into becoming more individualistic rather than empathic, research has uncovered the existence of „mirror neurons,“ which react to emotions expressed by others and then reproduce them.
Psychology Today

Bei beiden Definitionen finden wir zwei großartige Aussagen, die für das Verständnis von Empathie hilfreich sind:

1. Empathie tritt als Reaktion auf das Erleben der Gefühle einer anderen Person auf.
2. Sich in die Lage einer anderen Person zu versetzen fördert Empathie.

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Klassisch denken wir bei Empathie an das Erkennen von Leid und unser Bedürfnis, Schmerzen zu lindern.

Beim ersten Punkt kann es sehr überraschend sein, dass Empathie „nur“ eine erlebte Reaktion auf unsere Wahrnehmung einer anderen Person ist. Und wie das nun einmal beim Erleben und Wahrnehmen leider so der Fall ist, wird beides durch unsere Erfahrungen, Einstellung und Erwartungen beeinflusst.
Wenn unsere anstrengende Mitarbeiterin Clara ständig in Krokodilstränen ausbricht wenn sie mal selbstständig eine Akte sortieren soll, und darauf spekuliert, dass ihr ein freundlicher Mitarbeiter diese horrende Aufgabe abnimmt, damit sie weiter auf Facebook ihren Status kontrollieren kann – dann empfinden wir im Regelfall kein Mitgefühl, sondern sind höchstens genervt. Wohingegen wir umso betroffener reagieren, wenn Julia, die unerschütterlich und voller Tatendrang sich für den Zusammenhalt und das Bestehen der Firma einsetzt mit psychosomatischen Beschwerden unbefristet beurlaubt wird.

Punkt Nummer zwei ist deswegen wichtig, weil hier etwas zu Tage kommt, was bei der landläufigen Definition von Empathie als Mitgefühl nämlich nicht zu tragen kommt. Nämlich dass Empathie genauso gut bedeuten kann, sich verstandesmäßig in die Lage einer einer anderen Person zu versetzen. Es geht nicht nur darum, emotional genau dies zu empfinden, was jemand anderes gerade durchlebt, sondern auch Verständnis spielt eine Rolle.
Doch dazu brauchen wir gleichsam das Bedürfnis, uns in die Lage einer anderen Person zu versetzen und auch die ganze Situation zu verstehen. Dabei spielt unser Wissen über die Person eine gewichtige Rolle. Empathie kommt profitiert dadurch vom Wissen um eine Person oder zumindest der Situation in welcher sich diese Person befindet. Insbesondere das Entdecken von Gemeinsamkeiten hat sich als besonders förderlich für die Übernahme der Perspektive herausgestellt. Denn wenn uns jemand ähnlich ist, mögen wir ihn auch eher und sind mehr bereit, uns Gedanken über diese Person zu machen und uns in sie hineinzuversetzen.  Außerdem sollten wir nicht vergessen, dass Mitgefühl nicht mit Mitleid gleichzusetzen ist. Denn das Mitleid bezieht sich eher auf für die Person unglückliche Zustände wie Schmerz oder Trauer, wobei Mitgefühl auch Anteilnahme bei Freude, Überraschung etc. bedeuten kann.


Empathie, Introspektion und Verständnis

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Ein typisches Bild für HSP: Ständig am nachdenken, ständig am abwägen, ständig am evaluieren. Kein Wunder dass 70% der HSP introvertiert sind.

Doch wo findet eigentlich diese Reaktion auf das Erleben der Emotionen einer anderen Person statt? Richtig, in uns. Auf der Basis unserer Erwartungen, Erfahrungen und des Erlebens der Situation reproduziert unser Gehirn Emotionen, welche uns den Umgang mit der Situation erleichtern sollen. Das klingt vielleicht gerade für Hochsensible erstmal sehr lieb- und herzlos, aber es ist ja nicht so, dass eine altruistische, mitfühlende Grundeinstellung in unser Erleben von Leid (aber auch Freude) keine Rolle spielen würde – im Gegenteil.
Denn weshalb besonders hypersensitive Menschen häufig als mit einer ausgeprägten Empathie ausgestattet gelten liegt in diesem Fall auch daran, dass sie ihre Gefühlswelt intensiver wahrnehmen und mehr von den mitmenschlichen, sozialen Reizen aus ihrer Umgebung verarbeiten. Diese Reize müssen allerdings auch wieder richtig in den Kontext gesetzt werden und interpretiert werden. Wenn ein HS-Mitarbeiter, welcher neu in der Firma von unserer nervigen Mitarbeiterin Clara aus obigem Beispiel ist, sie zum ersten mal in Tränen aufgelöst sieht – dann wird er wahrscheinlich Mitleid empfinden und vielleicht versuchen ihr bei der Arbeit zu helfen.
Die Bandbreite unseres Erlebens und exakteren Interpretierens von menschlichen Emotionen profitiert ungemein vom Verstehen davon was für Emotionen aus welchen Gründen in welchen Situationen auftreten können und warum. Aber ohne das gründliche Durchleben und Durchdenken, welches uns HSP speziell von Elaine Aron immer wieder als zu eigen definiert wird, haben auch wir ein Problem so zu reagieren, dass unserem gegenüber wirklich so geholfen wird, wie es für die Person, alle Beteiligten und die Situation ideal wäre.


Empathie abschalten und verstärken

Wenn man nicht gerade als Stock-Broker oder Investment-Banker unterwegs ist, ist für viele Menschen Empathie eine wertvolle Fähigkeit, welche sie eventuell auch ausbauen wollen würden. Wenn wir unsere obigen Definitionen zu Rate ziehen, ergibt sich fast von alleine eine kleine Liste an Möglichkeiten, wie wir unser Gespür und Verständnis für andere Menschen verbessern können:

  1. Aktives Zuhören wenn jemand etwas über sich erzählt.
  2. Nachfragen wie etwas gemeint ist, anstelle davon auszugehen, dass man die andere Person schon versteht.
  3. Sich selber fragen, wie man sich gerade eigentlich fühlt.
  4. Das aktive Suchen nach Gemeinsamkeiten.

Auf der anderen Seite kann es nach einigen emotionalen Achterbahnfahrten, welche man mit für einen wichtigen, aber auch weniger wichtigen Personen durchgestanden hat ernsthaft von Interesse sein, seine Empathie zumindest für eine spezielle Person herunterzuschrauben oder abzuschalten. Auch wenn das für viele HSP vielleicht grausam klingen mag, aber eine ausgebrannte HSP welche nur noch im Leiden und Drama anderer Menschen gefangen ist, ist leider zu sehr involviert und vielleicht ein Opfer ihrer Empathie geworden. Ein berühmter Philologe hat vielleicht schon damals die Krux der Empathie erkannt und seinen berühmten Ausspruch aus dieser Erkenntnis zum besten getan:

Gott ist tot, er ist am Mitleid mit den Menschen gestorben!
Friedrich Nietzsche

Doch ja, wichtiges und richtiges Handeln in einer Situation kann dem eigenen Bedürfnis zum Opfer fallen, niemanden verletzen zu wollen. Lange andauerndes Mitleid mit Personen, mit denen man vielleicht eigentlich wenig bis gar nichts zu tun haben möchte, kann wie ein steter Tropfen einen Stein aushöhlt auch eine HSP psychisch und physisch schädigen. Es ist nicht unmenschlich sich selbst zu erlauben die eigene Ausgeglichenheit wiedererlangen zu dürfen. Und mit den folgenden Methoden lässt sich auch die Empathie für eine bestimmte Person oder in einer konkreten Situation verringern:

  1. Das herstellen räumlicher Distanz.
  2. Sich aktiv beobachten um herauszufinden, wann man erschöpft nach Kontakten ist.
  3. Auf körperliche Reaktionen achten und Situationen bevorzugen welche ohne Angespanntheit und Übererregung einhergehen.
  4. Die Eigenverantwortung und Individualität anderer Menschen betonen.

Gerade Schuldgefühle gegenüber anderen Menschen können sehr starke Auswirkungen auf einen selbst haben, und für HSP ist es wertvoll, die eigenen Emotionen von den Reaktionen auf die Gefühle anderer trennen zu können. Auch Sport, Meditation, Kunst, oder einfach mal weitere Reizquellen für eine gewisse Zeit aus dem Leben zu verbannen, und Ruhe im Inneren herzustellen kann zu einem wertvollen Verbündeten gegen die Überforderung durch die eigene Empathie werden.


Quellen und Literatur:

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