Denken versus Fühlen

Dieses Thema kann für hochsensible Personen unserer Zeit einer der intensivsten Konflikte überhaupt sein. Wir bewegen uns damit auf einem Feld das dominiert wird von Missverständnissen über Denken und Fühlen. Sowie Annahmen darüber, wie Menschen per se Denken und Fühlen, welche dann wiederum zu Bewertungen und Missverständnissen zwischen den Anders- Denkenden und Fühlenden führen. Klingt komisch, ist aber eigentlich sogar noch komplizierter. Doch versuchen wir heute einfach mal zu schauen, wie insbesondere HSP von Gedanken über das Denken und einem aktiven Umgang mit Gefühlen profitieren können.


Der scheinbar unlösbare Konflikt

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Niccolò Machiavelli ist mit vielen seiner Hypothesen weitaus mehr pragmatisch als empathisch, doch erkennt er in „Der Fürst“ zumindest die Fähigkeit, vielleicht auch den Wert von Empathie an.

Jeder sieht, was du scheinst. Nur wenige fühlen, wie du bist“ schreibt Niccolò Machiavelli in „Der Fürst“ und weist damit darauf hin, wie leicht doch Menschen durch ihren Verstand und den Schein über die eigene Person in die Irre zu führen sind. Nur über die Empathie scheinen wir Zugriff auf die Persönlichkeit hinter der Präsentation zu bekommen. Der Streit wird auch auf körperlicher Ebene fortgeführt: Von unserem bildlichen Verständnis her sind das Gehirn oder der Kopf als Denkapparat und unser Herz oder Bauch als Sitz unserer Emotionen an unterschiedlichen Plätzen im Körper verortet und voneinander getrennt.
Doch wie kommt es überhaupt dazu, dass Fühlen und Denken als oft als unvereinbare Gegensätze wahrgenommen werden? Dort wo Denken mit dem analysieren von Fakten und dem vernünftigen Handeln nach einer Bewertung der einzelnen Bestandteile eines Problems assoziiert werden kann, scheint es oftmals so zu sein, dass dem Fühlen ein Wissen zugeschrieben wird, welches ohne diese intentionale Anstrengung abgerufen werden kann und zu ebenso guten, manchmal aber auch zu besseren Ergebnissen führen kann, als es der verstandesmäßigen Auseinandersetzung mit einer Fragestellung möglich wäre.

Widmen wir uns also erstmal dem Denken, um in Erfahrung zu bringen, wo die Unterschiedlichkeit ihren Ursprung hat.


Denken

Fangen wir direkt einmal mit einer Definition von Denken an:

[Denken ist] das verstandesmäßige Erfassen von Eindrücken und Zusammenhängen, das zu Schlußfolgerungen und Urteilen führt. […]
Psychology48.com

Es gibt noch weitere Definitionen, wenn es um spezielle Bereiche des Denken geht, doch diese Definition zeigt sehr gut auf, dass Wahrnehmung, Informationsverarbeitung und Denken miteinander in Verbindung stehen. Wir haben hier sogar gleich zwei Bereiche in denen HSP eine intensivere Auseinandersetzung erfahren, nämlich das Wahrnehmen von Eindrücken und das Erkennen von Zusammenhängen. Vielleicht wird jetzt auch deutlich warum für Hochsensible eine Auseinandersetzung mit Denken per se eine fruchtbare Angelegenheit sein kann.
Wenn wir erkennen, dass unser Denken von eben unserer eingehenderen Wahrnehmung gespeist wird und die Zusammenhänge, welche wir aufgrund der differenzierteren Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Quellen wahrnehmen können, in Denkprozesse einfließen, dann lässt sich zum Beispiel leicht erklären, wie wir es schaffen, durch schiere Beschäftigung mit Themen in größere Aufregung zu verfallen und dabei schneller erschöpfen. Auch finden wir hier Gründe, warum unsere Schlussfolgerungen manchmal von Nicht-HSP nicht nachvollzogen werden können, oder aber eine ausführlichere Erläuterung vieler unser Vorannahmen erfolgen muss, um das Endergebnis unserer Schlussfolgerungen erklärbar zu machen.

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Denken wird oft gleichgesetzt mit den logischen Prozessen, welche von Prozessoren durchgeführt werden. Und obwohl es zwischen der Funktionsweise des Gehirns und einem Prozessor durchaus Parallelen gibt, bedeutet es nicht dass Denken ein mechanistischer Prozess ist.

Eine so einfache Definition wie die obige kann für uns HSP bereits der Schlüssel sein, Denken in einem völlig neuen Licht erscheinen zu lassen.
Denn was aus diesem Prozess doch überhaupt bisher gar nicht ausgeklammert wurde, und was eben häufig auch der Grund für Missverständnisse ist, ist dass die Wahrnehmung eben als Gegenstand mit in unser Denken einfließt. Und Wahrnehmung ist eben für HSP wegen ihrer Intensität von so außerordentlicher Wichtigkeit – und mit etwas Verständnis dafür dass Wahrnehmung auch Rückschlüsse auf die Einstellung einer Person zu einem Gegenstand zulässt, zeigt sich hier doch schon, dass Denken kein objektiver, „herzloser“ Prozess ist.
Natürlich ist das Ergebnis unserer Schlussfolgerungen dann auch etwas auf dass wir stolz sein können, denn immerhin ist in unser Denken unsere Erfahrung und unser Wissen eingeflossen, und das Ergebnis spiegelt zu einem gewissen Grad unsere Werte wieder.

Objektivität

Dass ein Konflikt zwischen Denken und Fühlen, wahrgenommen wird liegt vielleicht eher daran, dass es Bereiche, namentlich im wissenschaftlichen Arbeiten, gibt, wo Schlussfolgern und Denken Regeln folgen. Regeln auf persönliche Erfahrungen oder schlimmer noch Gefühle und intuitives Wissen anzuwenden erscheint den meisten HSP wahrscheinlich erst einmal extrem suspekt, doch sind diese Maßgaben auch für etwas komplett anderes gedacht als die individuelle Erfahrung eines Menschen abzuwerten.
Bestimmte Gesetzmäßigkeiten sollen lediglich ein Verstehen ermöglichen, von dem mehr als nur wir selbst profitieren können. Die Existenz von Regeln für bestimmte Bereiche des wissenschaftlichen Arbeitens und damit Denkens kann zwar wirken, als wäre es mechanistisch und kalt, aber gerade moderne Wissenschaftler wie Neurobiologe Sam Harris (End of Faith) weisen auf die die Sinnstiftung hin, welchen wir durch individuelle Interpretation unserer Erfahrungen gewinnen können, und dass uns natürliche Fähigkeiten wie Empathie und das Bedürfnis nach Antworten und einem sinnerfüllten Leben als ganze Spezies verbindet. Wir HSP vergessen ob der Tiefe unserer Wahrnehmung und unseres Erlebens leider oftmals ebenso gut, dass Normalsensible keine Maschinen sind. Doch gerade introvertierte HSP können vielleicht  auch die Lust und den Genuss einer Denkaufgabe und beim Verknüpfen von verschiedenen, oberflächlich betrachtet eigentlich nicht zusammenhängenden Sachverhalten sehr gut nachvollziehen.


Fühlen

Der Begriff „Gefühl“ (engl. feeling) steht im Deutschen für eine enge Definition von Emotion, die die subjektive Erlebensqualität als ein Teil der Emotion in den Mittelpunkt rückt.
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Das Herz ist als Symbol in unseren Breitengraden der Inbegriff für gefühlsmäßige und wohlwollende emotionale Regungen

Der berühmte Ausspruch von Antoine de Saint-Exupéry „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ aus „Der kleine Prinz“ löst wahrscheinlich auch jetzt gerade wohlwollendes Nicken bei den meisten, dieses Zitat lesenden HSP aus.
Auf Ebene der Gefühle ist aber auch eine Menge los im Menschen:
Stimmungen bezeichnen eine grundlegende Ausgerichtetheit von Emotionen, welche wie die tiefen Strömungen unter der Meeresoberfläche sogar entgegengesetzt zu den sichtbaren Wellen sein können. Meta-Gefühle können durch Erinnerungen oder Vorstellungen geweckt werden und haben vielleicht mit der akuten Situation gar nichts zu tun, doch sind sie in der Lage unsere Erinnerungen so lebendig werden zu lassen, dass das Hier und Jetzt weit in den Hintergrund rückt. Körperliche Zustände wie Schmerzen, Hunger, Überreizung und Krankheit können uns traurig oder aggressiv werden lassen, ja sogar gereizt ganz gegen unsere normalen Emotionen und Einstellungen fühlen und handeln lassen. Doch zwischen all diesen emotionalen Bewegungen finden wir dann auch noch zu guter Letzt das Gefühl, als körperliches Empfinden in unserem Inneren, welches an eine Vorstellung oder Gedanken gebunden sein kann.
Gerade weil Hochsensible diese individuellen Gefühle so intensiv wahrnehmen, und wissen, wie sehr uns eine Empfindung mitreißen kann, sind wir oftmals umso umsichtiger mit unserem Verhalten und mit Worten.
Doch all diese Emotionen basieren häufig auf unseren früheren Erfahrungen und spiegeln sich in unserer Einstellung zu  bestimmten Menschen, Themen und Objekten wieder. Wir sind dadurch praktischerweise oft in der Lage schnell aus dem Bauch heraus Entscheidungen zu fällen oder ein Urteil abzugeben oder zu handeln. Gefühle helfen uns also deswegen dabei Entscheidungen im Alltag zu treffen, da sie oft auf Einstellungen beruhen, welche sich in der Vergangenheit bewährt haben.


Hassliebe Denken

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Denken tritt selten alleine auf und bedient sich oft der Erfahrung um eine Situation oder ein Problem zu bewältigen. Selbst beim Schach.

Obwohl wie wir weiter oben schon festgestellt haben HSP eine Veranlagung zum gründlichen Überdenken vieler Themen haben, mögen wir es manchmal nicht, wenn bestimmte Themen genauer beleuchtet werden. Dabei dominiert lediglich in sehr speziellen Situationen wie Forschung oder künstlerischer Tätigkeit das regelgeleitete Denken oder ein rein gefühlsbetonter Ausdruck. Doch trotzdem gibt es gerade wenn es um individuelle Gefühle  oder besonders gefühlsbeladene Themen wie Liebe oder Spiritualität geht, bei HSP oft die Angst davor etwas „kaputt zu analysieren“.  Vielleicht ist diese Angst aber auch gar nicht so sehr daran geknüpft, dass ein Prinzip, welches uns wichtig ist, nicht die Wertschätzung erfährt, die wir diesem Prinzip gerne zukommen lassen wollen. Sondern es ist die Angst davor, dass die Vorstellungen, welche wir von etwas haben bei genauerer Betrachtung die Erwartungen, welche wir daran haben vielleicht gar nicht in diesem Ausmaß für uns, oder aber auch für andere erfüllen kann.
Und ja, wir HSP lieben oft unsere kleinen geistigen Enklaven und Luftschlösser, denn sie sind ein Trostpflaster für die blauen Flecken der scheinbar so rüpelhaften, verkopften Ellenbogengesellschaft. Eine Fatamorgana kann ein echter Durstlöscher sein, wenn man das Gefühl hat emotionale Durststrecken durchleiden zu müssen.


Der goldene Mittelweg: Die Intuition

Für viele HSP ist Intuition so etwas wie ein manifest gewordener Beweis für die Überlegenheit der Spontaneität und des Gefühls gegenüber dem rein verstandesmäßigen  Denken. Doch stellt Intuition eigentlich einen großartigen Konsens aus Denken und Fühlen dar. Denn die rasend schnellen Schlüsse der Intuition wären ohne unser Vorwissen und vorangegangene Auseinandersetzung mit ähnlichen Situationen gar nicht möglich.

[Hinter Intuition] verbirgt sich […]  häufig eine spontane und rasche Mustererkennung und das meist unbewusste Abrufen von Erfahrungswissen
Lexikon.Stangl.eu

Unsere Intuition kann auf mehr Erfahrung und unser Vorwissen zurückgreifen und bezieht sogar Verknüpfungen mit ein, über die wir uns im Zusammenhang mit unserer Fragestellung selbst noch nicht den Kopf zerbrochen haben. Doch liegt sie mitnichten immer richtig.  Wir HSP freuen uns ja auch nicht umsonst wie verrückt, wenn jemand anderes eben die selben Ideen und spontanen Einfälle und Gefühle sowie Gedanken wie wir selbst hat – denn all diese Vorgänge sind zumeist sehr subjektiv und im Großteil der Situationen erst einmal nur für uns alleine zugänglich.
Und so stellt doch die Intuition ein ganz wundervolles Beispiel dafür da, wie Denken und Fühlen Hand in Hand gehen um uns den Umgang mit Problemen und dem Alltag zu erleichtern. Es geht letzten Endes also selbst für unser Gehirn gar nicht so sehr darum, dass wir immer Recht behalten müssen um unser Leben bestreiten zu können. Sondern dass wir zumindest das Gefühl haben, dass sich unser Denken und unsere Erfahrung jeden Tag aufs Neue bewähren können. Und das schmeichelt sowohl dem Kopf als auch dem Herz.


Quellen und Literatur

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