10 Gründe für unsere Gesellschaft sich mit Hochsensibilität auseinanderzusetzen

Ein großer Teil der bisher verfügbaren Artikel und Sachbücher richten sich direkt an hochsensible Personen und sollen das Verständnis für die eigene Situation ermöglichen und erleichtern. Doch der Frage, welchen Einfluss ein Mehr der sich frei entfaltenden Hochsensibilität in unserer Gesellschaft mit sich bringt geht eine andere Frage voraus: Wie fördert man die Auseinandersetzung mit Hochsensibilität überhaupt?
Um eine Antwort darauf liefern zu können widmen wir uns heute 10 guten Gründen, warum auch Nicht-Hochsensible sich eingeladen fühlen können, sich mit Hochsensibilität auseinanderzusetzen. 


1. Hochsensible machen einen großen Teil der Gesellschaft aus

Zwischen 15 und 20 Prozent aller Menschen sind hochsensibel, das wären in Deutschland im Jahr 2015 alleine zwischen 12,1 und 16,2 Millionen Menschen. Sich mit dem Temperament und der Disposition  eines so großen Anteils der Bevölkerung auseinanderzusetzen kann schon alleine deswegen nützlich sein, einfach weil es so viele HSP gibt. Und wenn man im Hinterkopf behält, dass viele der introvertierten oder schüchternen Menschen vielleicht HSP sind, dann bietet die Beschäftigung mit Hochsensibilität einen wichtigen Hafen von dem aus man diesen Menschen vielleicht entgegenkommen kann.


2. Es beugt Missverständnissen vor

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Hochsensible sind schneller durch Reize erschöpft als Normalsensible und benötigen Zeit für sich um sich zu erholen.

Gleichsam als normal- wie hochsensible Person kann es leicht passieren, dass man dazu verleitet ist, davon auszugehen, dass doch die anderen Menschen ein ähnliches Maß an Reizen und Stimulation vertragen wie man selbst. Sich mit Hochsensibilität auseinanderzusetzen kann dabei helfen, die Erschöpfung des Arbeitskollegen auf dem Firmenfest zu verstehen und warum er früher als andere nach Hause geht. Oder man kann nachvollziehen, warum ein Familienmitglied zwischendurch Pausen für sich selbst benötigt und gereizt darauf reagiert, wenn man ihn oder sie beim Erholen stört. Das Missverständnis, dass Hochsensible, insbesondere introvertierte Hochsensible, kein Interesse am Miteinander hätten, oder eher eigenbrötlerisch veranlagt sind, könnte damit etwas aus der Welt geschafft werden.
Das Gegenteil ist sogar der Fall, und viele HSP sind zu außerordentlichem Wohlwollen in der Lage und von einem großen Gefühl für die Gemeinschaft erfüllt – doch ist es nicht immer einfach dies auch auszudrücken.


3. Hochsensible empfinden von Natur aus Wertschätzung für Verständnis

Das Bedürfnis danach, für einen selbst interessante Themen verstehen zu wollen, und Recherche nicht nur als Zeitvertreib anzusehen, ist für die meisten Hypersensitiven ein zentrales Thema. Und auch wenn sie es nicht unbedingt direkt ihre Dankbarkeit mitteilen sind die meisten HSP dennoch sehr glücklich darüber, dass eine aktivere Auseinandersetzung mit dem Thema den Weg in die Gesellschaft gefunden hat. Sie wissen es wertzuschätzen dass auch Nicht-HSP sich mit Themen wie Erregung, Nervosität, Lärm und das Bedürfnis nach sozialem Miteinander auseinandersetzen. Verständnis für HSP zu zeigen ist eine sehr konkrete Form der Wertschätzung des Erlebens von hochsensiblen Menschen, welches auch eine Einladung für ein gemeinsames Miteinander darstellt welches von gegenseitigem Respekt geprägt ist.


4. Die Auseinandersetzung mit Hochsensibilität sensibilisiert einen für die Vielfalt von Menschen

Unter HSP, wie auch unter all den Menschen die nicht hochsensibel sind, gibt es große Unterschiede darin in welchem Ausmaß sie Reize verarbeiten. Auch wie sehr sie die Fähigkeit und Bereitschaft zu Empathie ausgebildet haben oder ein Bedürfnis nach Ruhe empfinden ist unterschiedlich. Diversität – Unterschiedlichkeit und Vielfalt – ist ein wichtiges Thema unserer Zeit, und Hochsensibilität als Temperament kann ein schönes Beispiel dafür sein, wie Bedürfnisse und Veranlagungen über die Kulturen hinweg als Bestandteil unserer Spezies bestehen können.


5. Die Auseinandersetzung ist ein guter Einstieg in viele psychologische und soziale Themen

Wenn man sich mit Hochsensibilität auseinandersetzt kommt man um Themen wie „Reiz“, „Wahrnehmung“ und „Bewusstsein“ kaum herum. Diese Themen sind aber auch ein wichtiger Bestandteil vieler psychischer und gesellschaftlicher Phänomene, so dass ein Gespür und Verständnis für die Unterschiedlichkeit von Wahrnehmung und Bewusstsein zu haben sogar im Alltag hilfreich ist. Und sei es nur, dass wir etwas nachsichtiger werden, wenn uns jemand im Straßenverkehr die Vorfahrt nimmt, weil er uns vielleicht wirklich nicht gesehen hat. Oder weil wir plötzlich ein Verständnis dafür entwickeln, dass der Nachbar, welcher sich über den Lärm des Staubsaugers beschwert diesen Lärm vielleicht wirklich erheblich unangenehmer wahrnimmt.


6. Ein größeres Verständnis für Hochsensibilität fördert gemeinsame Werte

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Viele HSP machen sich gerne in Ruhe Gedanken darüber, wie man das Leben für Menschen besser gestalten könnte.

Jenseits vom unterschiedlichen Bedürfnis nach Reizen und der Stimulation durch Kunst, Natur oder gemeinschaftlichem Miteinander bietet sich Normal- wie Hochsensiblen die Möglichkeit zum Austausch und das Erkennen gemeinsamer Werte und Ideale. Nachhaltigkeit, das Bedürfnis nach Sicherheit, das Vermeiden von unnötigem Leid und Hilfe für Menschen denen es schlechter als einem selbst geht sind Themen die wir als Gesellschaft miteinander teilen. Hier bietet sich die Möglichkeit für einen umfassenden Austausch und das Entdecken gemeinsamer Werte, und der hochsensible Idealismus kann vom Pragmatismus des Gegenübers profitieren und umgekehrt.


7. Die Auseinandersetzung fördert die Akzeptanz der Hochsensibilität in der Gesellschaft

Dank der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Thema und der steigenden Zahl von Veröffentlichungen kommt es zu einer größeren Akzeptanz der Hochsensibilität. Selbst wenn es nur durch den Mere-Exposure-Effekt wäre – also dadurch dass man immer wieder mit dem Thema Hochsensibilität konfrontiert wird, wird diese irgendwann als positiver wahrgenommen – wäre eine Auseinandersetzung von Vorteil.


8. Durch die vermehrte Auseinandersetzung werdenMedien und Forschung gefördert

Umso bekannter ein Thema wird und umso mehr gesellschaftliche Relevanz es bekommt, umso eher wird dieses Thema auch von Medien und Forschung aufgegriffen. Das führt wiederum dazu dass Vorurteile abgebaut werden können und es vielleicht auch zu konstruktiverer Auseinandersetzung mit dem Thema kommt. Gerade bei Hochsensibilität müssen auch damit zusammenhängende Themen berücksichtigt werden, wie die Bewertung zu Stress und der Umgang mit Umweltnoxen wie Lärm, Chemikalien und Luftschadstoffen etc, auf welche viele HSP empfindlich reagieren. Hochsensibilität hängt nicht im leeren Raum sondern berührt viele Bereiche, genau so wie eben das Erleben der HSP durch unsere Gesellschaft mitgestaltet wird und im Umkehrschluss Einfluss darauf hat.


9. Unsere gesellschaftlichen Ideale von Sensibilität und der Umgang mit Gefühlen könnte sich verändert

Zum Glück hat sich Dank der LGBT-Bewegung und der Emanzipation das gesellschaftliche Bild von Verhalten, Rollen und Emotionen von Männern und Frauen schon stark gewandelt. Doch gibt es immer noch nur eine geringe Vereinbarkeit von Erfolg und Kompetenz in Kombination mit weiblichen Merkmalen wie Sensibilität und Empathie. Das liegt mitunter an unseren westlichen Idealen von materiellem und beruflichem Erfolg und den Stereotypen, welche wir von Führungspersonen haben (welche mitunter deckungsgleich mit den Merkmalen von Menschen mit antisozialer Persönlichkeitsstörung sind, aber garantiert nicht mit hochsensiblen Personen).
Doch mit einer tiefergehenden Beschäftigung mit Hochsensibilität könnte sich dies ändern und vielleicht sich auch der Wert von Fertigkeiten wie Empathie und die Anerkennung für das Zulassen von Emotionen mehr in der Gesellschaft etablieren.


10. Unsere Vorstellungen von Normalität könnte sich erweitern

Ein besonders schöner Effekt der Beschäftigung mit Hochsensibilität liegt in der Erweiterung unserer Vorstellung davon, was eigentlich normal in unserer Gesellschaft ist. Die Vorstellung von der sozialen Erwünschtheit von bestimmten Verhaltensweisen könnte sich wandeln, und wir würden als Gesellschaft eventuell etwas toleranter werden. Davon würden vielleicht auch weitere Minoritäten profitieren, was ein absolut wünschenswerter Effekt wäre.


Quellen und Literatur

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4 Kommentare

  1. Interessante Aspekte, allerdings stört mich der Begriff Hochsensibilität bzw HSP im Allgemeinen, insbesondere, wenn die Thematik Adressaten der Auseinandersetzung in größeren Kreisen sucht. Hochsensibilität impliziert Verletzbarkeit, was ebenfalls mit der Empfänglichkeit für Reize stark in Beziehung steht, jedoch ist dies nur ein Teil des beschriebenen Temperaments. Für inhaltliche Auseinandersetzungen in breiteren Kreisen schlage ich andere Begriffe vor; solche, die nicht unbedingt Berührungsängste auslösen. Wie wäre es mit: „Rezeptive“ oder „Empfängliche“ Person? Diese Begriffe implizieren nicht in dem Maße wie „Hochsensibilität“ Schwäche oder Verletzlichkeit, sind weniger voreingenommen. Diese Begriffe könnten einen Diskurs fördern, da betroffene Personen nicht schon begrifflich zu den „Sensibelchen“ oder „Ängstlichen“ wegsortiert werden. Der Begriff Hochsensibilität ist meines Erachtens viel zu beladen, „Rezeptivität“ ist dagegen für einen unvoreingenommenen Diskurs viel eleganter :=)

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    1. In der Tat habe ich neulich in einem Artikel der „Welt“ sogar einen direkten Bezug zwischen der Verwendung von Hochsensibilität und der Interpretation als „zu ängstlich und schüchtern“ gesehen. Die Autorin oder der Autor hatte ein kleines Kind als „Fass-mich-nicht-an“ oder so ähnlich bezeichnet, weil es nicht gerne von der Tante an Weihnachten geherzt, geknuddelt werden wollte.
      Ich verwende extra häufiger den Begriff „hypersensitiv“ neben „hochsensibel“ einfach weil er auch eher den Bezug zu Reizen hat. Leider hat sich hochsensibel in den Medien jedoch schon eingebürgert.

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