Beziehungen und Soziales

Teilnehmer gesucht: Onlinestudie zur Bereitschaft internationaler Mobilität, Persönlichkeit und Hochsensibilität

Für diese englischsprachige Studie zur internationalen Reisebereitschaft, Persönlichkeitsmerkmalen und HS, im Rahmen ihrer Masterarbeit, sucht Stefanie Dietel noch Teilnehmer. Es ist eine Onlinestudie, die sich bequem am PC bearbeiten lässt. Es sind herzlich alle eingeladen mitzumachen.

Hier geht es zur Studie!

Design: http://www.deviantart.com/art/Burma-Train-at-Sunset-Stock-602650474

Advertisements

Hochsensibilität und Narzissmus

Auch wenn Narzissmus und Hochsensitivität auf dem ersten Blick nicht sonderlich viele Gemeinsamkeiten haben, oder sogar gegensätzlich zu sein scheinen, so übt doch die Beschäftigung mit Narzissmus für viele HSP eine gewisse Faszination aus. Das geht so weit, dass Autorin Deborah Ward in der Psychology Today in einem Artikel behauptet, dass die meisten HSP in ihrem Leben in irgendeiner Weise eine Beziehung zu einem Narzissten gehabt haben. Dabei sind gerade einmal etwa ein Prozent der Bevölkerung Narzissten, wohingegen 17-20 Prozent HSP darstellen. warum also treffen HSP und Narzisst immer wieder aufeinander?  


Einführung und Hinweis

Im folgenden Artikel wird es hauptsächlich um das Zusammenleben zwischen HSP und Menschen mit dem klinischen Bild der narzisstischen Persönlichkeitsstörung gehen, von Psychotherapeutin und Victimologin Marie-France Hirigoyen auch maligner Narzissmus genannt. Ich weise darauf hin dass das Lesen eines Artikels keine professionelle Diagnose ersetzt. Auch wenn das Störungsbild des Narzissmus im Kern gleich bleibt, gibt es dennoch in der individuellen Ausprägung des Verhaltens, sowie in der Schwere der Störung Unterschiede und auch geschlechtsspezifische Besonderheiten. Ebenso ist die Störung abzugrenzen von einfacher Überheblichkeit oder einem grandiosen Selbstwertgefühl, da Ursachen sowie Auswirkungen auf Betroffene und Umwelt eine andere sind. Rein aus Platzgründen wird sich dieser Artikel, solange nicht ausdrücklich anders erwähnt,  mit den größten Gemeinsamkeiten des Stereotypen der malignen Störung befassen.


Was ist eine Narzisstische Persönlichkeitsstörung

Essentiell handelt es sich bei der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung um ein (künstlich) übersteigertes, aber fragiles Selbstwertgefühl. Doch ist es durchaus möglich „narzisstischer“ als der Durchschnitt zu sein, bzw. selbstverliebter oder selbstherrlicher zu sein, ohne dabei eine narzisstische Persönlichkeitsstörung entwickelt zu haben. Und ebenso gibt es auch bei Menschen mit einer NPS noch weitergehende Unterscheidung je nach Stärke der Ausprägung einzelner Verhaltensweisen. Diese Verhaltensweisen sind unter Anderem:

  • Das Gefühl außergewöhnlicher Wichtigkeit der eigenen Person
  • Phantasien von Außergewöhnlichkeit in Bereichen wie Erfolg, Macht, Einfluss, Schönheit, Geliebt werden, Intelligenz
  • Der Glaube dass man außergewöhnlich ist
  • Das Bedürfnis nach sehr viel Bewunderung und Bestätigung
  • Das Gefühl zu besonderer Behandlung berechtigt zu sein
  • Das materielle und emotionale Ausnutzen anderer Menschen
  • Einem Mangel an oder völlige Abwesenheit von Empathie
  • Neid
  • Ausgeprägte Empfindlichkeit gegenüber Kritik
  • Arrogantes Verhalten oder Herabwürdigung der Leistungen anderer
  • Verdeckte Aggression

Eine echte narzisstische Persönlichkeitsstörung ist dadurch gekennzeichnet dass das oben beschriebene Verhalten nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist. Jeder hat „narzisstische“ Momente in welchen er außergewöhnlich Stolz auf sich oder das Ergebnis seiner Bemühungen ist, und in welchen man sich selbst als herausragend zujubelt, oder Phasen in welchen man sich als besonders herausragend und einzigartig wahrnimmt, wenn man sich mit Charaktereigenschaften oder den Ergebnissen anderer Menschen um sich vergleicht. Diese Augenblicke sind Streicheleinheiten für das Selbstwertgefühl und haben auch eine positive Wirkung auf das Gefühl, dass man sein Leben bewältigen und gesetzte Ziele erreichen kann.
Doch ist eine Narzisstische Persönlichkeitsstörung nicht nur ein Ausnahmezustand dieses natürlichen Bedürfnisses nach Individualität, des sich wertvoll Fühlens,  und dem Antrieb Kontrolle, zum Beispiel über das eigene Leben oder die eigenen Gefühle, zu haben, sondern mit einer tiefgreifenden Umgestaltung der Wahrnehmung, insbesondere der Selbstwahrnehmung verbunden.

Oftmals wird der die Aussage, dass etwas „unbewusst“ geschieht, im alltäglichen Sprachgebrauch verwendet, um darzustellen, dass jemand nicht weiß, dass es einen Antrieb außerhalb des Bewusstseins gibt, welcher den Betroffenen eigentlich dazu bringt eine Handlung auszuführen oder eine spezielle Empfindung oder Wahrnehmung zu haben. Bei Menschen mit einer NPS wird dies, wie Marie-France Hirigoyen in Masken der Niedertracht beschreibt, insbesondere dadurch gekennzeichnet, dass eine Abspaltung von in der Kindheit als schwach oder verletzlich wahrgenommenen Persönlichkeitsanteilen geschieht. Dies geht so weit, dass eigene Bedürfnisse welche Außerhalb generischer Platzhalter von Bewunderung und Kontrolle, auch körperliche Bedürfnisse, Makel und Beschwerden nicht mehr wahrgenommen werden, oder in positiver Weise verzerrt interpretiert werden. Die Ursachen für diese Abspaltung können unter Anderem von Vernachlässigung des Kindes über das Erleben von Momenten der Schwäche eines mit diesem identifizierten Menschen bis hin zu übermäßigem Lob und Abschottung von Konflikten und Krisen durch die Eltern reichen.

vodka__fish_and_bread___a_feast_by_8moments-dah57nr

Viele Narzissten haben eine Suchtproblematik

Gerade der Einfluss der verringerten oder veränderten Körperwahrnehmung ist nicht zu unterschätzen, da sich hierüber auch exzessives Verhalten erklärt, welches viele Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeiststörung aufweisen. Dieses Verhalten kann den exzessiven Konsum von Alkohol und anderen Drogen darstellen (Schmitz et al. 2001), übermäßiges Verlangen nach Essen, Sex, Sinneseindrücken und genereller Stimulation. Diesen Antrieb kennt man auch von High Sensation Seekern (Menschen sich abwechselnden Phasen des Bedürfnises nach starker Aktivität und Stimulation auf der einen, und Ruhe auf der anderen Seite). Ebenso wie bei diesen steht hier ein Streben nach Gleichgewicht und Stimulation im Vordergrund, doch ist die Ursache eine andere. Wo der High Sensation Seeker Lust, Inspiration und Sinnlichkeit empfindet, während er sein Erregungsniveau auf einem angenehmen Level hält, stellt der Exzess bei Menschen mit NPS  eine Flucht von Langeweile und / oder innerer Leere dar, welche ein Substitut für Aggressionen darstellen.

Aggressionen spielen beim Verständnis für die NPS eine Rolle, da auch diese Emotion nicht offen gezeigt und auch oftmals nicht direkt empfunden wird, sondern sich verdeckt in Kritik, Abwertung und Grenzüberschreitungen äußert, welche bis hin zu Mobbing, finanzieller Ausbeutung und sexuellen Übergriffen reichen können. Bei diesen Aktionen geht es gleichsam darum Macht auszuüben um die abgespaltenen, negativen Emotionen im eigenen Inneren durch das Gefühl von Dominanz zu kontrollieren, sowie um das Ausmaß an Nähe, welches eine andere Person zum Menschen mit der NPS aufgebaut hat, zu kontrollieren. Dieses Ausmaß an Nähe ist bedeutsam, da diese Aggressionen und das Kontrollverhalten im Ausmaß umso stärker werden, umso näher man der betroffenen Person steht. Denn Kontrollverlust durch zärtliche Regungen, Liebe und emotionale Wärme stehen im Kontrast zu den verdrängten, verletzbaren  Persönlichkeitsanteilen, und forcieren ihrerseits bei Grenzüberschritten, welche bei nahen Beziehungen unvermeidbar sind, eine Ausgleichsbewegung um die Kontrolle aufrecht zu erhalten.

So erklärt sich auch das in den Anfängen der Beziehungen gezeigte generöse und wohlwollende Verhalten. Geschenke, Lob und das Gefühl von Bedeutsamkeit sowie der Spaß miteinander sind Ausdruck der eigenen Herrlichkeit des Menschen mit der NPS, in dessen glanzvolles Leben man nun tritt. An welchem man Dank seiner oder ihrer Gnade teilhaben darf.


Das Miteinander von Hochsensitiven und Narzissten

arts martiaux 52

Narzissten werden nur sehr selten physisch aggressiv, sondern verletzen ihre Opfer verbal, und indem sie die Betroffenen destabilisieren und isolieren.

Wenn wir hier nun lesen, dass die narzisstische Persönlichkeitsstörung durch ein enorm übersteigertes Gefühl von Wichtigkeit,  dem Bedürfnis nach Bestätigung sowie der Unfähigkeit gekennzeichnet ist, die Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen wahrzunehmen, dann bewegt dies viele Leser wahrscheinlich emotional erstmal nicht sonderlich. Das liegt meines Erachtens nach in der HSP-typischen Naivität begründet, nach welcher wir in unserer Vorstellung nur schwer ein Abbild davon erschaffen können, dass es menschliches Leben ohne Mitgefühl oder dem Achten auf die Bedürfnisse anderer Menschen überhaupt gibt, oder dass ein Mensch andere Menschen ohne Gewissensbisse auf materielle und emotionale Art ausnutzen kann, welche das Opfer als ausgebrannte und traumatisierte Hülle zurück lässt.
Ich möchte hier als Erörterung anbieten dass beim Verständnis für Narzissmus das Erleben des eigenen Bedürfnisses nach Anschluss an andere Menschen für HSP zu einer Falle wird. Denn die Furcht vor den Schlussfolgerungen welche sich aus einer derartigen Abwesenheit von Empathie ergeben würden, und das Unverständnis für die Ausmaße welches egoistisches Verhalten annehmen kann, verhindert ein emotionales Nacherleben der narzisstischen Persönlichkeitsstörung. In genau diesem versagt die empathische Kompetenz, auf welche sich ein großer Teil der HSP normalerweise verlassen. Zwar wird der oder die Betroffene, je nach Nähe die man zu ihm oder ihr hat,  als unauthentisch, vielleicht manchmal verletzend oder herablassend wahrgenommen – doch gerade wenn man der Person umso näher steht tendieren HSP aufgrund ihrer Unsicherheit nun erstmal dazu den Fehler bei sich zu suchen. Genau dies ist es auch, was Menschen mit einer NPS beabsichtigen, weil dadurch die Kritik oder Verantwortung für das verletzende Verhalten von ihnen zu ihrem Opfer wandert.
Dies ist umso verletzender für HSP, da diese nun nahe stehende Person zu Beginn ihres Miteinanders sich besonders interessiert und wohlwollend verhalten hat, so dass wir uns umso weiter geöffnet haben, um unsere neue Bekannte oder unseren neuen Bekannten an unserem Innenleben teilhaben zu lassen. Doch während man als HSP nun seinerseits seine echten Gefühle, Arbeit  und Zeit in die Beziehung und das Miteinander steckt geht es dem Menschen mit der NPS nun nicht um die Beziehung selbst, sondern um die Aufmerksamkeit, Bestätigung und Anerkennung, welche er daraus zieht.
Obendrein tendieren Hochsensitive stark dazu sich nicht mit Smalltalk aufzuhalten, sondern reden lieber von Dingen, welche ihnen wichtig sind. Dies ist insofern problematisch, als dass private Details und Geheimnisse von Narzissten leicht als Hebel verwendet werden können, um die HSP emotional zu verletzen oder zu destabilisieren.

Opfer beschreiben immer wieder, dass das Ausmaß der Kontrolle, welche der Mensch mit einer NPS über sie hatte, sich so weit steigerte, dass sich ihr Innenleben und ihre Gedanken den Bedürfnissen des Narzissten angepasst haben. Man wird zu einem Trabanten des Narzissten, so wie die Erde um die Sonne kreist und ist in seinen angstvollen Gedanken darüber gefangen, auf welche Art und Weise man vom Menschen mit der NPS als nächstes manipuliert oder gedemütigt wird. Dies ist eine pervertierte Form der symbiotischen Beziehung, nach welcher viele HSP streben. Mit dem Unterschied dass das Verständnis und die Aufmerksamkeit hier sehr einseitig verlaufen, und man auch gegenüber anderen Menschen dass Fehlverhalten des Narzissten oder der Narzisstin rechtfertigt. Ja, man ist eine Einheit mit dem Narzissten geworden, und gleichzeitig ist man alleine, und in vielen Fällen von Freunden, Bekannten und Kollegen durch den Narzissten isoliert worden. Während das Bedürfnis nach Symbiose und Harmonie der HSP gegen sie verwendet wurde und anstelle gegenseitiger Wärme man ein Nicht-verletzt-werden als Erfolg ansieht.


Können HSP Narzissten sein?

Instinktiv würden wahrscheinlich viele erstmal mit nein antworten. Das ist verständlich, da man Hochsensibilität unter anderem oftmals mit Empathie assoziiert, und wir oben festgehalten haben, dass sich eben sich Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung eben durch einen Mangel oder sogar Abwesenheit von Empathie auszeichnen.
Nichtsdestotrotz können natürlich auch HSP in ihrer Kindheit derartig traumatisiert werden dass sie einen sogenannten kompensatorischen Narzissmus entwickeln. Viele der HSP-typischen Eigenschaften wie die Reizempfindlichkeit und sogar die Unsicherheit bleiben bestehen, werden aber konstant bekämpft und unterdrückt und durch  gegensätzliches Verhalten gegenkompensiert. Man ist immer noch hochsensitiv und auch narzisstisch, aber eben nicht auf die gleiche Weise wie beim oben beschriebenen Bild des malignen Narzissmus.


Fazit

Ich halte es für wichtig zu erwähnen, dass man weder dem Menschen mit der NPS noch der HSP an dieser Stelle Schuld zuweisen sollte. Da wir es hier mit einer Form der Interaktion zu tun haben, welche größtenteils auf dem natürlichen Bedürfnis nach Nähe und der Übererregung und Unsicherheit von Seiten der HSP, und eben einem Menschen mit einer Störung auf der anderen Seite zu tun haben, welche genau dadurch besticht, dieses Bedürfnis und diese Unsicherheit gegen jemanden zu verwenden.
Dennoch ist es wichtig zu verstehen, dass die Schäden, welche Menschen mit einer NPS an gerade ihren nächsten Bezugspersonen anrichten können, die Vorstellungen vieler meiner Leser wahrscheinlich übersteigen, sofern sie nicht selber einmal Opfer davon geworden sind, und dass gerade auch die Wut, welche diese Menschen oftmals empfinden ein Spiegel der Aggressionen sind, welche sie zuvor in pervertierter Form erleben mussten.


Quellen und Literatur

Buchrezension: Hochsensibel – Was tun? Von Sylvia Harke

Hochsensibel – Was tun? ist ein Sachbuch über Hochsensibilität von Diplom-Psychologin und Coach Sylvia Harke. Sie widmet sich in diesem Buch vielen Themen welche einen speziellen Bezug zum emotionalen Erleben in zwischenmenschlichen Beziehungen und Stresssituationen haben, sowie der Aufarbeitung vergangener Ereignisse und der Abgrenzung von Hochsensibilität und anderen Dispositionen oder Störungen. Das Buch ist in der 6. Auflage im Via Nova Verlag erhältlich.


Gliederung und Inhalt

Buchcover Sylvia Harke 1

Ein zartes Pastellorange und eine ikonische Feder empfangen uns mit zärtlichen Eindrücken zu einem Buch dessen zentrale Themen es dennoch in sich haben.

Das Erste was einem auffällt, wenn man sich die Struktur von Hochsensibel – was tun? anschaut, ist, dass die Autorin was tun? wörtlich nimmt und diese rhetorische Frage tatsächlich beantworten will. Das Buch ist daher strukturiert und stellenweise auch illustriert  wie ein Survival-Ratgeber von Rüdiger Nehberg, welcher Leser wie Leserin dabei helfen soll im urbanen Dschungel von Alltag und dem Dickicht der emotionalen Wirrungen nicht die Orientierung zu verlieren. Dazu vermittelt sie Strategien, welche von Checklisten über Meditationen, der Arbeit mit Affirmationen und dem Aufschlüsseln der Persönlichkeitseigenschaften von Freunden und Verwandten reichen.
Auch wenn das Buch in sechs Kapitel unterteilt ist, finden sich beim Lesen zwei große Themengebiete, nämlich  Vergangenheitsbewältigung und Zwischenmenschliches. Ein ziemliches Alleinstellungsmerkmal sogar ist im erstgenannten Abschnitt der große Anteil von Informationen über und Anleitungen zur Aufarbeitung von zurückliegenden emotionalen Verletzungen und Wahrnehmung von Glaubenssätzen. Das ist deswegen ein sehr wichtiger Ansatz, da das Thema noch sehr jung ist, und viele HSP erst im Alter eine Erklärung für ihr Erleben finden, und nun aus dieser neuen Perspektive ihre früheren Erfahrungen neu bewerten müssen. Themen wie Selbstbewusstsein und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und das Annehmen der eigenen Wahrnehmung stehen hier im Vordergrund, aber auch der Umgang mit Geschlechtsstereotypen und Sensibilität sowie das Erkennen der eigenen Bedürfnisse.
Der zweite zentrale Themenblock beschäftigt sich mit Hochsensibilität in allen möglichen sozialen Situationen, von Partnerschaft über Arbeit bis hin zu Familie, und auch die Betrachtung von hochsensiblen Kindern und ihren Bedürfnissen. Spannend ist hier dass Sylvia Harke den alten Klassiker der destruktiven Beziehung zwischen Narzissten und HSP aufgreift, und genauer erläutert, welche Dynamiken sich im Hintergrund abspielen. Aber auch andere eher problematische Beziehungen werden angeschnitten. Generell werden Liebe und Partnerschaft viele Zeilen gewidmet.

Es wäre Falsch zu sagen dass diese beiden Kernthemen durch Fragestellungen rund um Gesundheit, Stress, BurnOut und sogar der Abgrenzung von HS von ADHS und Autismus lediglich abgerundet werden. Denn Dank knapp 350 Seiten in einem etwas größeren Buchformat werden auch alle weiteren Themen nicht nur angeschnitten, sondern auch moderat vertieft.


Kritik

Ich stelle mir bildlich vor wie Sylvia Harke beim Planen der Inhalte des Buches mit einem Klemmbrett oder Notizbuch im Schaukelstuhl sitzt, mit einer Katze auf dem Schoß, und sich überlegt welche Themen des Alltags für HSP eine gewichtige Rolle spielen. Es kann meine Einbildung sein, aber das Buch macht einen sehr geplanten Eindruck, dessen zentralen Themen sich aus wiederkehrenden Fragestellungen aus Sylvias Arbeit als Coach hergeleitet haben.

Die Abschnitte über die Verwechslung von Asperger, ADHS und HS sind in meinen Augen ein sehr wichtiger Teil, der wahrscheinlich leider zu wenig Aufmerksamkeit von der Leserschaft erhalten wird. Ebenso spannend finde ich es, dass Sylvia Harke und ich unabhängig voneinander die Gefahr des hochsensiblen Idealismus am Arbeitsplatz in eine BurnOut-Problematik abzurutschen aufgreifen. Das ist ebenfalls ein Thema welches zu wenig Aufmerksamkeit erfährt.
Summa Summarum ist Hochsensibiltät – was tun? das Werk für nahezu alle Hochsensiblen, aber insbesondere für diejenigen, welche eine Menge Emotionen aufzuarbeiten haben und Ballast aus der Vergangenheit mit sich tragen. Es gibt nur wenige Themen welche Sylvia Harke in diesem Buch nicht bearbeitet hat, so dass von existenzieller Angst bis hin zu spirituellen Fragen in Paarbeziehung nahezu alles vorhanden ist. Meine einzige Rüge wäre, dass man trotz des sehr warmherzigen Schreibstils keinesfalls den Trugschluss ziehen sollte, dass das Aufarbeiten der Vergangenheit oder die Arbeit mit EMDR – einer Technik zur Traumabewältigung – ein Spaziergang im Park wären. Es ist ein umfassendes und informationsgeladenes Buch mit einer nahezu unüberschaubaren Fülle an Methoden und Techniken, dass in meinen Augen durch seine liebevolle Aufmachung und Schreibweise etwas darüber hinwegtäuscht, dass potentiell sehr aufwühlende und schmerzhafte Themen behandelt werden.


Fazit

Hochsensibel – Was tun? wird wie kaum ein anderes Buch der Tatsache gerecht dass viele HSP erst im Alter mit ihrem Temperament konfrontiert werden, und sich oftmals in ihrem Leben von der Umwelt bedroht und von Mitmenschen nicht verstanden gefühlt haben.
Der Schreibstil ist wohlmeinend warmherzig und sanft, und trägt sicher einen Teil dazu bei dass gerade sehr verwundete HSP sich sicher und angenommen fühlen können, wohingegen die Vielzahl der Techniken einen Weg aus den Wirrungen ihrer Innenlebens weisen sollen. Doch darf man sich nicht darüber hinwegtäuschen lassen dass  bei diesem Buch durchaus auch Themen aufgegriffen werden, die durch Selbstreflexion und Aufarbeitung letzten Endes eine Therapie nach sich ziehen können.

Sprechen wir über ADHS

Die vier Buchstaben ADHS lösen bei vielen Lesern wahrscheinlich direkt erst einmal spontane Reaktionen der Ablehnung, Assoziationen mit der Pharmalobby sowie das Bedürfnis Kinder vom Spielplatz ins Haus zu holen aus, damit diese nicht versehentlich von vorbei spazierenden Kinderärzten mit Medikamenten versorgt werden. In der Tat gibt es im Netz etliche Artikel die uns doch schon im Titel suggerieren, dass es ADHS nicht gibt, oder dass Ritalin die gefährlichste Droge der Welt ist. Doch wenn wir uns den Artikeln genauer widmen, sehen wir dass die Autoren weder ADHS als Syndrom, noch Ritalin als Medikament wirklich entkräften können und uns mit ihrer Schlagzeile, als sich verselbstständigendes Schlagwort zurücklassen.
Widmen wir uns also selbst im viel zu kleinen Artikelformat nichts Geringerem als einem Syndrom dass so groß und breit ist, dass man ohne Weiteres Wälzer damit füllen kann: ADHS.


Was ist ADHS?

Das Akronym ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizits- Hyperaktivitätssyndrom. Wir haben es also mit einem Konglomerat aus mehreren zusammenwirkenden Symptomen zu tun, welche im Zusammenspiel ein ganz bestimmtes Syndrom bilden. Diese drei Leitsymptome sind: Beeinträchtigte Aufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Sehen wir uns jeden Bereich einmal genauer an.

Beeinträchtigung der Aufmerksamkeit
Aufmerksamkeit ist als Begriff für uns so allgegenwärtig, dass man kaum einmal in den Genuss kommt zu hinterfragen, was Aufmerksamkeit eigentlich ist. Es handelt sich bei Aufmerksamkeit um eine begrenzte Ressource, die dazu verwendet wird bestimmte Reize in unserem Bewusstsein abzubilden. Findet diese Abbildung willentlich und auf ein Ziel gerichtet statt, zum Beispiel auf diesen Text, dann spricht man dabei von Konzentration. Soll diese Aufmerksamkeit mobilisiert genutzt werden um einfach nur geistesgegenwärtig auf das Eintreffen eines bestimmten Ereignisses zu warten – zum Beispiel wenn wir im Wartezimmer eines Arztes darauf warten von der Sprechstundenhilfe namentlich aufgerufen zu werden – dann spricht man von Wachheit oder Vigilanz.
Wenn nun also die Fähigkeit betroffen ist die Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum nur auf bestimmte und erwünschte Reize zu richten, und andere Reize zu verdrängen, dann ist damit dieses Kriterium erfüllt.

Hyperaktivität
Der Menschliche Körper bewegt sich ständig, egal ob unser Herz unablässig pumpt, Muskeln unsere Körpertemperatur über das Aufrichten der Körperbehaarung regulieren oder wir selbst im Schlaf noch unbewusste Anstrengungen unternehmen um unserem Partner die Decke zu klauen. Ein großes Maß unserer inneren Vorgänge tragen wir auch automatisch nach Außen, indem wir zum Beispiel während des Sprechens unsere Worte mit Mimik und Gestik untermalen, oder unsere im obigen Beispiel des Wartezimmers vielleicht vorhandene Unruhe während des Lauerns auf die Stimme der Sprechstundenhilfe durch Kauen auf den Fingernägeln ausleben.
Doch wenn der Körper in ständiger Unruhe ist, selbst wenn die Situation es nicht zulässt, der oder die Betroffene angibt immerzu in Unrast oder getrieben zu sein und der Drang nach Bewegung schon nach kurzer Zeit wieder die Oberhand gewinnt, ohne dass man selbst die Kontrolle darüber hat, dann wird aus Aktivität Hyperaktivität.

Mangelnde Impulskontrolle

Impulsivität bezieht sich im Zusammenhang mit ADHS vor allem darauf, dass die Folgen des Handelns nicht bedacht werden und man dem erstbesten Einfall oder Eindruck Ausdruck verleiht. Das klingt erstmal sehr authentisch und wie natürliches Verhalten, allerdings führt mangelnde Impulskontrolle auch dazu dass gehandelt wird, bevor man überhaupt weiß, was getan werden soll, Gefahren unterschätzt werden und man in Gesprächen seine Gesprächspartner unterbricht, da man ob der eigenen inneren Impulse es nicht ertragen kann zu warten.

Ob die Symptome nun als krankhaft beurteilt werden, hängt nicht alleine vom Ausprägungsgrad ab, sondern davon ob die oder der Betroffene selbst überhaupt noch Kontrolle darüber ausüben kann, wenn er oder sie es will. Die Frage danach, ob die eigene Flexibilität und Funktion im Alltag durch psychische Vorgänge gestört wird, ist ein typisches Kriterium für die Diagnose von Störungen.


 

Bei welchen Personen und wann treten diese Beschwerden auf?

298597a74e8ed5f5e1bffcf2ef6d5b07

Dadurch dass ADHS nicht gleich ADHS ist gibt es auch kein für alle Betroffenen gleichermaßen wirksames Allheilmittel.

Zumeist denkt man erstmal an Kinder und Jugendliche, die in der Schule oder im Kindergarten nicht stillsitzen können, und deswegen mit Medikamenten ruhig gestellt werden sollen. Doch treten nicht nur die Symptome in unterschiedlichen Ausprägungsgraden auf, so dass wir besonders hyperaktive und unruhige Betroffene auf der einen Seite, und besonders geistesabwesende, unaufmerksame Fälle auf der anderen haben, sondern es scheint auch geschlechtliche Unterschiede zu geben. So dass Mädchen und Frauen vermehrt den unaufmerksamen Typus entwickeln und Jungen sowie Männer durch Impulsivität auffallen.
Nach Ramettekar et al. werden etwas über doppelt so viele Jungen mit ADHS diagnostiziert wie Mädchen, wobei sich die geschlechtsspezifischen Unterschiede vor allem in der Pubertät ausbilden.

Bei Erwachsenen zeichnet sich ab, dass 60% derjenigen, welche Symptome im Kindesalter zeigen, diese auch als Erwachsene aufweisen.  Das Erwachsenenportal für ADHS verweist darauf, dass bis zu 4,5% der Erwachsenen das ADHS Syndrom aufweisen. Bei Kindern und Jugendlichen werden zwischen 3-7 Prozent angegeben. Diese scheinbar hohen Zahlen werden wir später noch ausführlich diskutieren.

Wichtig ist außerdem, dass die oben genannten Beschwerden sich in mehreren Situationen zeigen, in denen Kontinuität notwendig ist. Sich aber unterschiedlich stark ausgeprägt darstellen, je nachdem ob die Umgebung oder Tätigkeit stimulierend wirkt. Döpfner et al. (2007) schreiben in ihrem Ratgeber ADHS dazu:

Diese Auffälligkeiten sind üblicherweise in verschiedenen Lebensbereichen zu beobachten – also nicht nur in der Familie, sondern auch im Kindergarten oder in der Schule und bei Freizeitaktivitäten mit Gleichaltrigen. Typischerweise treten die Probleme verstärkt in solchen Situationen auf in denen von den Kindern und Jugendlichen eine längere Ausdauer erwartet wird, beispielsweise im Unterricht, bei den Hausaufgaben oder beim Mittagessen. Dagegen kommen diese Auffälligkeiten entweder gar nicht oder nur in verminderter Form vor, wenn sie sich in einer neuen Umgebung befinden oder wenn sie sich einer Lieblingsaktivität widmen.

Döpfner et al.: Ratgeber ADHS


Wie und von wem wird ADHS eigentlich diagnostiziert?

Grundsätzlich sind (Fach-)Ärzte sowie Psychologen dazu in der Lage ADHS anhand der Diagnosemanuale ICD-10 und DSM IV und  Testverfahren zu diagnostizieren. Das ändert aber leider nichts daran, dass nicht jeder Mediziner und Psychologe auch fit darin ist dies zu tun, da nicht jeder eine Routine in Leistungs- und Konzentrationsdiagnostik hat oder Tests auf Teilleistungsschwächen durchführt. Obendrein ist ggf. eine Familienanamnese, Laboruntersuchung oder Entwicklungsstatus angezeigt. Auch ist das Thema sehr umfassend, da die Differentialdiagnostik zu ADHS, wie wir weiter unten sehen werden, sehr breit aufgestellt ist.
Für Betroffene ist es deswegen ratsam sich in die Hände von Spezialisten für dieses Thema zu begeben, auch wenn manchmal lange Wartezeiten damit verbunden sind.

Die Arbeitsgemeinschaft für ADHS der Kinder und Jugenärzte e.V. hat folgende Leitlinien verfasst:

ADHS liegt (nur) vor, wenn

  1. unaufmerksames und impulsives Verhalten mit oder ohne deutliche Hyperaktivität ausgeprägt ist
  2. nicht dem Alter und Entwicklungsstand entspricht und
  3. zu deutlicher Beeinträchtigung in verschiedenen sozialen Bezugssystemen und im Leistungsbereich von Schule und Beruf führt.

Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft ADHS der Kinder-und Jugendärzte e.V.


ADHS als Hinweis auf andere Ursachen

Dies wird jetzt wahrscheinlich der längste Abschnitt des Artikels, denn so wie Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen im Rahmen der Medizin als Allgemeinsymptome gelten, können wir Störungen der Impulskontrolle, Aufmerksamkeit oder Aktivierung als Begleiterscheinungen vieler Störungen und Ursachen finden.

Minderbegabung
Menschen, welche in Intelligenztests Werte erreichen, die geringer Ausfallen als diejenigen des Großteils der Vergleichsgruppe, zeigen auffällig häufig verminderte Ausdauer und Konzentrationsfähigkeit sowie Impulskontrolle. Deswegen ist Leistungsdiagnostik angebracht um die Person nicht nur durch Förderung zu einer besseren Entfaltung der eigenen Möglichkeiten zu verhelfen, sondern auch um eine Überlastung zu verhindern.

Hochbegabung
Langeweile und Desinteresse, Neigungen zu ausgefalleneren Themen und Nonkonformität können bei Hochbegabten dazu führen, dass sie sich lieber mit etwas Anderem als dem von ihnen Gefordertem zuwenden, unruhig oder sogar aggressiv werden. Auch hier ist wieder eine umfangreiche Diagnostik hilfreich um den individuellen Bedürfnissen der Betroffenen entgegenkommen zu können.

Bär Baum

Nicht jeder der gerne mal auf einen Baum klettert wird gleich mit dem Stempel ADHS versehen.

Medikamentöse Behandlung
Nicht nur Psychopharmaka sondern auch handelsübliche Medikamente wie Hustensaft, Mittel gegen Übelkeit und Nasenspray können Aufmerksamkeit und Aktivierung beeinflussen. Dieser Einfluss lässt aber auch entsprechend nach Absetzen der Medikamente wieder nach.

Dissoziales Verhalten
Hier zeigt sich hohe Impulsivität mit Wutausbrüchen und aggressiven sowie Störungen im sozialen Umgang. Niedrige Frustrationstoleranz, auffällig hohe Bereitschaft zu streiten und das Bedürfnis gegen Regeln zu verstoßen.

Ängste
Bestimmte Situationen, wie zum Beispiel Prüfungen, können Unruhe, Anspannung und Konzentrationsprobleme verursachen. Die Symptome sind dann wieder aber nur auf die Situation beschränkt und verschwinden, wenn sie überstanden ist.

Stress, traurige Verstimmung und emotionaler Belastung
Eine traurige Stimmung, Stress und emotionale Belastungen – zum Beispiel aufgrund von familiärer Belastung – kann zu Unruhe, Konzentrationsproblemen, Stress und Anspannung führen. Jedoch verschwinden auch hier die Symptome zumeist mit den Problemen.

Autismus
In etwa 6% der Fälle von ADHS soll die Ursache eine Störung aus dem autistischen Spektrum sein (ADHS-Deutschland). Nach Tony Attwoods Complete Guide to Asperger’s Syndrome wird Hyperaktivität in diesen Fällen jedoch durch hohe Level von Stress, Nervosität und neue Umgebungen hervorgerufen.

Hochsensibilität
Elaine N. Aron gibt in Hochsensible Menschen in der Psychotherapie an dass es nicht einfach ist Übererregung aufgrund von Überstimulation und emotionale Reaktivität zu trennen. Ähnlich wie bei Autisten kann somit eine anstrengende Umgebung zu Überreizung und Verringerung der Aufmerksamkeit und zu Unruhe führen. Siehe Reizüberflutung. Meine persönliche Vermutung ist, dass ein großer Teil der unter ADHS aufgeführten Fälle in der Tat eigentlich nicht erkannte HSP sind. Aber was sollte man auf einer Seite mit dem Namen HSP Deutschland auch Anderes erwarten?

Vitamin D Mangel
Goksugur et al. (2014) haben in einer Studie nachgewiesen dass Kinder und Erwachsene mit ADHS Symptomen einen signifikant niedrigeren Vitamin D – Haushalt im Kontrast zur Kontrollgruppe aufgewiesen haben.
Dieser Ansatz klingt aus meiner Sicht sehr vielversprechend.

Eisenmangel
Emily Deans erläutert in einem Artikel in der Psychology Today, dass bei vielen Kindern mit ADHS ein signifikanter Eisenmangel gefunden wurde. Da Eisen ein Baustein von vielen Botenstoffen im menschlichen Körper darstellt, hat sich auch hier eine Besserung der Symptome durch die Gabe von Nahrungsergänzungsmitteln gezeigt.

Allergien
Laut diesem Beitrag von ADHS-Deutschland wird in der Praxis immer wieder ein Zusammenspiel von Allergieverläufen und ADHS beobachten. Juckreiz, motorische Unruhe und Konzentrationsprobleme können zu Lernschwierigkeiten führen. Im Umkehrschluss bessert aber auch die Behandlung des Syndroms die Stärke der allergischen Reaktionen. Eventuell in diesem Zusammenhang interessant ist auch dass Haut und Nervengewebe aus dem selben Keimblatt, dem Ektoderm, bestehen.

Histaminunverträglichkeit
Die Auswirkungen von Histaminunverträglichkeit sind so umfangreich, dass es nicht verwunderlich ist, dass ADHS-artige Symptome ebenfalls darunter fallen. Wenn man immer wieder mit Verdauungsbeschwerden, Gesichtsrötung oder geschwollenen Schleimhäuten (Nase) zu tun hat ist eine ärztliche Abklärung einen Versuch wert.

Glutenunverträglichkeit
In einer Studie fand Niederhofer heraus dass von 67 Patienten mit ADHS 10 Zöliakie aufwiesen. Nach einer glutenfreien Ernährung zeigte sich eine Besserung ihrer Symptome. Allesio Fasano hat ADHS ebenfalls in seinem Buch Die ganze Wahrheit über Gluten als Effekt von Glutenunverträglichkeit erwähnt.

Schilddrüsenprobleme
Die Schilddrüse ist ein sehr wichtiges Organ, das einen großen Einfluss auf den Hormonhaushalt und Stoffwechselvorgänge ausübt. Eine Überstimulation kann mit Unruhe, Herz-Kreislaufproblemen, Schlaf- und Konzentrationsstörungen sowie Aggressionen einhergehen.

Eine Schilddrüsenüberfunktion könnte beispielsweise mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder Essstörungen wie einer Magersucht verwechselt werden. Bei einer Schilddrüsenunterfunktion ist es möglich, dass zunächst eine Depression oder Intelligenzminderung diagnostiziert wird
http://www.pharmazeutische-zeitung.de/?id=32844

High Sensation Seeking
Jeder Mensch hat ein individuelles Erregungsniveau, welches ihn in einem Spannungsfeld zwischen Langeweile und Überforderung hält. High Sensation Seeker benötigen nun etwas mehr Stimulation um der Ödnis des Alltags zu entkommen. In einer Studie haben Geissler et al. (2014) nun herausgefunden dass ADHS-artige Symptome durch das Gehirn künstlich als Kompensationsmechanismus bei Unterforderung und Langeweile geschaffen werden können.

Nahrungsmittel
Wenn die kleine Clara sich jeden Morgen vor der Schule am Kiosk eine Tüte Weingummi kauft und diese mit einer Dose Energy Drink runterspült, dann findet das weder ihre Bauchspeicheldrüse lustig noch ihre Lehrer. In der Tat werden manche Lebensmittelfarben immer noch kritisch beäugt und unter Umständen als bedenklich deklariert, und dass Koffein und Zucker eine aufputschende Wirkung haben brauchen wir hier nicht weiter auszuführen.


 

Ursachen von ADHS

Man könnte den Titel des reißerischen Artikels von Pravda-tv ADHS gibt es nicht nach unseren bisherigen Überlegungen oben jetzt natürlich etwas umformen und verwandeln zu wenn es so viele andere Einflüsse gibt, welche diese Symptome hervorrufen, kann es dann ADHS als unabhängige Störung überhaupt noch geben?
Die Antwort ist ja, denn genetische Untersuchungen im Rahmen einer Studie von Menschen mit ADHS zeigen eine Veränderung der Chromosomen, welche die Erbinformationen enthalten. Und eine Studie von Del Campo et al. (2013) zeigt dass es strukturelle Unterschiede der grauen Substanz bei Menschen mit ADHS gibt. Die Graue Substanz (auch bekannt als Graue Zellen) ist ein großer Bereich des Gehirns der mit Intelligenz, Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Sprache in Verbindung steht. Durch die Gabe von Ritalin im Rahmen der Untersuchung wurde auch eine Anreicherung von Dopamin, einem Botenstoff der mit erhöhter Aufmerksamkeit in Verbindung steht, in den Gehirnen gemessen.
Fassen wir beide Studien zusammen, haben wir es bei ADHS mit einer vererbbaren Veränderung der grauen Substanz des Gehirns zu tun.


Probleme die häufig zusammen mit ADHS auftreten

gauss-kurve

ADHS kann ein hinweis auf Hoch- wie Minderbegabung sein.

Leider kommt ADHS selten alleine, und so müssen sich die Betroffenen nicht nur mit ihren Symptomen alleine auseinandersetzen sondern auch, oder in bestimmten Fällen insbesondere mit Begleiterscheinungen oder Konsequenzen ihrer Problematik.
Die häufigste Begleiterscheinung nach Döpfner et al. ist oppositionelles und aggressives Verhalten. Was leider ein Kreislauf darstellt, da die Betroffenen (insbesondere Kinder) sich nicht an Regeln halten oder geforderte Aufgaben erledigen, und sich dann mit Familienmitgliedern, Mitarbeitern oder Eltern deswegen streiten. Aus der Streitsituation entsteht dann weiterer Stress, welcher die bereits bestehende Symptomatik verschlimmert und wiederum zu Fehlverhalten führt.
Wenn schlechtere Leistungen erbracht werden als wichtige Bezugs- und Vergleichspersonen sie erbringen, dann führt dies oftmals zu Unsicherheit und mangelndem Selbstvertrauen. Was insbesondere deswegen schade ist, da die Betroffenen sich ansonsten in ihren Begabungen nicht von anderen Menschen unterscheiden und lediglich aufgrund dieser Beeinträchtigung eine Menge Potential verloren geht.
Gerade wenn übermäßige Aggression und mangelnde Impulskontrolle vorliegen, erfahren Menschen mit ADHS häufig Ablehnung von anderen Menschen. Sei es weil sie als Kinder beim Spiel stören, ungelenk sind oder zu Aggressionen neigen. Manche versuchen auch als Kompensation ihrer Impulse oder Unsicherheit andere Kinder zu kontrollieren oder zu manipulieren, was ebenso auf Ablehnung trifft.
Im Erwachsenenalter kommt es nach ADHS-Ratgeber.com oftmals zu Suchtverhalten, da die Kontrolle über das richtige Ausmaß schwerfällt. Auch Depressionen als Ergebnis des bisher durchlebten Leidensweges lassen sich finden.


Fazit

Trotz der scheinbar großen Fülle an aufgelistetem Material ist dieser Artikel hier auf keinen Fall vollständig. Ebenso wie bei BurnOut kann es hier nur eine Annäherung geben, da das Thema so groß und komplex ist. Unter dem Strich bleibt nur der Gang zu Spezialisten, auch wenn viele Fälle von dieser Symptomatik, wie oben aufgelistet, durchaus ihren Ursprung in der (Mangel-)Ernährung haben. Von Bipolarer Störung bis Kryptopyrololurie gibt es ebenso noch dutzende von weiteren Problemen und Krankheiten die ein Mensch aufweisen kann und welche ähnliche Symptome hervorrufen.
Ich wage die Aussage, dass bei einem großen Teil der ADHS – Diagnosen es sich nicht um das reine Syndrom handelt, welches wirklich eine organische Ursache hat, sondern dass die meisten Fälle in viele der anderen Kategorien fallen, die ich weiter oben aufgelistet habe.

Hilfreiche Links:

Ich bitte wie immer darauf zu achten dass das Lesen eines Artikels und das Klicken auf einen Link keine Diagnose ersetzt.

Quellen und Literatur

10 Gründe für unsere Gesellschaft sich mit Hochsensibilität auseinanderzusetzen

Ein großer Teil der bisher verfügbaren Artikel und Sachbücher richten sich direkt an hochsensible Personen und sollen das Verständnis für die eigene Situation ermöglichen und erleichtern. Doch der Frage, welchen Einfluss ein Mehr der sich frei entfaltenden Hochsensibilität in unserer Gesellschaft mit sich bringt geht eine andere Frage voraus: Wie fördert man die Auseinandersetzung mit Hochsensibilität überhaupt?
Um eine Antwort darauf liefern zu können widmen wir uns heute 10 guten Gründen, warum auch Nicht-Hochsensible sich eingeladen fühlen können, sich mit Hochsensibilität auseinanderzusetzen. 


1. Hochsensible machen einen großen Teil der Gesellschaft aus

Zwischen 15 und 20 Prozent aller Menschen sind hochsensibel, das wären in Deutschland im Jahr 2015 alleine zwischen 12,1 und 16,2 Millionen Menschen. Sich mit dem Temperament und der Disposition  eines so großen Anteils der Bevölkerung auseinanderzusetzen kann schon alleine deswegen nützlich sein, einfach weil es so viele HSP gibt. Und wenn man im Hinterkopf behält, dass viele der introvertierten oder schüchternen Menschen vielleicht HSP sind, dann bietet die Beschäftigung mit Hochsensibilität einen wichtigen Hafen von dem aus man diesen Menschen vielleicht entgegenkommen kann.


2. Es beugt Missverständnissen vor

Löwe

Hochsensible sind schneller durch Reize erschöpft als Normalsensible und benötigen Zeit für sich um sich zu erholen.

Gleichsam als normal- wie hochsensible Person kann es leicht passieren, dass man dazu verleitet ist, davon auszugehen, dass doch die anderen Menschen ein ähnliches Maß an Reizen und Stimulation vertragen wie man selbst. Sich mit Hochsensibilität auseinanderzusetzen kann dabei helfen, die Erschöpfung des Arbeitskollegen auf dem Firmenfest zu verstehen und warum er früher als andere nach Hause geht. Oder man kann nachvollziehen, warum ein Familienmitglied zwischendurch Pausen für sich selbst benötigt und gereizt darauf reagiert, wenn man ihn oder sie beim Erholen stört. Das Missverständnis, dass Hochsensible, insbesondere introvertierte Hochsensible, kein Interesse am Miteinander hätten, oder eher eigenbrötlerisch veranlagt sind, könnte damit etwas aus der Welt geschafft werden.
Das Gegenteil ist sogar der Fall, und viele HSP sind zu außerordentlichem Wohlwollen in der Lage und von einem großen Gefühl für die Gemeinschaft erfüllt – doch ist es nicht immer einfach dies auch auszudrücken.


3. Hochsensible empfinden von Natur aus Wertschätzung für Verständnis

Das Bedürfnis danach, für einen selbst interessante Themen verstehen zu wollen, und Recherche nicht nur als Zeitvertreib anzusehen, ist für die meisten Hypersensitiven ein zentrales Thema. Und auch wenn sie es nicht unbedingt direkt ihre Dankbarkeit mitteilen sind die meisten HSP dennoch sehr glücklich darüber, dass eine aktivere Auseinandersetzung mit dem Thema den Weg in die Gesellschaft gefunden hat. Sie wissen es wertzuschätzen dass auch Nicht-HSP sich mit Themen wie Erregung, Nervosität, Lärm und das Bedürfnis nach sozialem Miteinander auseinandersetzen. Verständnis für HSP zu zeigen ist eine sehr konkrete Form der Wertschätzung des Erlebens von hochsensiblen Menschen, welches auch eine Einladung für ein gemeinsames Miteinander darstellt welches von gegenseitigem Respekt geprägt ist.


4. Die Auseinandersetzung mit Hochsensibilität sensibilisiert einen für die Vielfalt von Menschen

Unter HSP, wie auch unter all den Menschen die nicht hochsensibel sind, gibt es große Unterschiede darin in welchem Ausmaß sie Reize verarbeiten. Auch wie sehr sie die Fähigkeit und Bereitschaft zu Empathie ausgebildet haben oder ein Bedürfnis nach Ruhe empfinden ist unterschiedlich. Diversität – Unterschiedlichkeit und Vielfalt – ist ein wichtiges Thema unserer Zeit, und Hochsensibilität als Temperament kann ein schönes Beispiel dafür sein, wie Bedürfnisse und Veranlagungen über die Kulturen hinweg als Bestandteil unserer Spezies bestehen können.


5. Die Auseinandersetzung ist ein guter Einstieg in viele psychologische und soziale Themen

Wenn man sich mit Hochsensibilität auseinandersetzt kommt man um Themen wie „Reiz“, „Wahrnehmung“ und „Bewusstsein“ kaum herum. Diese Themen sind aber auch ein wichtiger Bestandteil vieler psychischer und gesellschaftlicher Phänomene, so dass ein Gespür und Verständnis für die Unterschiedlichkeit von Wahrnehmung und Bewusstsein zu haben sogar im Alltag hilfreich ist. Und sei es nur, dass wir etwas nachsichtiger werden, wenn uns jemand im Straßenverkehr die Vorfahrt nimmt, weil er uns vielleicht wirklich nicht gesehen hat. Oder weil wir plötzlich ein Verständnis dafür entwickeln, dass der Nachbar, welcher sich über den Lärm des Staubsaugers beschwert diesen Lärm vielleicht wirklich erheblich unangenehmer wahrnimmt.


6. Ein größeres Verständnis für Hochsensibilität fördert gemeinsame Werte

cold11_by_faestock-d6mj04y

Viele HSP machen sich gerne in Ruhe Gedanken darüber, wie man das Leben für Menschen besser gestalten könnte.

Jenseits vom unterschiedlichen Bedürfnis nach Reizen und der Stimulation durch Kunst, Natur oder gemeinschaftlichem Miteinander bietet sich Normal- wie Hochsensiblen die Möglichkeit zum Austausch und das Erkennen gemeinsamer Werte und Ideale. Nachhaltigkeit, das Bedürfnis nach Sicherheit, das Vermeiden von unnötigem Leid und Hilfe für Menschen denen es schlechter als einem selbst geht sind Themen die wir als Gesellschaft miteinander teilen. Hier bietet sich die Möglichkeit für einen umfassenden Austausch und das Entdecken gemeinsamer Werte, und der hochsensible Idealismus kann vom Pragmatismus des Gegenübers profitieren und umgekehrt.


7. Die Auseinandersetzung fördert die Akzeptanz der Hochsensibilität in der Gesellschaft

Dank der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Thema und der steigenden Zahl von Veröffentlichungen kommt es zu einer größeren Akzeptanz der Hochsensibilität. Selbst wenn es nur durch den Mere-Exposure-Effekt wäre – also dadurch dass man immer wieder mit dem Thema Hochsensibilität konfrontiert wird, wird diese irgendwann als positiver wahrgenommen – wäre eine Auseinandersetzung von Vorteil.


8. Durch die vermehrte Auseinandersetzung werdenMedien und Forschung gefördert

Umso bekannter ein Thema wird und umso mehr gesellschaftliche Relevanz es bekommt, umso eher wird dieses Thema auch von Medien und Forschung aufgegriffen. Das führt wiederum dazu dass Vorurteile abgebaut werden können und es vielleicht auch zu konstruktiverer Auseinandersetzung mit dem Thema kommt. Gerade bei Hochsensibilität müssen auch damit zusammenhängende Themen berücksichtigt werden, wie die Bewertung zu Stress und der Umgang mit Umweltnoxen wie Lärm, Chemikalien und Luftschadstoffen etc, auf welche viele HSP empfindlich reagieren. Hochsensibilität hängt nicht im leeren Raum sondern berührt viele Bereiche, genau so wie eben das Erleben der HSP durch unsere Gesellschaft mitgestaltet wird und im Umkehrschluss Einfluss darauf hat.


9. Unsere gesellschaftlichen Ideale von Sensibilität und der Umgang mit Gefühlen könnte sich verändert

Zum Glück hat sich Dank der LGBT-Bewegung und der Emanzipation das gesellschaftliche Bild von Verhalten, Rollen und Emotionen von Männern und Frauen schon stark gewandelt. Doch gibt es immer noch nur eine geringe Vereinbarkeit von Erfolg und Kompetenz in Kombination mit weiblichen Merkmalen wie Sensibilität und Empathie. Das liegt mitunter an unseren westlichen Idealen von materiellem und beruflichem Erfolg und den Stereotypen, welche wir von Führungspersonen haben (welche mitunter deckungsgleich mit den Merkmalen von Menschen mit antisozialer Persönlichkeitsstörung sind, aber garantiert nicht mit hochsensiblen Personen).
Doch mit einer tiefergehenden Beschäftigung mit Hochsensibilität könnte sich dies ändern und vielleicht sich auch der Wert von Fertigkeiten wie Empathie und die Anerkennung für das Zulassen von Emotionen mehr in der Gesellschaft etablieren.


10. Unsere Vorstellungen von Normalität könnte sich erweitern

Ein besonders schöner Effekt der Beschäftigung mit Hochsensibilität liegt in der Erweiterung unserer Vorstellung davon, was eigentlich normal in unserer Gesellschaft ist. Die Vorstellung von der sozialen Erwünschtheit von bestimmten Verhaltensweisen könnte sich wandeln, und wir würden als Gesellschaft eventuell etwas toleranter werden. Davon würden vielleicht auch weitere Minoritäten profitieren, was ein absolut wünschenswerter Effekt wäre.


Quellen und Literatur

10 Tipps für Hochsensible zum Umgang mit Normalsensiblen

Wir als Hochsensible haben theoretisch eine hervorragende Ausstattung um im alltäglichen Miteinander mit Nicht-Hochsensiblen ausgezeichnet umzugehen. Trotzdem kommt es immer wieder zu Reibereien, unter denen HSP wahrscheinlich mehr zu leiden haben als ihr normal sensibles Pendant. Um etwas Licht ins Dickicht des sozialen Miteinanders zu bringen, widmen wir uns heute 10 Hürden, welche HSP von ihrer Seite aus leichter überbrücken können, als dies für Nicht-HSP der Fall wäre.


1. Bitte informiere Dich darüber was Hochsensibilität ist

Für ein echtes Verständnis der eigenen Situation, und um anderen verständlich zu machen, welche Disposition man selbst (und mindestens ein Elternteil) hat reicht es nicht aus, Posts in Foren oder auf Facebook zu lesen. Mindestens den (zur Zeit) sehr guten Wikipedia-Artikel oder die Website von Hochsensibel.org solltest Du zu Rate ziehen, oder aber Fachliteratur wie die von Elaine N. Aron, der Forscherin, welche unsere Disposition verstärkt publik gemacht hat und auf den Grund geht.
Wenn Du nicht verstehst, was für körperliche Besonderheiten HSP von Nicht-HSP unterscheiden, wird es Dir schwer fallen überhaupt zu erkennen, was Deine charakterlichen Reaktionen auf bestimmte Situationen sind und was von Deiner nervlichen Veranlagung herrührt.
Lies Dich auch in ADHS und das Asperger-Syndrom ein, denn die sind gewissermaßen mit uns verwandt, und viele Ungereimtheiten lösen sich vielleicht für Dich auf, wenn Du Dich auch mit diesen Themen beschäftigst.


2. Hochsensibilität ist kein Lifestyle

Hier geht es nicht darum, dass wir anderen nicht erzählen sollten, dass wir HSP sind. Es ist aber ein Unterschied ob wir bei jedem Treffen fallen lassen, wie ausgeprägt unsere Sinne sind, und dass andere Menschen doch bitte unsere Feinsinnigkeit berücksichtigen sollen, oder ob wir beiläufig erwähnen, dass wir gerade ein Buch über eine nervliche Veranlagung lesen, dass erklärt warum manche Menschen ein größeres Problem mit dem Lärm auf einem Konzert haben

Für HSP kann es schwer sein den, das richtige Maß zwischen dem eigenen Bedürfnis nach Selbstoffenbarung und dem Verständnis unserer Mitmenschen zu finden.

Für HSP kann es schwer sein, das richtige Maß zwischen dem eigenen Bedürfnis nach Selbstoffenbarung und dem Verständnis unserer Mitmenschen zu finden.

als andere.
Versteht mich nicht falsch: Es ist für die Allgemeinheit der HSP von Vorteil dass diese Disposition bekannter in der Gesellschaft wird. Selbst in der Psychologie Heute (Ausgabe September 2015) gab es schon ein Titelthema dazu. Doch wenn Jonas bei jedem Besuch seinem Bäcker erstmal erklärt, dass er die Brötchen nicht so knusprig backen soll, weil das crunchige Geräusch beim Kauen so in den Ohren weh tut, dann nimmt das weder Rücksicht auf den Bäcker, noch auf andere Menschen welche gerne knusprige Brötchen mögen.
Es ist überhaupt nicht notwendig die eigene Hochsensibilität wie einen Lifestyle  nach Außen zu tragen, um das Bedürfnis danach verstanden zu werden erfüllt zu bekommen. Es ist wichtiger dass man selber erstmal seine Bedürfnisse akzeptiert und verwirklicht, bevor man von anderen erwartet, dass sie einen besonders behandeln. Menschen, welche uns länger kennen, verstehen vielleicht auch eher  das Konzept von HSP, besonders wenn sie miterlebt haben, dass sich einige Verhaltensweisen und vielleicht auch das Erleben von anderen Menschen bei uns unterscheidet.


3. Nicht-Hochsensible sind nicht unsensibel

Wenn wir bemerken, dass die Reizschwelle des Nervensystems von HSP sich von Nicht-Hochsensiblen oder Normalsensiblen unterscheidet, und unsere unterschiedliche Wahrnehmung dennoch zu richtigen Schlussfolgerungen und einem lebenswerten Leben führt, dann sollten wir im Umkehrschluss auch Nicht-HSP zugestehen, dass ihre Wahrnehmung ebenso stimmig ist. Menschen sind unterschiedlich sensibel, und auch innerhalb von HSP gibt es nochmal unterschiedliche Ausprägungen der Sensibilität (und es ist kein Wettrennen darum, wer jetzt der Sensibelste und Feinfühligste, oder am meisten Missverstandene von uns ist). Dennoch sind Nicht-HSP im Kontrast zu Hypersensitiven nicht automatisch unsensibel, nur weil sie es mehrere Stunden in der Shisha-Bar aushalten ohne dass ihnen von all den Aromen schwindelig wird.
Auch ist das Konzept von Hochsensibilität nicht für jeden sofort und ohne Weiteres gut verständlich, da jeder ja auch daran gewöhnt ist, wie seine alltägliche Wahrnehmung aussieht. Umso wichtiger dass wir im Sinne der Sozialpsychologie versuchen respektvoll zu sein, indem wir HSP und Nicht-HSP als gleichwertig betrachten.


4. Bedürfnisse umsetzen, anstelle sie zu erklären

Durch verringerte Abgrenzung, gesteigerte Empathie oder Aufmerksamkeit auf die Bedürfnisse von Mitmenschen gepaart mit dem Wunsch Ansprüchen zu genügen kann es dazu kommen, dass HSP ihre eigenen Emotionen, Wünsche und Bedürfnisse in den Hintergrund stellen. Und zwar ohne dass sie es selbst mitbekommen würden. Denn durch das Miterleben der Emotionen von anderen sind ja immer noch Regungen vorhanden, selbst wenn es nicht die eigenen sind.
Doch wenn wir, meistens aus Erschöpfung heraus, unseren Bedürfnissen nach einem solchen Moment verstärkt Aufmerksamkeit widmen, ist es umso wichtiger sie auch selbst umzusetzen.
Man könnte als HSP dazu neigen, davon auszugehen, dass unsere Umwelt ebenso wachsam auf unsere Bedürfnisse reagiert, wie wir es auf die Bedürfnisse unserer Mitmenschen tun. Doch leider stellen wir dann oftmals fest, dass dies eben nicht immer der Fall ist, oder sind sogar verwundert, ob unsere Signale der Erschöpfung nicht offensichtlich genug sind. Deswegen ist es wichtig, dass wir innehalten können ohne uns schuldig dafür zu fühlen, den Bedürfnissen unserer Mitmenschen weniger Aufmerksamkeit zu schenken.
Weltschmerz, Schuldgefühle, Erschöpfung und das Gefühl von Ohnmacht sind aber gute Hinweise darauf, dass wir eventuell innehalten müssen um unsere Bedürfnisse zu überprüfen.


5. Lege Dir einen angenehmen Freundeskreis zu

Die Freundschaft ist neben Liebesbeziehungen und Familie eine der wichtigsten Beziehungen in unserem Leben. Gerade für HSP kann es wichtig sein, unser näheres Umfeld mit Menschen zu versehen, deren Temperament uns weder

Viele HSP haben gerne ihre Ruhe, aber Haustiere sind meistens als Gesellschaft trotzdem in Ordnung

Viele HSP haben gerne ihre Ruhe, aber Haustiere sind oftmals als Gesellschafter nicht wegzudenken.

überstimuliert, noch unterfordert. Ebenso profitieren wir davon, wenn unsere Freunde zumindest verstandesmässig das Konzept der Hochsensibilität erfassen können (und wollen).
Gerade sehr introvertierten Hochsensiblen kann es helfen, wenn ihre Freunde in einem Rahmen extrovertiert sind, der es leichter macht, Kontakt zu halten. Wenn Daniel seit einer Woche zufrieden mit einer Romanreihe in seinem Lieblingssessel versunken ist, und den Jahresurlaub mit Keksen und Literatur verbringt, dann wird er es mit Sicherheit auch mal lieben, wenn eine Freundin oder ein Freund sich per Mail meldet, und er seine Freude an den Büchern mit jemandem teilen kann.
Die Balance aus Stimulation und Freiheit ist doch schon für den Umgang mit uns selbst wichtig – warum sollte man nun bei seinen Freunden nicht auch dafür sorgen, dass die Mischung stimmt?


6. Du kannst es nicht allen recht machen

So halbwegs berücksichtigen wir im Alltag die Tatsache, dass Menschen unterschiedliche Wünsche, Gedanken und Strategien haben um sich gut zu fühlen. Wieso haben wir es dann eigentlich so schwer, uns damit abzufinden, dass man es nicht jedem Recht machen kann?
Auch uns HSP fehlen oftmals Hintergrundwissen oder auch das Verständnis dafür, die Regungen in jedem Mitglied unseres Bekanntenkreises in dem Ausmaß nachvollziehen zu können, dass wir das Wohlbefinden dieser Person steigern könnten. Umso problematischer wird es dann auch, wenn wir es dennoch umso stärker probieren und uns verausgaben, und im schlimmsten Fall dafür noch nicht einmal ein Dankeschön erhalten. Dann kann es sein, dass wir die Art unseres Gegenübers, uns seine Dankbarkeit auszudrücken, nicht verstehen können, oder aber unsere Bezugsperson unsere Art der Aufopferung nicht versteht. In beiden Fällen kann eine klärende Aussprache über die gegenseitigen Wünsche und Wahrnehmung helfen.


7. Frag nach

Ja, wir HSP sind oft sehr gut darin, versteckte Botschaften zu deuten, zu erspüren, wie es jemandem wirklich geht und intuitive Schlüsse zu ziehen, wie es um den Zustand unserer Mitmenschen beschaffen ist. Doch wie sieht es eigentlich aus, wenn jemand nicht subtil und indirekt vorgeht, sondern sehr direkt unhöflich ist oder uns dreist ins Gesicht lügt?
Da HSP häufig sehr gerechtigkeitsliebend sind, sind wir meistens auch erstmal eher überwältigt von der Situation oder den aufwallenden Emotionen, welche von Empörung bis Trauer oder Niedergeschlagenheit reichen können. Doch gerade solche Situationen bieten sich an, eventuelle Missverständnisse aus dem Weg zu räumen indem man einfach nachfragt. Wenn auf dem Geburtstag von Onkel Jost dieser seiner Nichte an den Kopf wirft, dass ihr mitgebrachter Kuchen kaum essbar ist, dann kann muss dass nicht daran liegen, dass er sie nicht mehr lieb hat und vor allen Leuten bloßstellen will, es kann auch einfach sein, dass er keine Rosinen mag.


8. Halt Dich nicht an stereotypem Verhalten fest

straight_boys_for_homo_love

Viele geschlechtliche Stereotype sind unter anderem Dank der LGBT-Bewegung in unserer Gesellschaft bereits aufgeweicht.

Wenn man sich mit seiner Wahrnehmung nicht ganz sicher ist oder Zweifel hat (was fast auf alle HSP mal zutrifft, da sich unsere Wahrnehmung von der Masse oft unterscheidet), dann kann es einem Sicherheit geben, auf scheinbar sozial erwünschtes Verhalten zurückzugreifen. Denn wenn wir nicht darauf vertrauen, dass unsere eigene Wahrnehmung in Bezug auf eine Wahrheit, einen Menschen oder eine Situation richtig ist, so können wir dennoch immer darauf vertrauen, dass wir die Reaktionen unserer Mitmenschen auf diese Situation richtig erkennen können.
Es ist für ungewohnte Situationen zwar normal, sich am Verhalten anderer zu orientieren, doch wenn im Freundeskreis oder auf der Arbeit anstelle des eigenen, spontanen Verhaltens zuerst die Überlegung im Vordergrund steht, ob wir als Mensch in Ordnung sind, weil wir anders wahrnehmen oder empfinden, dann ist der Weg in die Angststörung nicht weit.
Gerade geschlechtliche Stereotype können für männliche Hochsensible ein Problem darstellen. Denn obwohl eine intensives Empfinden oder Schmerzempfindlichkeit gesellschaftlich bei Künstlern oder Hipster-Grafikdesignern als exzentrisches Verhalten und akzeptabel angesehen wird, stößt man als Gefreiter der Panzergrenadiere der Bundeswehr mit Sicherheit auf weniger Verständnis.
Das eigene Leben dann an die erlebten Bedürfnisse anzupassen und sich neu zu orientieren kann dann zwar kurzfristig mit einer noch größeren Unsicherheit einhergehen, doch der langfristige Gewinn sind ein höheres Vertrauen in die eigene Wahrnehmung und ein höheres Maß an Selbstwert.


9. Lerne mit Ablehnung umzugehen

dalai_lama_06

Dauerhafter innerer Frieden – Es ist kein Wunder dass viele HSP sich sehr zu fernöstlichen Lehren wie Buddhismus oder Taoismus hingezogen fühlen.

Facebook ist überschwemmt mit Memes, welche uns dazu raten uns selbst zu lieben, uns nicht um die Meinung anderer zu kümmern und einfach zu leben. Und gerade unter HSP scheint es ein großes Bedürfnis zu geben, sich etwas von der Last der Anforderungen anderer Menschen und auch ihrer Ablehnung zu erlösen. Erlösung trifft hier sogar insofern den Nagel auf den Kopf, weil wir HSP doch ohnehin schon oftmals versuchen, den Bedürfnissen anderer Menschen zu entsprechen. Und jenseits des Gefühls der Anforderungen von anderen eine Angelegenheit, welche uns am Herzen liegt, zur Sprache zu bringen ist dann ein Spannung abbauender, erlösender Akt.Doch wenn dann, sobald wir uns spontan und authentisch äußern, uns mit Ablehnung begegnet wird, dann trifft einen dies natürlich noch umso härter.
Umso wichtiger ist es, sich mit Menschen zu umgeben, welche Verständnis für die eigenen Bedürfnisse haben oder die Balance zwischen eigenen Bedürfnissen und den Anforderungen unseres Umfelds zu finden.


10. Verständnis reicht aus

Gerade als introvertierter HSP, der wie ein Schwamm alle Emotionen der Menschen um sich herum aufsaugt, doch sich mit Äußerungen über seinen Zustand zurückhält, wäre es mit Sicherheit eine Erlösung, wenn die anderen mittels ihrer Empathie einem entgegenkommen würden. Sprich, von sich aus merken würden, wie es uns gerade geht, und im Vorfeld Rücksicht nehmen könnten. – Es wäre also praktisch, wenn alle Menschen so wahrnehmen würden, wie man selber – was aber natürlich nicht der Fall ist.

Es ist für eine erfolgreiche Beziehung zwischen HSP und Normalsensiblen nicht notwendig dass beide sich dauerhaft ohne Worte verständigen können und zu einer Einheit verschmelzen. Liebe, Verständnis und Wertschätzung sind für jede Beziehung ein Gewinn.

Doch Empathie basiert ja nicht nur darauf, dass andere Menschen emotional in der Lage sind, nachzuempfinden, zu erfühlen, wie es einem gerade geht, sondern kann auch bedeuten, dass man vom Verstand her sich in die Lage seines Gegenübers versetzt. Gerade für Beziehungen zwischen HSP und Nicht-HSP kann es vollkommen ausreichend sein, dass der Normalsensible rein vom Kopf her das Prinzip der Reizüberflutung versteht und sich überlegt, welche Überlegungen er seiner HSP abnehmen könnte. Es ist nicht notwendig, dass der Partner oder unsere anderen Bezugspersonen die selben Emotionen wir wir im selben Augenblick und in genau der selben Stärke empfindet, damit sie unseren Wert oder unsere Hochsensibilität verstehen.


Quellen und Literatur

Was ist eigentlich Empathie?

Wahrscheinlich wird kaum eine Fähigkeit so sehr mit Hochsensibilität assoziiert wie die Empathie. Doch was ist Empathie überhaupt, was kann sie leisten, was fördert und hemmt unsere Fähigkeit, uns in die Lage eines anderen Menschen zu versetzen? Um diesen Fragen und Empathie generell mal auf den Zahn zu fühlen beginnen wir unsere kleine Exkursion heute mal mit einem Ausschnitt aus „Sex, Death & the Meaning of Life“, einer Dokumentation des Evolutionsbiologen Richard Dawkins.
In dem untigen Video erklärt der engagierte Biologe die evolutionären Vorzüge von Altruismus und Empathie. Er zeigt wunderbar auf, dass wir Menschen erst einmal vor allem soziale Geschöpfe sind und wir deswegen von Natur aus auch Werkzeuge in unserem Repertoire haben müssen, welche uns im Umgang miteinander helfen.


Definitionen von Empathie

Der folgende Artikel soll ohne die neurologischen oder evolutionspsychologischen Hintergründe auskommen, da dies den Rahmen noch stark ausdehnen würde. Doch um überhaupt Empathie als Funktion verständlich zu machen, müssen wir erst einmal erläutern, was Empathie überhaupt ist. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird sie häufig mit Mitgefühl übersetzt. Werfen wir aber erstmal einen Blick auf verschiedene Definition, mit denen wir arbeiten können:

Empathie: Eine auf eine andere Person gerichtete emotionale Reaktion,
die Gefühle wie Mitgefühl, Mitleid, Besorgnis, Wärme oder Fürsorglichkeit
umfasst. Ein kognitiver Faktor, der das Auftreten von Empathie begünstigen
kann, ist die Übernahme der Perspektive der notleidenden Person.
Stefan Stürmer – Einführung in die Sozialpsychologie

Empathy is the experience of understanding another person’s condition from their perspective. You place yourself in their shoes and feel what they are feeling. Empathy is known to increase prosocial (helping) behaviors. While American culture might be socializing people into becoming more individualistic rather than empathic, research has uncovered the existence of „mirror neurons,“ which react to emotions expressed by others and then reproduce them.
Psychology Today

Bei beiden Definitionen finden wir zwei großartige Aussagen, die für das Verständnis von Empathie hilfreich sind:

1. Empathie tritt als Reaktion auf das Erleben der Gefühle einer anderen Person auf.
2. Sich in die Lage einer anderen Person zu versetzen fördert Empathie.

sadness_by_unread_story-d6ovwps

Klassisch denken wir bei Empathie an das Erkennen von Leid und unser Bedürfnis, Schmerzen zu lindern.

Beim ersten Punkt kann es sehr überraschend sein, dass Empathie „nur“ eine erlebte Reaktion auf unsere Wahrnehmung einer anderen Person ist. Und wie das nun einmal beim Erleben und Wahrnehmen leider so der Fall ist, wird beides durch unsere Erfahrungen, Einstellung und Erwartungen beeinflusst.
Wenn unsere anstrengende Mitarbeiterin Clara ständig in Krokodilstränen ausbricht wenn sie mal selbstständig eine Akte sortieren soll, und darauf spekuliert, dass ihr ein freundlicher Mitarbeiter diese horrende Aufgabe abnimmt, damit sie weiter auf Facebook ihren Status kontrollieren kann – dann empfinden wir im Regelfall kein Mitgefühl, sondern sind höchstens genervt. Wohingegen wir umso betroffener reagieren, wenn Julia, die unerschütterlich und voller Tatendrang sich für den Zusammenhalt und das Bestehen der Firma einsetzt mit psychosomatischen Beschwerden unbefristet beurlaubt wird.

Punkt Nummer zwei ist deswegen wichtig, weil hier etwas zu Tage kommt, was bei der landläufigen Definition von Empathie als Mitgefühl nämlich nicht zu tragen kommt. Nämlich dass Empathie genauso gut bedeuten kann, sich verstandesmäßig in die Lage einer einer anderen Person zu versetzen. Es geht nicht nur darum, emotional genau dies zu empfinden, was jemand anderes gerade durchlebt, sondern auch Verständnis spielt eine Rolle.
Doch dazu brauchen wir gleichsam das Bedürfnis, uns in die Lage einer anderen Person zu versetzen und auch die ganze Situation zu verstehen. Dabei spielt unser Wissen über die Person eine gewichtige Rolle. Empathie kommt profitiert dadurch vom Wissen um eine Person oder zumindest der Situation in welcher sich diese Person befindet. Insbesondere das Entdecken von Gemeinsamkeiten hat sich als besonders förderlich für die Übernahme der Perspektive herausgestellt. Denn wenn uns jemand ähnlich ist, mögen wir ihn auch eher und sind mehr bereit, uns Gedanken über diese Person zu machen und uns in sie hineinzuversetzen.  Außerdem sollten wir nicht vergessen, dass Mitgefühl nicht mit Mitleid gleichzusetzen ist. Denn das Mitleid bezieht sich eher auf für die Person unglückliche Zustände wie Schmerz oder Trauer, wobei Mitgefühl auch Anteilnahme bei Freude, Überraschung etc. bedeuten kann.


Empathie, Introspektion und Verständnis

white_beach2_by_faestock-d6pknlg

Ein typisches Bild für HSP: Ständig am nachdenken, ständig am abwägen, ständig am evaluieren. Kein Wunder dass 70% der HSP introvertiert sind.

Doch wo findet eigentlich diese Reaktion auf das Erleben der Emotionen einer anderen Person statt? Richtig, in uns. Auf der Basis unserer Erwartungen, Erfahrungen und des Erlebens der Situation reproduziert unser Gehirn Emotionen, welche uns den Umgang mit der Situation erleichtern sollen. Das klingt vielleicht gerade für Hochsensible erstmal sehr lieb- und herzlos, aber es ist ja nicht so, dass eine altruistische, mitfühlende Grundeinstellung in unser Erleben von Leid (aber auch Freude) keine Rolle spielen würde – im Gegenteil.
Denn weshalb besonders hypersensitive Menschen häufig als mit einer ausgeprägten Empathie ausgestattet gelten liegt in diesem Fall auch daran, dass sie ihre Gefühlswelt intensiver wahrnehmen und mehr von den mitmenschlichen, sozialen Reizen aus ihrer Umgebung verarbeiten. Diese Reize müssen allerdings auch wieder richtig in den Kontext gesetzt werden und interpretiert werden. Wenn ein HS-Mitarbeiter, welcher neu in der Firma von unserer nervigen Mitarbeiterin Clara aus obigem Beispiel ist, sie zum ersten mal in Tränen aufgelöst sieht – dann wird er wahrscheinlich Mitleid empfinden und vielleicht versuchen ihr bei der Arbeit zu helfen.
Die Bandbreite unseres Erlebens und exakteren Interpretierens von menschlichen Emotionen profitiert ungemein vom Verstehen davon was für Emotionen aus welchen Gründen in welchen Situationen auftreten können und warum. Aber ohne das gründliche Durchleben und Durchdenken, welches uns HSP speziell von Elaine Aron immer wieder als zu eigen definiert wird, haben auch wir ein Problem so zu reagieren, dass unserem gegenüber wirklich so geholfen wird, wie es für die Person, alle Beteiligten und die Situation ideal wäre.


Empathie abschalten und verstärken

Wenn man nicht gerade als Stock-Broker oder Investment-Banker unterwegs ist, ist für viele Menschen Empathie eine wertvolle Fähigkeit, welche sie eventuell auch ausbauen wollen würden. Wenn wir unsere obigen Definitionen zu Rate ziehen, ergibt sich fast von alleine eine kleine Liste an Möglichkeiten, wie wir unser Gespür und Verständnis für andere Menschen verbessern können:

  1. Aktives Zuhören wenn jemand etwas über sich erzählt.
  2. Nachfragen wie etwas gemeint ist, anstelle davon auszugehen, dass man die andere Person schon versteht.
  3. Sich selber fragen, wie man sich gerade eigentlich fühlt.
  4. Das aktive Suchen nach Gemeinsamkeiten.

Auf der anderen Seite kann es nach einigen emotionalen Achterbahnfahrten, welche man mit für einen wichtigen, aber auch weniger wichtigen Personen durchgestanden hat ernsthaft von Interesse sein, seine Empathie zumindest für eine spezielle Person herunterzuschrauben oder abzuschalten. Auch wenn das für viele HSP vielleicht grausam klingen mag, aber eine ausgebrannte HSP welche nur noch im Leiden und Drama anderer Menschen gefangen ist, ist leider zu sehr involviert und vielleicht ein Opfer ihrer Empathie geworden. Ein berühmter Philologe hat vielleicht schon damals die Krux der Empathie erkannt und seinen berühmten Ausspruch aus dieser Erkenntnis zum besten getan:

Gott ist tot, er ist am Mitleid mit den Menschen gestorben!
Friedrich Nietzsche

Doch ja, wichtiges und richtiges Handeln in einer Situation kann dem eigenen Bedürfnis zum Opfer fallen, niemanden verletzen zu wollen. Lange andauerndes Mitleid mit Personen, mit denen man vielleicht eigentlich wenig bis gar nichts zu tun haben möchte, kann wie ein steter Tropfen einen Stein aushöhlt auch eine HSP psychisch und physisch schädigen. Es ist nicht unmenschlich sich selbst zu erlauben die eigene Ausgeglichenheit wiedererlangen zu dürfen. Und mit den folgenden Methoden lässt sich auch die Empathie für eine bestimmte Person oder in einer konkreten Situation verringern:

  1. Das herstellen räumlicher Distanz.
  2. Sich aktiv beobachten um herauszufinden, wann man erschöpft nach Kontakten ist.
  3. Auf körperliche Reaktionen achten und Situationen bevorzugen welche ohne Angespanntheit und Übererregung einhergehen.
  4. Die Eigenverantwortung und Individualität anderer Menschen betonen.

Gerade Schuldgefühle gegenüber anderen Menschen können sehr starke Auswirkungen auf einen selbst haben, und für HSP ist es wertvoll, die eigenen Emotionen von den Reaktionen auf die Gefühle anderer trennen zu können. Auch Sport, Meditation, Kunst, oder einfach mal weitere Reizquellen für eine gewisse Zeit aus dem Leben zu verbannen, und Ruhe im Inneren herzustellen kann zu einem wertvollen Verbündeten gegen die Überforderung durch die eigene Empathie werden.


Quellen und Literatur:

Die 10 verbreitetsten Vorurteile über Hochsensibilität

YouTube-logo-full_color

Top 10 Listen sind eigentlich ein klassisches Youtube-Phänomen. Doch da Hochsensibilität langsam immer mehr Aufmerksamkeit in den Medien bekommt, hat sie ein Top 10 durchaus verdient.

Obwohl Hochsensibilität seit den 70ern erforscht wird, und der Hype von Indigo- und Kristallkindern doch eigentlich mit wasserstoffblonden Igel-Frisuren in den 90ern begraben liegt, mischen sich erst jetzt mit dem immer bekannter Werden der Bücher von Elaine Aron (Sind sie hochsensibel?) auch einige spannende Mythen und Vorurteile über Hochsensibilität zu den eigentlich recht nüchternen Fakten über eine gesteigerte Wahrnehmung und ein leichter erregbares Nervensystem. Es spricht vielleicht aber auch für die Emanzipation der Existenz der Hochsensibilität, welche zumeist mitfühlende und harmoniebedürftige Menschen hervorbringt, dass in einer Zeit, in der Kabarettisten wie Volker Pispers das Ende des Kapitalismus einläuten, die milde Revolution humanistischer Werte durch ein geschütteltes Maß an Begeisterung über das Entdecken der individuellen Wahrnehmung zu einer neuen, introspektiven Sinnsuche führt.

Dass dabei jedoch auch eine Menge kurioser, schwärmerischer oder schlicht und ergreifend falscher Ideen oder Vorstellungen über Hochsensibilität im Umlauf sind, lässt sich leider nicht vermeiden. Hier sind 10 besonders fantastische oder interessante Vorurteile über Hochsensibilität, welche ich allesamt so im Internet, speziell auf Facebook, gefunden habe.


1. Hochsensible empfinden „zuviel“

Ein beliebter Stereotyp welcher beiderseits durch nahestehende Freunde, Verwandte etc. aber auch durch HSP selbst gerne belebt wird, ist, dass die Wahrnehmung oder die Empfindung „zuviel“ wäre. Natürlich kommt es immer wieder zu Reibereien, wenn dem einen die Musik zu laut, der Stress zuviel oder ein beiläufiges Wort zu harsch vorkommt. Doch weder sind die „Normalos“ unsensible Trolle die stumpf den ganzen Tag nur Helene Fischer auf Discolautstärke hören um Hypersensitive zu terrorisieren, noch ist das Ausmaß der Wahrnehmung gemessen an normalen Menschen „zu viel“ in einem Sinne, dass Hochsensibilität etwas Schlechtes, oder eine Störung wäre.
Die Empfindungen, welche durch die starke Wahrnehmung intensiv auftreten, können überwältigend oder sogar manchmal unerträglich sein. Doch sind sie nicht „zuviel“ in einem Sinne dass hochsensible Menschen sich deswegen falsch oder schlecht fühlen müssten. Denn ist dieses übermäßige Empfinden ja an eine Situation oder Umwelt, vielleicht an andere Menschen gekoppelt. Dadurch wird aus „Ich empfinde zuviel – und das ist schlecht“ ein „Ich verarbeite dieses Konstellation zu intensiv, als dass sie gerade spurlos an mir vorbeigehen würde“. Und wenn man weiß, was einem gut tut, wie viele Reize man verträgt, dann lassen sich auch viele große Ereignisse und Situationen vermeiden, oder vielleicht in kleinere Portionen teilen und schrittweise verarbeiten.


2. Hochsensible sind die meiste Zeit über reizüberflutet

stressed_stock__by_nikxstock

Die Dosis macht das Gift ist in kaum einem Bereich für Hochsensible so wichtig, wie bei Reizen.

Es gibt alle möglichen Ursachen dafür, dass HSP aber auch alle anderen Menschen sich über einen längeren Zeitraum in einem erhöhten Zustand der Erregung befinden. Das müssen nicht immer schlimme Situationen sein, denn auch Verliebtheit und immense Vorfreude können die emotionalen Polster von Hypersensitiven zusätzlich belasten, wodurch sie eher dazu neigen in die Reizüberflutung abzudriften.
Doch wann das genau passiert ist bei jedem anders. Die einen sterben innerlich bereits, wenn sie den kratzigen Wollpulli, den sie von Tante Erna zu Weihnachten geschenkt bekommen haben, extra für einen Besuch anziehen, um die liebe Tante nicht zu enttäuschen, die anderen wiederum bekommen Beklemmungsgefühle durch die Überstimulation durch große Menschenmassen. Für jeden Hochsensiblen und jede Hochsensible gibt es auf jeden Fall die Möglichkeit in Erfahrung zu bringen, welcher Sinn oder welcher Zustand der Erregung über einen größeren Zeitraum hinweg ertragen, vielleicht sogar genossen werden kann.


3. Hochsensibilität gibt es eigentlich gar nicht

capricorn_by_fotostyle_schindler-d7fe1ao

Im Kontrast zu anderen Mitgliedern ihrer Spezies gelten hochsensible Mitglieder als eher zurückhaltend und abwägend. Während andere Mitglieder waghalsige Sprünge durchführen oder neue Gebiete erkunden, warten sie erstmal Ergebnisse ab und bleiben in Sicherheit.

Dieses Argument kann eigentlich nur von nicht HSP kommen, für welche die Intensität des eigenen Erlebens und Wahrnehmens nicht genug „Beweis“ der Existenz des Konzepts ist. Dieses Argument kann aber auch verknüpft sein mit dem Anspruch an den Betroffenen sich und seine Wahrnehmung nicht so ernst oder wichtig zu nehmen – was natürlich letzten Endes zur Frustration der oder des Hypersensitiven führen muss, gerade wenn dieser einfach nur verstanden werden will.
Aber ja, Hochsensibilität ist im Vergleich zu anderen psychologischen Themen als Konstrukt recht unerforscht. Was aber, wie Elaine Aron selber in Hochsensibilität und Liebe beschreibt, nicht bedeutet, dass die einzelnen Bausteine wie Reizüberflutung, gesteigerte Wahrnehmung und Empathie nicht schon als separate Phänomene untersucht worden wären. Doch erst mit dem Zusammenführen all der Komponenten auf der Basis der tieferen Reizverarbeitung und gesteigerten Wahrnehmung durch Elaine Aron und mittlerweile auch anderen Forschergruppen ergibt sich ein spezienübergreifendes Bild der Hochsensibilität als eine durch die Evolution hervorgegangene Methode zur Sicherung des Überlebens von Stämmen, Rudeln und somit des Fortbestehens.


4. Hochsensible lassen sich eher von Gefühl und Intuition als von der Vernunft leiten

Eines direkt vorweg: Schauen wir uns in unserem Bekanntenkreis einmal um, sind dort alle unsere nicht hochsiblen Familienmitglieder, Freunde und geliebte Menschen denn wirklich so vernünftig? Vermeidet Tante Ulrike ihre unnötigen Ausgaben und legt eher in Zeiten des Überschusses etwas Geld auf die hohe Kante? Schlägt sich Jens die unerwiderte Liebe zur neuen Mieterin im gleichen Haus eher aus dem Kopf, oder schwärmt der unglücklich noch Wochen von ihr? In Wahrheit werden Menschen selten von eiskalter Logik oder Vernunft gesteuert, und wir alle sind mit, mit wenigen Ausnahmen, auch zu Empathie fähig, werden von Wünschen, Träumen und Emotionen motiviert.
Vor dem Hintergrund der Hochsensibilität ist vielleicht mit Gefühl im Kontrast zur Vernunft eher das Streben nach immateriellen Werten wie altruistischer, sprich hingebungsvoller Liebe, welche keine Anforderungen an unseren Nächsten stellt gemeint. Das Bedürfnis im Entdecken und Erleben von Schönheit eine zeitlose Dimension zu finden, welche nicht nur von einem selbst, sondern auch von anderen Menschen erkundet werden kann und eher materielle Substitute für dieses Erleben unerheblich erscheinen lässt.


5. Hochsensible Menschen sind auserwählt oder haben eine besondere Gabe

Da Hochsensibilität vererbt wird ist damit eine sehr gewagte Aussage verknüpft, nämlich: „Bestimmte Blutslinien sind, im Gegensatz zu anderen, auserwählt und mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet“. Diese Aussage klingt gleich weniger spirituell und sensibel, aber dafür spiegelt sie die Annahmen wieder, welche hinter dem Gedanken „eine Gabe zu haben“, oder „auserwählt (von wem denn?) zu sein“ stecken.
Dabei wird häufig auch vergessen, dass es auch andere Dispositionen, oder aber auch Störungen gibt, welche die Wahrnehmung oder das Erleben von Menschen derartig verändern dass man argumentieren könnte, dass diese Menschen gegenüber einer Vergleichsgruppe von Hochsensiblen und auch nicht HSP Vorteile im Alltag haben. Soziopathen werden z.B. mit fehlender Empathie und Furchtlosigkeit in Verbindung gebracht und können es potentiell in vielen Bereichen, wie Wirtschaft, Politik und Forschung sehr weit bringen. Und auch wenn die meisten HSP moralisch empört darauf pochen würden, dass für bestimmte Erfolge einfach zu viele andere Menschen in Mitleidenschaft gezogen werden, so müssen sie dennoch zerknirscht zugeben, dass in unserer westlichen Leistungsgesellschaft diese eiskalten, animalischen Jäger, wie der Psychologe Kevin Dutton sie nennt, den meisten HSP beim Kampf um Anerkennung, Ansehen und materiellem Erfolg schlicht und ergreifend überlegen sind.
Es ist vielleicht einfach nur die verständliche Überlegung, dass die Mischung aus so tiefgehenden und berührenden Erfahrungen, gepaart mit spirituellen Empfindungen so überwältigend wirken, dass man sich einfach wie beschenkt vorkommt. Es ist als wäre man direkt nach der Geburt mit einem ganz besonderen Geschenk ausgestattet worden, welches zwar alle anderen Kinder auch bekommen haben, aber nur man selbst war in der Lage die Schleife darum zu lösen. Das ändert zwar nicht die Tatsache, dass auch die anderen Kinder sich über das Geschenk freuen, aber nur die HSP scheint in der Lage gewesen zu sein, hinter das Geschenkpapier zu sehen.
Letzten Endes vergessen diese HSP dann aber leider aufgrund der überwältigenden Freude, dass es vielleicht nur darum geht, dass letzten Endes jeder ein solches Geschenk erhalten hat.


6. Hochsensible sind die besseren Menschen

saint_statue_by_taryn_stock

HSP sind mit Sicherheit nicht immer Heilige. Doch faszinieren sie häufig Ideale, welche mit einem größtmöglichen Wohl für alle einhergehen. Doch ob das Bedürfnis eine Utopie zum Leben zu erwecken auch immer selbstlos motiviert ist, steht auf einem anderen Blatt.

Ja, dieses Vorurteil habe ich in der Tat mehrfach auf Facebook gelesen. Es ist nicht ganz unverwandt mit dem vorigen Vorurteil, aber es stecken andere Vorannahmen dahinter. Als Kern bietet sich die stark ausgeprägte Empathie an, welche dafür sorgt, dass es zum Beispiel mehr Vegetarier und Veganer unter HSP als unter anderen Dispositionen gibt, und das Bedürfnis auch anderen Lebewesen zu helfen ausgeprägt ist. Des Weiteren sorgt diese Empathie und das umfassendere Kombinieren von Informationen dafür, dass Hochsensible vermehrt ethische Ansätze zu leben versuchen, welche das größtmögliche Wohl für möglichst viele Lebewesen als Ziel haben. Übrigens bevorzugen die meisten Menschen derartige Überzeugungen, wenn man sie danach fragt, aber scheinen HSP einen verstärkten Antrieb dazu zu haben, derartige Ideale auch realisieren.
Wenn es eine Quelle für BurnOut gibt, welche HSP besonders betrifft, dann ist es dieses Ideal gepaart mit einer Empathie, welche die Bedürfnisse anderer Menschen stärker empfinden lässt, als die eigenen. Es ist dann auch nicht mehr ganz so selbstlos, wenn man nur noch hilft um das erlebte Leid in seinem Inneren zu vermindern.Die Frage ob Hochsensible die besseren Menschen sind, weil sie vermehrt Verhalten an den Tag legen, dass darauf ausgelegt ist, Leid zu vermindern, lässt sich wegen der Verstrickung von Empathie, ethischen Idealen und dem Bedürfnis das gespiegelte Leid des Empfängers unserer Hilfe an dieser Stelle deswegen leider nicht so generalisiert beantworten.
Sicher ist, dass das Bedürfnis der meisten HSP, eine bessere Welt zu schaffen,  eine ernst gemeinte Angelegenheit ist.


7. Kinder mit ADHS sind eigentlich hochsensibel

Dieser Gedanke würde erklären warum die Diagnose AD(H)S scheinbar so häufig bei Kindern gestellt wird. Es wäre vorstellbar dass gerade extrovertierte HS-Kinder ihre nervöse Energie, welche durch die Anwesenheit anderer Kinder noch verstärkt wird, durch Aufmerksamkeitsdefizite und übermässige Bewegung kompensieren. Insgesamt sollen etwa 3-5% der Kinder in der Schule von AD(H)S betroffen sein. Darunter könnten sich ein ein großer Anteil an hochsensiblen Kindern befinden, doch gibt es auch Störungen, wie zum Beispiel Asperger Autismus oder auch Allergien welche AD(H)S als Begleitsymptomatik haben.


8. Hochsensible sind intelligenter als der Durchschnitt

Nimmt man das Tao-Te-King als Grundlage, dann kann man lachend davon ausgehen, dass doch alles Wissen, und jede Intelligenz nichts wert ist, sobald sie einen eitel und unecht werden lässt. Nichtsdestotrotz würden wohl die meisten Menschen bei uns im Westen sehr ungehalten reagieren, wenn man ihnen ihre Intelligenz absprechen würde. Meistens wird mit Intelligenz auch direkt der IQ verknüpft, welcher nichts anderes als das verrechnete Ergebnis meist sehr unterschiedlicher Tests ist. Dieser IQ sagt eigentlich erst einmal nur aus, dass man bestimmte Aufgaben, welche verschiedene kognitive Funktionen beanspruchen bewältigen kann. Wie jetzt die Kompetenz des Anwenders dieser Funktionen ist, sich ihm stellende Probleme zu bewältigen, steht auf einem ganz anderen Blatt geschrieben.
Und um den Elefanten im Raum endlich anzusprechen: Nach den Untersuchungen von Elaine Aron sind HSP nicht intelligenter als nicht HSP, aber weisen sie auch nicht weniger IQ-Punkte auf.


9. Hochsensible haben ein höheres Bewusstsein als andere Menschen

brain_coral_001_by_steph_stock88

Eine Koralle, welche wie ein Gehirn aussieht und unter der Meeresoberfläche lebt. Ein schönes Sinnbild für das hochsensible Gehirn, welches mehr unbewusste Anteile verarbeitet, als dies bei anderen Menschen der Fall wäre. Allerdings ist dies auch mit einer größeren Belastung verbunden.

Dieses Statement ist mein absoluter Favorit. Denn Bewusstsein ist für die meisten Menschen eine separate Fähigkeit des Menschen, welche man trainieren und verbessern kann. Man verbindet damit vielleicht so etwas wie konzentriertes gewahr-sein der aktuellen Situation oder aber das Verbinden der Zusammenhänge zwischen diversen Ereignissen, Personen, Zuständen oder Objekten. Doch in der Psychologie ist man, wenn es um das Bewusstsein geht sehr viel pragmatischer, denn Bewusstsein ist erstmal nur das Produkt der Informationsverarbeitung des Gehirns. Wobei dasjenige, was überhaupt in unsere Wahrnehmung gelangt auch schon mal freundlicherweise vorgefiltert, sortiert und beschriftet ist, so dass wir als Wahrnehmender Mensch möglichst wenig Arbeit investieren müssen, um uns in unserer kleinen Welt zurechtzufinden.
Wir haben es also im Grunde mit zwei unterschiedlichen Aussagen zu tun:

1. HSP haben mehr dieser Bewusstseinsinhalte als andere Menschen, und darauf aufbauend
2. HSP können wegen dieser größeren Menge an wahrgenommenen Inhalten auch leichter Aussagen über Zusammenhänge tätigen, welche anderen Menschen vielleicht entgehen würden.

Und ja, es stimmt sogar. Es ist richtig dass wir (zusammen mit einigen Autisten etc.) mehr Reize und Inhalte verarbeiten als andere Menschen und via Intuition manchmal sogar das Glück haben, selbst dann eine richtige Aussage zu treffen, obwohl wie bestimmte Sachverhalte gar nicht aktiv verarbeitet haben. Das klingt jetzt erst einmal sehr großartig und wie eine tolle Fähigkeit. Doch leider sind die Inhalte, welche uns unser Gehirn überhaupt ins Bewusstsein befördert, genau wie bei anderen Menschen auch,  bereits durch unsere Einstellung, Erfahrungen und Vorstellungen und Gewohnheiten vor-sortiert und gefiltert. Es mag sehr ironisch klingen, da für uns HSP Wahrnehmen und aktives Verarbeiten unserer Bewusstseinsinhalte so wichtig und auch mühsam sein kann, aber auch wir haben keinen unverfälschten Blick auf die Welt und unser Gehirn nimmt unserer aktiven und willentlichen Verarbeitung bereits die größte Arbeit ab.


10. Hochsensible sind die nächste Stufe der Evolution

Dadurch dass der Prozentsatz der hochsensiblen Mitglieder bei Menschen und Tieren konstant zu bleiben scheint, erledigt sich diese Frage im Grunde von alleine. Denn Evolution bedeutet dass sich das Leben besser seiner Umgebung anpasst, um eben das Überleben der betroffenen Spezies zu ermöglichen. Die Umwelt, in der wir uns bewegen bietet Lebensraum für die meisten Ausprägungen menschlichen Lebens, und viele Dispositionen und Ausprägungen von sozialer Interaktion lassen sich auch bei Tieren beobachten.
In vielen Notsituationen wäre die langsame und intensive Verarbeitung von Reizen oder Emotionen ein Hindernis, welches effektives Handeln mehr behindert als fördert. Wie könnten wir HSP denn auch bereits die nächste Stufe der Entwicklung des Menschen sein, wenn wir uns zusammen mit den anderen Mitgliedern unserer Spezies entwickelt haben? Und gerade wenn wir unausgeschlafen einem Tag mit vielen verschiedenen unterschiedlichen Kontakten, abwechselnden monotonen Aufgaben und unausweichlichen Reizen entgegensehen fühlen wir uns ganz sicher Überfordert – und nicht als wären wir die nächste Stufe der Evolution. Und ab und an bewundern wir vielleicht auch unsere nicht-hochsensible Kollegin, welche gleichzeitig mit den beruflichen Aufgaben auch noch den Sportverein ihrer Tochter und ein Privatleben samt Hobbies managed, und dabei nicht wirkt, als ob sie einen ganz besonders kratzigen Pullover tragen würde, der ihr auch noch eine Nummer zu klein ist.


Quellen und Literatur:

Extrovertierte und introvertierte Hochsensibilität

Klassischerweise stellt man sich einen HSP als in sich gekehrten Denker oder Denkerin vor, der aus fast jedem Moment der Stille eine Form der Meditation gestalten kann. Vielleicht ist er oder sie in einem bequemen Sessel geschmiegt, natürlich bei gedämmtem Licht, und in eine Decke gehüllt, und mit einem Buch gewappnet.
Eine Tasse Tee neben sich stehend widmet man dem Geist die geschriebenen Zeilen vor sich, und ergänzt das kniffelige Puzzle seiner komplexen, inneren Welt. Würde diese Person angesprochen werden, würde sie vielleicht hochschrecken und müsste erst einmal die Gedanken neu sortieren.


Der introvertierte Hochsensible

Hochsensible Menschen sind dafür bekannt, dass sie ständig neue Reize benötigen und eine große Bandbreite an Informationsquellen benutzen, um ihre dichten, neuronalen Netzwerke mit neuen Inhalten zu füllen. Diese Besonderheit finden wir übrigens auch bei Menschen mit dem Asperger-Syndrom. Gemeinsam haben ebenfalls beide, dass HSP und Asperger häufiger in introvertierter als extrovertierter Ausprägung anzutreffen sind.

Introvertierte Menschen sind häufig stille Beobachter und werden als ruhig und

Introvertierte Hochsensible benötigen viel Zeit um sich von Eindrücken zu erholen.

Introvertierte Hochsensible benötigen viel Zeit um sich von Eindrücken zu erholen.

zurückhaltend beschrieben. Das bedeutet allerdings nicht, dass diese Menschen kein Interesse am gerade stattfindenden Geschehen oder sozialen Kontakten hätten. Introvertiertheit ist nur eine Ausprägung der Persönlichkeit, welche für diesen Menschen energiesparender ist. Dadurch dass ein großer Teil der Konzentration im Innenleben verbleibt, und die Interaktion mit der Umwelt herunter reduziert ist, wird die Menge an zu verarbeitenden Informationen reduziert, und die Gefahr einer Reizüberflutung vermindert. Gleichzeitig finden wir aber auch ein sehr großes Bedürfnis nach wirklichem Verständnis der Welt. Weswegen übrigens auch viele introvertierte HSP sich sehr gut beim Wechsel von Schule zu Universität schlagen, da sich zum reinen Reproduzieren von Wissen, wie es häufig in der Schule der Fall ist, nun vermehrt echtes Verstehen gesellt.

Dadurch dass der größere Teil, ca. 70% der Hochsensiblen, introvertiert sind, wird auch das allgemeine Bild der Hochsensibilität von dem Bedürfnis nach Ruhe und Zeit für die Verarbeitung von Eindrücken bestimmt. Doch dürfen wir nicht vergessen, dass eine der grundlegenden Eigenschaften von HSP ist, dass sie trotz der häufig auftretenden Reizüberflutung immer noch einen großen Hunger nach Eindrücken haben. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass die einzelnen Nerven sich durch die stete Stimulation zu sogenannten neuronalen Netzen verbinden, welche es wiederum erleichtern, mit all den Informationen umzugehen. Selbst eingefleischte Introvertierte, welche immer wieder unter den Auswirkungen von Reizüberflutung leiden können die Neigung zur Neugierde nicht leugnen, wenn sie doch in ruhigen Momenten ihre Lieblingsliteratur hervorkramen, den nächsten Urlaub Planen oder in Ruhe eine Liste mit Museen und Waldwanderwegen erstellen.


Das extrovertierte Gegenstück

Auch wenn vielleicht das schrille Klingeln des Telefons auch für den extrovertierten Hochsensiblen immer noch eine erschöpfende Tortur darstellt, so finden wir hier jedoch einen großen

Der größte Teil der HSP liebt neue Eindrücke.

Der größte Teil der HSP liebt neue Eindrücke. Dem Extrovertierten wird jedoch schnell langweilig.

Genuss am direkten Austausch – vorzugsweise mit Freunden und Familie. Denn solange zum anregenden Dialog nicht noch die unvermeidbare Aufgabe kommt, alle neuen Eindrücke einer unbekannten Person zu verarbeiten, sind extrovertierte HSP hier in ihrem Element. Das ändert allerdings nichts daran, dass sie immer wieder Ruhe benötigen um dem Nervenkostüm Zeit zu geben, sich zu erholen. Ein weiterer Unterschied bei extrovertierten Menschen ist, dass sie eher dazu neigen ihren Gefühlen im Dialog Ausdruck zu verleihen. Dass dies mitunter dazu führt, dass extrovertierte Hochsensible nicht mehr aus dem Reden rauskommen, ist vielleicht nicht ganz abwegig. Auch beim extrovertierten Hochsensiblen gilt, dass er seiner Beeindruckbarkeit durch Umwelt und Gesprächspartner nicht entfliehen kann. So entsteht schnell ein sehr ambivalenter Umgang mit Reizen, der von großer Lebendigkeit im Wechsel mit Erschöpfung gekennzeichnet ist. Jedoch findet sich auch bei den extrovertierten HSP ein größerer Drang danach, die Welt zu verändern, oder sich zumindest mit Medien die Langeweile zu vertreiben. Und Langeweile kennt auch der introvertierte Hochsensible nur allzu gut.


Quellen und Literatur