Sinnfindung

Buchrezension: Silvia Christine Strauch – Meine Hochsensibilität positiv gelebt

Meine Hochsensibilität positiv gelebt ist eine Mischung aus Autobiographie und Sachbuch von Silvia Christiane Strauch, und 2016 bei Dielus Edition erschienen. Die Autorin widmet sich der Hochsensibilität in Form von Resümees zu verschiedenen Themen, Beschreibungen von Situationen aus ihrem Leben, sowie einigen ausgewählten Texten zu Themen des  hochsensiblen Alltags und der Auseinandersetzung mit Menschen, Tieren und sich selbst.


Gliederung und Inhalt

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Warme, sommerliche Farben und ein lebendiges Cover. Der Inhalt ist ebenso freundlich.

Dieses Buch unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von allen anderen Büchern zum Thema. Eine Besonderheit davon ist, dass sich das komplette erste von vier Kapiteln um die persönlichen Lebenserfahrungen der Autorin handelt, welche nun rückblickend von ihr unter dem Gesichtspunkt der Hochsensitivität reflektiert werden. Kapitel zwei widmet sich im Stil eines Ratgebers Vorgehensweisen und Tipps. Diese sollen einem dabei helfen, das eigene Leben in den Griff zu bekommen sowie Lebensfreude und Gesundheit zu verbessern. Das dritte Kapitel behandelt behandelt nun ein sehr zentrales Thema für alle HSP, nämlich das Verringern von Unruhe und den Umgang mit Reizüberflutung. Zu guter Letzt bildet ein sehr knappes Kapitel mit einem persönlichen Nachwort und einigen aufmunternden Worten den Abschluss des Buches.

Auffällig an diesem Buch ist, dass fast jeder Abschnitt des ersten Kapitels eingerahmt ist in Fragen, welche zum reflektieren einladen sollen und einem Resümee von Silvia Christine Strauch, in welchem sie einzelne Ratschläge zu verschiedenen Situationen des hochsensiblen Alltags gibt. Typische Fragen vor den einzelnen unterkapiteln sind zum Beispiel:

  • Wurden Sie als schüchtern bezeichnet?
  • Wollen Sie nur noch alleine sein, wenn Sie nervlich angespannt sind?
  • Fühlen Sie sich in einer Gruppe schnell überfordert?

In der Lebensgeschichte der Autorin dürften sich wahrscheinlich für jeden Leser oder jede Leserin einige Abschnitte finden, in welchen man sich wiedererkennt.Ab Kapitel Nummer zwei wird auf die Resümees der Autorin verzichtet, was deswegen Sinn macht, da die kurzgefassten Tipps sich nun zu kleinen Aufsätzen über jedes Thema ausweiten. Die Bandbreite der Themen reicht hier von Zeitmanagement über Positives Denken bis hin zu Sport, und man merkt dass Frau Strauch sich in alle diese Themen ein wenig eingearbeitet hat und hier einige Denkanstöße liefern will.
Im dritten Kapitel finden sich nun Hinweise, wie man mit Reizüberflutung und Stress umgehen kann, oder wie man seine Überstimulation in kreative Bahnen lenkt.
Kapitel vier ist extrem kurz und rundet Buch auf einer positiven Note mit Fragen über Sinnsuche und Selbstverwirklichung ab.

Das Buch hat insgesamt 185 Seiten und ist damit ein Leichtgewicht unter den Ratgebern über Hochsensibilität. Dies wird aber durch die unmissverständlich formulierten Ratschläge etwas gegenkompensiert.


Kritik

Wie auch Die Berufung für Hochsensible aus dem selben Verlag hat Meine Hochsensibilität positiv gelebt eine spirituelle und auf Selbstverwirklichung ausgerichtete Note. Interessanterweise fließen meines Erachtens nach Ratgeber-Anteile und Biographie sehr schön ineinander über, was den Lesefluss sehr angenehm gestaltet. Die Kombination aus Selbstbericht und Sachtext finden wir in dieser Form zum Beispiel auch bei den Büchern von Aron selbst – wenn auch bei Weitem nicht so ausgeprägt.
Man darf bei knapp 30 Unterkapiteln und 185 Seiten wirklich stark ausgeprägte Breite der Themen oder gar Tiefe in der Erörterung der Ratgeber-Anteile erwarten. Das kann jedes bisher von mir bisher vorgestellte Buch erheblich besser. Aber darum geht es bei diesem Werk auch nicht, denn jeder Abschnitt liest sich in der Tat so, als ob man eine Episode aus der Biographie der Autorin nacherleben würde. Der tiefenentspannte Schreibstil trägt dazu bei dass sich jedes Unterkapitel wie die Erzählung einer Freundin oder Bekannten anfühlt, die uns als Leser einfach daran teilhaben lässt, wie ihre Kindheit war, oder wie sie einzelne Abschnitte und Krisen in ihrem Leben gemeistert hat.
Was mir vom Buch am ehesten hängengeblieben ist, sind die drei kurzen Tipps über den Umgang mit Tieren. Ich glaube dass wenn Silvia Christin Strauch sich in dieses Thema vertiefen würde, sie ein gut lesbares und leicht verständliches Werk über hochsensiblen Umgang mit Tieren herausbringen könnte.


Fazit

Dieses entspannte Büchlein kann einen schonenden und unkomplizierten Einstieg in das Thema Hochsensitivität darstellen, insbesondere wenn man keine Lust hat, sich reine Sachliteratur anzueignen. Der Schreibstil ist sehr authentisch und unkompliziert, und in den Ratschlägen und den biographischen Anteilen werden sich viele HSP mit Sicherheit wiederfinden. Das Alleinstellungsmerkmal ist die, in meinen Augen gut gelungene, Verwebung von Biographie und Ratgeber, doch bleibt bei der Kürze des Buches eben auch der Tiefgang in der Auseinandersetzung mit den Themen auf der Strecke.

Buchrezension: Die Berufung für Hochsensible von Luca Rohleder

Das Buch Die Berufung für Hochsensible von Luca Rohleder ist ein Sachbuch über ein für die meisten HSP sehr gewichtiges Thema – dem  Finden einer stimmigen Möglichkeit sich beruflich zu verwirklichen. Es ist im Jahr 2015 in der zweiten Auflage bei Dielus Edition Leipzig erschienen.


Gliederung und Inhalt

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Auch wenn das Cover auf den ersten Blick wie ein Fachbuch für Neurologie wirkt hat das Buch wenig Bezug zur Physiologie der Hochsensibilität

Das Buch ist in fünf Kapitel gegliedert. Wobei sich die ersten beiden vorwiegend mit dem Ist-Zustand beschäftigen und sich der Bestandsaufnahme des eigenen Potentials als hochsensible Person widmen. Darauf folgen drei Kapitel welche sich – interessanterweise sogar sehr praxisbezogen – darum bemühen, aus dieser Bestandsaufnahme Handlungsweisen herzuleiten, die für das knapp über 200 Seiten füllende  Buches ein überraschend breites Spektrum des alltäglichen Lebens und Erlebens abdecken.

Die Berufung für Hochsensible hat eine grundlegend andere Ausrichtung als zum Beispiel die Bücher von Elaine Aron und Birgit Trappmann-Korr. Denn das Buch trägt im Kern den therapeutischen Ansatz der Arbeit mit dem inneren Kind, welcher mit spirituellen Einflüssen, einem großen Brocken an Selbstcoaching und eigenen Erfahrungen sowie Eindrücken des Autors eine Partnerschaft eingeht um die notwendigen Ressourcen zu generieren, welche für eine Veränderung des eigenen Lebens notwendig sind.
Das Buch ist sehr praxisorientiert und der Schreibstil richtet sich stellenweise direkt an „Sie als Leser“, fordert häufig zu konkreten Einstellungsänderungen wie „Sehen Sie Arbeitgeber nur als Kunden“, der Übernahme einer Vorstellung oder Perspektive oder auch nur zum Nachdenken auf.

Der Inhalt erstreckt sich dabei auf nahezu jeden Bereich des Lebens und orientiert sich immer wieder an den Grundbedürfnissen des Menschen und dem aus der psychodynamischen Theorie stammenden Modell vom Inneren Kind. Ein zentraler Punkt ist der Umgang mit Verletzungen und das Loslassen von schädlichen Verhaltensweisen sowie Vorstellungen und Emotionen – aber auch Menschen. Denn der Umgang mit Stress, Mitarbeitern und Kunden wird an verschiedenen Stellen mehrfach aufgegriffen und in den Gesamtkontext des Buches eingefügt. Ebenso finden sich Abschnitte wo es um die Anforderungen der Gesellschaft an das Individuum geht, und wie Geld und Einkommen unser Leben beeinflussen.


Kritik

Das Buch ist als Ratgeber gedacht welcher beim Finden der eigenen Berufung helfen soll, und ich habe den Eindruck dass es diesem Anspruch auch voll und ganz gerecht werden kann. Es ist als Leitfaden gedacht um sich mit Papier und Bleistift daneben zu setzen und über sich selbst zu reflektieren. Dabei hält es sich nicht groß damit auf, wie Hochsensibilität zustande kommt oder fundiert seine Überlegungen in Theorien, sondern ist vor allem daran orientiert die Ärmel umzukrempeln und zur Nutzung der eigenen Ressourcen anzuregen und sich (wieder) auf sich selbst zu verlassen.
Einige Inhalte wirkten allerdings beim Lesen eher deplatziert, wie die Schelte gegen Psychologen welche dem Leser ein Trauma andichten würden, während man als Leser dabei gleichzeitig ein Buch in den Händen hält welches auf dem Inneren-Kind-Modell beruht das unter anderem zur Beschreibung von Vorgängen in der Traumatherapie herangezogen werden kann. Generell hatte ich den Eindruck dass der Autor immer wieder Kritik an Wissenschaft, dem Verstand als intellektuelle Verlängerung des Egos oder gleich direkt der Gesellschaft üben möchte – wobei er auf der anderen Seite allerdings auch zur Versöhnung rät.


Fazit

Wenn man sich als HSP bereits mit den Hintergründen für das eigene Temperament auseinandergesetzt hat und vor Fragen der Sinnfindung und der Suche nach beruflicher Veränderung oder der erfüllenden Berufung steht, dann hat dieses Buch wahrscheinlich zur Zeit kaum Konkurrenz. Die Aufforderungen zum Mitwirken und die große Bandbreite an Informationen sind gut auf Fragen der Selbstverwirklichung zugeschnitten. Die spirituelle Komponente und auch die Systemkritik kann für einige Hochsensible ein zusätzliches Kaufkriterium sein, andere jedoch auch abschrecken.

Denken versus Fühlen

Dieses Thema kann für hochsensible Personen unserer Zeit einer der intensivsten Konflikte überhaupt sein. Wir bewegen uns damit auf einem Feld das dominiert wird von Missverständnissen über Denken und Fühlen. Sowie Annahmen darüber, wie Menschen per se Denken und Fühlen, welche dann wiederum zu Bewertungen und Missverständnissen zwischen den Anders- Denkenden und Fühlenden führen. Klingt komisch, ist aber eigentlich sogar noch komplizierter. Doch versuchen wir heute einfach mal zu schauen, wie insbesondere HSP von Gedanken über das Denken und einem aktiven Umgang mit Gefühlen profitieren können.


Der scheinbar unlösbare Konflikt

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Niccolò Machiavelli ist mit vielen seiner Hypothesen weitaus mehr pragmatisch als empathisch, doch erkennt er in „Der Fürst“ zumindest die Fähigkeit, vielleicht auch den Wert von Empathie an.

Jeder sieht, was du scheinst. Nur wenige fühlen, wie du bist“ schreibt Niccolò Machiavelli in „Der Fürst“ und weist damit darauf hin, wie leicht doch Menschen durch ihren Verstand und den Schein über die eigene Person in die Irre zu führen sind. Nur über die Empathie scheinen wir Zugriff auf die Persönlichkeit hinter der Präsentation zu bekommen. Der Streit wird auch auf körperlicher Ebene fortgeführt: Von unserem bildlichen Verständnis her sind das Gehirn oder der Kopf als Denkapparat und unser Herz oder Bauch als Sitz unserer Emotionen an unterschiedlichen Plätzen im Körper verortet und voneinander getrennt.
Doch wie kommt es überhaupt dazu, dass Fühlen und Denken als oft als unvereinbare Gegensätze wahrgenommen werden? Dort wo Denken mit dem analysieren von Fakten und dem vernünftigen Handeln nach einer Bewertung der einzelnen Bestandteile eines Problems assoziiert werden kann, scheint es oftmals so zu sein, dass dem Fühlen ein Wissen zugeschrieben wird, welches ohne diese intentionale Anstrengung abgerufen werden kann und zu ebenso guten, manchmal aber auch zu besseren Ergebnissen führen kann, als es der verstandesmäßigen Auseinandersetzung mit einer Fragestellung möglich wäre.

Widmen wir uns also erstmal dem Denken, um in Erfahrung zu bringen, wo die Unterschiedlichkeit ihren Ursprung hat.


Denken

Fangen wir direkt einmal mit einer Definition von Denken an:

[Denken ist] das verstandesmäßige Erfassen von Eindrücken und Zusammenhängen, das zu Schlußfolgerungen und Urteilen führt. […]
Psychology48.com

Es gibt noch weitere Definitionen, wenn es um spezielle Bereiche des Denken geht, doch diese Definition zeigt sehr gut auf, dass Wahrnehmung, Informationsverarbeitung und Denken miteinander in Verbindung stehen. Wir haben hier sogar gleich zwei Bereiche in denen HSP eine intensivere Auseinandersetzung erfahren, nämlich das Wahrnehmen von Eindrücken und das Erkennen von Zusammenhängen. Vielleicht wird jetzt auch deutlich warum für Hochsensible eine Auseinandersetzung mit Denken per se eine fruchtbare Angelegenheit sein kann.
Wenn wir erkennen, dass unser Denken von eben unserer eingehenderen Wahrnehmung gespeist wird und die Zusammenhänge, welche wir aufgrund der differenzierteren Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Quellen wahrnehmen können, in Denkprozesse einfließen, dann lässt sich zum Beispiel leicht erklären, wie wir es schaffen, durch schiere Beschäftigung mit Themen in größere Aufregung zu verfallen und dabei schneller erschöpfen. Auch finden wir hier Gründe, warum unsere Schlussfolgerungen manchmal von Nicht-HSP nicht nachvollzogen werden können, oder aber eine ausführlichere Erläuterung vieler unser Vorannahmen erfolgen muss, um das Endergebnis unserer Schlussfolgerungen erklärbar zu machen.

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Denken wird oft gleichgesetzt mit den logischen Prozessen, welche von Prozessoren durchgeführt werden. Und obwohl es zwischen der Funktionsweise des Gehirns und einem Prozessor durchaus Parallelen gibt, bedeutet es nicht dass Denken ein mechanistischer Prozess ist.

Eine so einfache Definition wie die obige kann für uns HSP bereits der Schlüssel sein, Denken in einem völlig neuen Licht erscheinen zu lassen.
Denn was aus diesem Prozess doch überhaupt bisher gar nicht ausgeklammert wurde, und was eben häufig auch der Grund für Missverständnisse ist, ist dass die Wahrnehmung eben als Gegenstand mit in unser Denken einfließt. Und Wahrnehmung ist eben für HSP wegen ihrer Intensität von so außerordentlicher Wichtigkeit – und mit etwas Verständnis dafür dass Wahrnehmung auch Rückschlüsse auf die Einstellung einer Person zu einem Gegenstand zulässt, zeigt sich hier doch schon, dass Denken kein objektiver, „herzloser“ Prozess ist.
Natürlich ist das Ergebnis unserer Schlussfolgerungen dann auch etwas auf dass wir stolz sein können, denn immerhin ist in unser Denken unsere Erfahrung und unser Wissen eingeflossen, und das Ergebnis spiegelt zu einem gewissen Grad unsere Werte wieder.

Objektivität

Dass ein Konflikt zwischen Denken und Fühlen, wahrgenommen wird liegt vielleicht eher daran, dass es Bereiche, namentlich im wissenschaftlichen Arbeiten, gibt, wo Schlussfolgern und Denken Regeln folgen. Regeln auf persönliche Erfahrungen oder schlimmer noch Gefühle und intuitives Wissen anzuwenden erscheint den meisten HSP wahrscheinlich erst einmal extrem suspekt, doch sind diese Maßgaben auch für etwas komplett anderes gedacht als die individuelle Erfahrung eines Menschen abzuwerten.
Bestimmte Gesetzmäßigkeiten sollen lediglich ein Verstehen ermöglichen, von dem mehr als nur wir selbst profitieren können. Die Existenz von Regeln für bestimmte Bereiche des wissenschaftlichen Arbeitens und damit Denkens kann zwar wirken, als wäre es mechanistisch und kalt, aber gerade moderne Wissenschaftler wie Neurobiologe Sam Harris (End of Faith) weisen auf die die Sinnstiftung hin, welchen wir durch individuelle Interpretation unserer Erfahrungen gewinnen können, und dass uns natürliche Fähigkeiten wie Empathie und das Bedürfnis nach Antworten und einem sinnerfüllten Leben als ganze Spezies verbindet. Wir HSP vergessen ob der Tiefe unserer Wahrnehmung und unseres Erlebens leider oftmals ebenso gut, dass Normalsensible keine Maschinen sind. Doch gerade introvertierte HSP können vielleicht  auch die Lust und den Genuss einer Denkaufgabe und beim Verknüpfen von verschiedenen, oberflächlich betrachtet eigentlich nicht zusammenhängenden Sachverhalten sehr gut nachvollziehen.


Fühlen

Der Begriff „Gefühl“ (engl. feeling) steht im Deutschen für eine enge Definition von Emotion, die die subjektive Erlebensqualität als ein Teil der Emotion in den Mittelpunkt rückt.
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Das Herz ist als Symbol in unseren Breitengraden der Inbegriff für gefühlsmäßige und wohlwollende emotionale Regungen

Der berühmte Ausspruch von Antoine de Saint-Exupéry „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ aus „Der kleine Prinz“ löst wahrscheinlich auch jetzt gerade wohlwollendes Nicken bei den meisten, dieses Zitat lesenden HSP aus.
Auf Ebene der Gefühle ist aber auch eine Menge los im Menschen:
Stimmungen bezeichnen eine grundlegende Ausgerichtetheit von Emotionen, welche wie die tiefen Strömungen unter der Meeresoberfläche sogar entgegengesetzt zu den sichtbaren Wellen sein können. Meta-Gefühle können durch Erinnerungen oder Vorstellungen geweckt werden und haben vielleicht mit der akuten Situation gar nichts zu tun, doch sind sie in der Lage unsere Erinnerungen so lebendig werden zu lassen, dass das Hier und Jetzt weit in den Hintergrund rückt. Körperliche Zustände wie Schmerzen, Hunger, Überreizung und Krankheit können uns traurig oder aggressiv werden lassen, ja sogar gereizt ganz gegen unsere normalen Emotionen und Einstellungen fühlen und handeln lassen. Doch zwischen all diesen emotionalen Bewegungen finden wir dann auch noch zu guter Letzt das Gefühl, als körperliches Empfinden in unserem Inneren, welches an eine Vorstellung oder Gedanken gebunden sein kann.
Gerade weil Hochsensible diese individuellen Gefühle so intensiv wahrnehmen, und wissen, wie sehr uns eine Empfindung mitreißen kann, sind wir oftmals umso umsichtiger mit unserem Verhalten und mit Worten.
Doch all diese Emotionen basieren häufig auf unseren früheren Erfahrungen und spiegeln sich in unserer Einstellung zu  bestimmten Menschen, Themen und Objekten wieder. Wir sind dadurch praktischerweise oft in der Lage schnell aus dem Bauch heraus Entscheidungen zu fällen oder ein Urteil abzugeben oder zu handeln. Gefühle helfen uns also deswegen dabei Entscheidungen im Alltag zu treffen, da sie oft auf Einstellungen beruhen, welche sich in der Vergangenheit bewährt haben.


Hassliebe Denken

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Denken tritt selten alleine auf und bedient sich oft der Erfahrung um eine Situation oder ein Problem zu bewältigen. Selbst beim Schach.

Obwohl wie wir weiter oben schon festgestellt haben HSP eine Veranlagung zum gründlichen Überdenken vieler Themen haben, mögen wir es manchmal nicht, wenn bestimmte Themen genauer beleuchtet werden. Dabei dominiert lediglich in sehr speziellen Situationen wie Forschung oder künstlerischer Tätigkeit das regelgeleitete Denken oder ein rein gefühlsbetonter Ausdruck. Doch trotzdem gibt es gerade wenn es um individuelle Gefühle  oder besonders gefühlsbeladene Themen wie Liebe oder Spiritualität geht, bei HSP oft die Angst davor etwas „kaputt zu analysieren“.  Vielleicht ist diese Angst aber auch gar nicht so sehr daran geknüpft, dass ein Prinzip, welches uns wichtig ist, nicht die Wertschätzung erfährt, die wir diesem Prinzip gerne zukommen lassen wollen. Sondern es ist die Angst davor, dass die Vorstellungen, welche wir von etwas haben bei genauerer Betrachtung die Erwartungen, welche wir daran haben vielleicht gar nicht in diesem Ausmaß für uns, oder aber auch für andere erfüllen kann.
Und ja, wir HSP lieben oft unsere kleinen geistigen Enklaven und Luftschlösser, denn sie sind ein Trostpflaster für die blauen Flecken der scheinbar so rüpelhaften, verkopften Ellenbogengesellschaft. Eine Fatamorgana kann ein echter Durstlöscher sein, wenn man das Gefühl hat emotionale Durststrecken durchleiden zu müssen.


Der goldene Mittelweg: Die Intuition

Für viele HSP ist Intuition so etwas wie ein manifest gewordener Beweis für die Überlegenheit der Spontaneität und des Gefühls gegenüber dem rein verstandesmäßigen  Denken. Doch stellt Intuition eigentlich einen großartigen Konsens aus Denken und Fühlen dar. Denn die rasend schnellen Schlüsse der Intuition wären ohne unser Vorwissen und vorangegangene Auseinandersetzung mit ähnlichen Situationen gar nicht möglich.

[Hinter Intuition] verbirgt sich […]  häufig eine spontane und rasche Mustererkennung und das meist unbewusste Abrufen von Erfahrungswissen
Lexikon.Stangl.eu

Unsere Intuition kann auf mehr Erfahrung und unser Vorwissen zurückgreifen und bezieht sogar Verknüpfungen mit ein, über die wir uns im Zusammenhang mit unserer Fragestellung selbst noch nicht den Kopf zerbrochen haben. Doch liegt sie mitnichten immer richtig.  Wir HSP freuen uns ja auch nicht umsonst wie verrückt, wenn jemand anderes eben die selben Ideen und spontanen Einfälle und Gefühle sowie Gedanken wie wir selbst hat – denn all diese Vorgänge sind zumeist sehr subjektiv und im Großteil der Situationen erst einmal nur für uns alleine zugänglich.
Und so stellt doch die Intuition ein ganz wundervolles Beispiel dafür da, wie Denken und Fühlen Hand in Hand gehen um uns den Umgang mit Problemen und dem Alltag zu erleichtern. Es geht letzten Endes also selbst für unser Gehirn gar nicht so sehr darum, dass wir immer Recht behalten müssen um unser Leben bestreiten zu können. Sondern dass wir zumindest das Gefühl haben, dass sich unser Denken und unsere Erfahrung jeden Tag aufs Neue bewähren können. Und das schmeichelt sowohl dem Kopf als auch dem Herz.


Quellen und Literatur

Hochsensible Menschen und die Ego-Falle

Das Ego ist in der letzten Zeit ganz schön beschäftigt gewesen: Es wertet Mitmenschen welche ihm nicht dienlich sind, schamlos herab, beutet die Umwelt in der es lebt aus als wäre heute der letzte Tag auf Erden und und zerstört den Planeten gleich noch obendrein. Diese immaterielle Entität hat so viel Macht und Einfluss auf den Menschen, dass mit dem Buddhismus und Taoismus gleich zwei östliche Religionen das Ego als einen zentralen Punkt in ihrer Lehre haben. Und viele moderne spirituelle Lehrer wie Eckhart Tolle und Osho haben diesen drei Buchstaben und wie man sich von ihnen befreit ganze Bücher gewidmet. Es ist nicht schwer, Parallelen zu finden zwischen den Dämonen des Mittelalters, welche hinter jeder Hausecke lauern um den Menschen zur Sünde oder unkeuschen Gedanken zu verleiten, und dem ebenso aus dem Dunkel des Unterbewusstseins stammenden Ego, welches zwar nicht unbedingt den christlichen Gott stürzen will, aber sich anscheinend auch nicht mit einem zweiten Platz zufrieden geben würde. 


Das Ego, was ist das Überhaupt?

Definieren wir auch heute überhaupt erst einmal wovon genau wir eigentlich sprechen wollen. Insbesondere ein diffuser Begriff wie „Ego“ braucht das aber auch. Bei Wikipedia finden wir alleine zum jetzigen Zeitpunkt drei Artikel über das Ego als Bestandteil des Menschen. Einer befasst sich mit dem Ego als umgangssprachlichen Begriff für Selbstwertgefühl, ein weiterer, psychologischer Artikel mit dem „Selbst“ als Summe des Wissens, welches ein Menschen über sich hat und dem „Ich“ als Beobachter dieses Wissens, und der dritte Artikel ist ebenfalls psychologischer Natur – hier macht endlich Sigmund Freud seine Aufwartung, welcher bei einem so großen Begriff wie dem Ego natürlich nicht fehlen darf.

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Wann hört Selbstliebe auf, gesund zu sein? Eine wichtige Frage für viele HSP.

Spannenderweise bleiben wir heute beim umgangssprachlichen Ego und brauchen gar nicht so tief in psychologische Theorien oder Definitionen abtauchen. Denn wenn wir unserem Nachbar unterstellen, dass er sein Ego aufplustert, weil er mit seiner Gehaltserhöhung oder dem Neuen Auto angibt, dann meinen wir  sein Selbstwertgefühl. Und zwar unterstellen wir ihm, dass er eigentlich einen Mangel an Selbstwertgefühl hat und sich über einen materiellen Ausgleich eine Kompensation dafür verschafft.

Das Ego ist für unser Verständnis an dieser Stelle sehr gut als künstlich gesteigertes Selbstwertgefühl definiert. Wie man sich vorstellen kann, lebt dieses künstliche Selbstwertgefühl ganz gut davon, sich bei für sich wichtigen Themen mit schlechteren Vergleichspartnern zu messen, die eigenen Stärken hervorzuheben und prestigeträchtige, von der Gesellschaft anerkannte Symbole der eigenen Wertigkeit zu präsentieren.


Hochsensiblität und die Angst vor Egoismus

Das alles klingt natürlich erst einmal überhaupt gar nicht nach hochsensiblen Menschen, welche eher mit Altruismus, Empathie und vor allem Introvertiertheit assoziiert sind. Wie könnte man gleichzeitig vor Bekannten in der Bahn mit dem Erfolg beim letzten Minigolfen angeben, wenn man sich stattdessen beim Spazierengehen in goldener Herbstsonne am bunten Laub auf dem Weg und dem Wind im Geäst gütlich tun kann?
Und genau weil es für die meisten HSP so unvorstellbar wäre, ihr Selbstwertgefühl künstlich aufzublähen schauen wir uns doch einmal an, wie es mit dem Selbstwert bei HSP so bestellt ist. In der Tat gibt Elaine Aron in ihren Werken recht eindeutig wieder dass die meisten Hypersensitiven aufgrund ihrer so unterschiedlichen Wahrnehmung im Kontrast zu den restlichen 80-90 Prozent nämlich erst einmal eher einen Mangel an Selbstwertgefühl haben. Auch das Bedürfnis nach Perfektionismus, welches den meisten Betroffenen zu eigen ist, passt sehr gut zur Angst davor, auf Ablehnung zu stoßen.
Und eben genau da ist der Unterschied, denn Anstelle andere Menschen zu übertrumpfen, indem man zum Beispiel moralischer ist, mehr Statussymbole anhäuft oder eine besondere Auszeichnung erhält versucht man es den anderen Menschen oder dem eigenen Ideal eher Recht zu machen. Die Identifikation mit einem Mitmenschen, welcher eventuell durch uns verletzt werden könnte, unsere Empathie, schützt vielleicht davor in der Tretmühle aus gegenseitigem Wettrüsten gefangen zu sein. Doch natürlich gibt es in dieser Hingabe an die Bedürfnisse des Nächsten auch wieder einen potentiellen Geschädigten.

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Die Angst davor abzustumpfen ist nicht unbegründet. Denn das Miterleben der Emotionen von anderen kann die Energiereserven leeren. Doch auch die alleinige Identifikation mit den eigenen Bedürfnissen scheint diese Gefahr innezuwohnen.

Und so kann es sein, dass man sich als HSP plötzlich in einer anderen Ego-Falle befindet, nämlich der Angst davor dass eine Steigerung des eigenen Selbstwertgefühls mit einem Verlust der Empathie einhergeht. Nicht aus dem Gefühl heraus es nicht verdient zu haben, sich wertvoll zu fühlen, sondern aus der Angst vor dem Schaden, welcher dadurch entstehen könnte, wenn man sich anstelle auf die Bedürfnisse anderer auf das eigene Wohlergehen stützt. Gerade das Gefühl der Ohnmacht in Momenten des Weltschmerzes ist ein Sinnbild für das Leid welches HSP häufig zu verringern wünschen, und gerade deswegen auch die Falschheit hinter einem übersteigerten Ego mit Entsetzen ob der Abwesenheit von jeglicher Empathie betrachten,
Die Vermischung vom Erlangen eines Gefühls des eigenen Wertes mit der Blindheit für das Leiden anderer Menschen kann eine echte Hürde gerade für besonders altruistische HSP sein, welche vor lauter Weltschmerz, und der Angst, die eigenen Ideale zu vernachlässigen, ihr Leiden vielleicht auch eher auf die körperliche Ebene verschieben und stark erschöpfen oder regelrecht krank werden.


Die Hochsensibilität bleibt bestehen

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Weltschmerz kann sehr überwältigend sein. Deswegen ist es umso wichtiger ihn ernst zu nehmen und zu ergründen.

Ich halte es durchaus für möglich dass das von mir in diesem Artikel geschilderte Dilemma eine ziemliche Eigenart speziell im hochsensiblen Erleben ist. Doch nichtsdestotrotz ist die Spannung zwischen der Angst davor sich selbst zu verlieren und dem Bedürfnis in etwas Größerem, wie dem Leben anderer Menschen aufzugehen ein Thema, welches schon bei Kain und Abel angesprochen wird und auch in populären Ratgebern wie „Grundformen der Angst“ von Fritz Riemann oder dem eingangs genannten Eckhart Tolle – Besteller „Jetzt!“ zentral ist.
Der drohende Verlust der eigenen Empfindsamkeit und des eigenen Erlebens, ja der eigenen Persönlichkeit lässt sich vielleicht damit auch schon entkräften, dass auf körperlicher Ebene die Hochsensibilität sich nicht verlieren lässt, da diese Disposition zu aller erst physiologisch ist. Die eigene Fähigkeit zur Empathie wird ebenfalls in ihrer Wahrnehmung genauer, wenn man sich daran gewöhnt, seine Aufmerksamkeit gleichsam im eigenen Körper zu behalten und auf sein Gegenüber zu lenken.
Vielleicht ist so der Weltschmerz und die damit einhergehende Fassungslosigkeit und Sprachlosigkeit eine Möglichkeit zur Beruhigung des Verstandes, indem er uns zwingt innezuhalten und unsere Ideale, den Perfektionismus und die Werte, welche uns motivieren zu überdenken. Das Ego in einem Freud’schen Sinne hat auch genau diese Funktion: Es ist der Vermittler zwischen unseren Bedürfnissen und den Idealen,welche wir mit und tragen, und hat garantiert nichts Dämonisches an sich.


Quellen und Literatur