adhs

50.000 Views – Dazu ein paar Statistiken und etwas Selbstreflexion

HSPDeutschland.com gibt es nun seit dem 13.06.2015, also weniger als zwei Jahre. Umso mehr freut es mich, dass wir innerhalb von so kurzer Zeit die 50.000 Views durchbrochen haben. Schauen wir uns doch einfach mal zusammen an, wie sich die Seite innerhalb dieser Zeit entwickelt hat und lassen die vergangene Zeit ein wenig auf uns wirken.


Der am meisten gelesenen Artikel

Knapp 1/5 der Views auf unserer Seite macht mit 9.151 Aufrufen  10 Tipps für Hochsensible zum Umgang mit Normalsensiblen aus. Das ist insofern erstaunlich, da es hier nicht das Befinden von uns HSP im Vordergrund steht, sondern der Umgang und das Verstehen von unseren Mitmenschen.
Dass dies der am meisten gelesene Artikel ist lässt sich aus meiner Sicht auf mehrere Arten interpretieren:

  • Die meisten meiner Leser haben sich bereits über HS informiert und sind mit sich selbst so weit im Reinen, dass sie eigentlich nur gerne noch ihren Alltag etwas stromlinienförmiger gestalten möchten.
  • Es ist ein Thema welches andere Seiten eher selten behandeln, da oftmals eher die Bedürfnisse von uns HSP im Vordergrund stehen.
  • Man versucht als Leser oder Leserin die Differenzen zwischen HSP und Nicht-HSP durch die Übernahme der anderen Perspektive noch besser zu verstehen.
  • Es ist einfach ein Interesse oder eine Neugierde für „die Anderen“ da.

Ich habe in der Tat beim Schreiben damals nicht gedacht, dass dies einmal der am meisten gelesene Artikel sein könnte, gerade da nicht das Innenleben von uns im Zentrum steht, und ich vermutet habe, dass die Meisten erstmal ein „Erste Hilfe Kit“ suchen würden, um sich selber und ihre Bedürfnisse besser zu verstehen.


Der am wenigsten gelesene Artikel

Gerade einmal 610 Views (1,2 % der Views) hat ironischerweise der Artikel, welcher mich am meisten Recherchearbeit gekostet hat, und welchen ich von Mitstudenten habe Peer-Reviewen lassen, Sprechen wir über ADHS. Auch wenn es bereits ein älteres Thema und schon sehr umfassend abgedeckt wurde sehe ich bei kaum einem Thema eine größere Kluft zwischen Laien und Fachleuten, aber auch unter Leuten die im Alltag damit zu tun haben. Wenn ich einfach mal „laut nachdenken“ würde, um Philosoph und Neurobiologen Sam Harris zu zitieren, würde ich vermuten dass der Artikel so wenig Aufrufe bekommen hat da:

  • Das generelle Interesse an diesem Thema in den meisten Menschen bereits übermäßig befriedigt ist.
  • Diejenigen, welche auf meine Seite kommen, sich vorwiegend über HS informieren möchten.
  • Die Überschneidungen, aber insbesondere auch die Abgrenzung, von HS und ADHS im Rahmen einer sachlichen Auseinandersetzung einfach zu theoretisch oder uninteressant für die meisten ist.

Dies finde ich insofern schade, da das Thema nicht nur kontrovers diskutiert wird, sondern leider auch eine Menge Vorurteile zu ADHS und auch Berührungsängste damit bestehen. Dies liegt nicht an der Tatsache, dass es bei ADHS vermeintlich erstmal um Kinder geht, und Fragestellungen die damit verbunden sind, wie „Pathologisieren wir normales Verhalten?“, „Lässt sich ADHS überhaupt eindeutig diagnostizieren?“ oder „Muss ein Betroffener oder eine Betroffene nun lebenslang Medikamente nehmen?“. 


Der gelöschte Artikel

Es ist wahrscheinlich keinem aufgefallen, doch habe ich einen einzigen Artikel auch wieder aus dem Programm

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Nur ein einziger entfernter Artikel in 18 Monaten. Spricht vielleicht dafür dass mein Anteil an kontroversen Themen eher gering ist.

genommen. Namentlich einen über Indigo-Kinder.  Dies hat den Hintergrund da ich zum Zeitpunkt des Schreibens versucht habe die ideelle Verbindung der Indigo-Bewegung zu christlicher Spiritualität in den USA hervorzuheben. Dabei bin ich jedoch gescheitert, da mir auf der einen Seite die Geduld fehlte, um mich noch mehr mit einem Thema auseinanderzusetzen, welches zwar in der HSP Community immer wieder Erwähnung findet, mich jedoch selber persönlich wenig interessiert und welches ich auch für nicht so sonderlich wichtig erachte, da ich Spiritualität – wenn überhaupt – auf meiner Seite getrennt von einzelnen religiösen Überzeugungen behandele.

Auch hat die Sekten-Info Essen bereits sehr ausgiebig herausgearbeitet, welche Kritik man an der Bewegung üben könnte, so dass ich das Gefühl habe, ohne ausgiebigere Recherche kaum Neues zum Thema beitragen zu können. Obendrein wäre dies auch eine Auseinandersetzung welche definitiv für Kontroverse sorgen würde, da viele Leser oder Leserinnen hier definitiv ihr spirituelles Erleben angegriffen fühlen würden – ohne dass ich diese Intention per se erstmal hätte, doch hängt dieses subjektive Erleben für viele eben genau mit der Vorstellung zusammen, dass ihre Annahmen über Spiritualität und die Welt richtig sind. Ein weiteres kontroverses Thema, bei welchem ich es aber für richtig erachte, vorerst Abstand zu nehmen.


Die meisten Weiterleitungen

Ich teile selbst einen großen Anteil meiner Artikel auf Facebook, wie viele meiner Leser wahrscheinlich am immer wieder auftauchenden Spam von mir bemerkt haben dürften, doch sind auf Platz 1 der Weiterleitungen für HSPDeutschland.com tatsächlich Suchmaschinen, mit über 8.589 Weiterleitungen für 2016. Doch folgen danach auch Facebook mit 5.403 und Twitter mit 1.839 Verlinkungen.
Ehrlich gesagt hat mich gerade Letzteres sehr verwundert, da ich selbst kein besonders enthusiastischer Nutzer von Twitter bin, und selbst nahezu nie dort etwas verlinke.


Ein wenig Selbstreflexion und ein paar Ausblicke in die Zukunft

Im Interview bei Sylvia Harke habe ich damals erwähnt dass dieser Blog, bzw diese Homepage entstanden ist, da ich viele Fragestellungen rund um die HS bearbeiten möchte. Rückblickend ist dies jedoch nur ein Teil vom Puzzle, da die Webpräsenz in der Tat auch erstmal ein Geschenk war, welches mir jemand gemacht hat. Dass es die Webseite also gibt ist in der Tat ein ziemlicher Zufall, und mit 50.000 Views habe ich, trotz meiner Erfahrungen bei TGN und Youtube, erstmal so nicht gerechnet. Wofür mich an dieser Stelle auch erst einmal herzlich und ausgiebig bedanken möchte.

Es stehen einige, in meinen Augen recht wichtige, Themen an, welche ich noch abarbeiten möchte. Dazu zählen High Sensation Seeking, die potentiellen Nachteile der Empathie und vor allem das Aufbereiten von wissenschaftlichen Studien zum Thema für eine breite Leserschaft. Gerade Letzteres ist ein zähes, aber auch notwendiges Unterfangen. Schon alleine da die Frage „Wie wissenschaftlich ist das alles?“ für Fachleute eine große Rolle spielen kann. Auch habe ich den Anspruch an mich, eine möglichst große Demographie anzusprechen, welche eben auch Fachleute enthält, aber ohne dabei zu trocken in meinem Schreibstil zu sein.

In diesem Sinne möchte ich mich nun ein weiteres Mal bei allen Lesern und Leserinnen bedanken, und freue mich auf weitere Konversationen und Anregungen aus der Community.


Quellen

Blue Glass Globe – LilyStox

Holi Festival 2010 – Falln Stock

Buchrezension: Sylvia Harke – Hochsensibel ist mehr als zartbesaitet

Der Nachfolger von Hochsensibel – Was tun?  ist ebenfalls ein Sachbuch über Hochsensibilität von Sylvia Harke, welches im Kontrast zum Vorgänger strukturiert einzelne Abschnitte des alltäglichen Lebens in Form von 100 Frequently Asked Questions behandelt. Hier geht es um sehr grundlegende Fragen der Sensibilität, Erregung und Wahrnehmung im Allgemeinen, besonders im Miteinander mit Nicht-Hochsensiblen. Das Buch ist in der 1. Auflage im Via Nova Verlag erhältlich.


Gliederung und Inhalt

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Pfauenauge im Azurblau. Der Titel deutet bereits an, dass es hier darum geht, auf Eigenschaften jenseits der leichten emotionalen Erregung zu schauen.

Das Buch weist insgesamt 12 Kapitel auf und ist im Frage – Antwort Format geschrieben, wobei sich jedes Kapitel einem zentralen Thema zuwendet. Dabei ist jeder Abschnitt, eventuell mit Ausnahme des spirituellen 12. Kapitels, erst mal ein Thema das sich mit sehr alltäglichen Problemen oder auch dem Umgang mit nicht Hochsensiblen Menschen in konkreten Umfeldern wie Beziehung und Beruf auseinandersetzt. Es sind zumeist Fragestellungen, mit welchen sich jeder HSP schon einmal konfrontiert gesehen hat, wie:

  • Wie kann ich sicher sein, dass ich wirklich hochsensibel bin?
  •  Sind hochsensible empathischer als der Durchschnitt?
  • Wie kommt es dass die meisten Hochsensiblen introvertiert sind?
  • Wie erkläre ich meinem Arzt / Therapeuten dass ich HSP bin?


Und auch in diesem Buch finden wir wieder Aufgaben für, oder Fragen an den Leser, Checklisten, Grafiken und eingestreute Anekdoten, welche die Struktur auflockern und zum Mitmachen, Recherchieren oder Nachdenken einladen. Immer wieder werden auch kleine Hinweise auf therapeutische Arbeit und die Aufarbeitung von Verletzungen gegeben. Ich gehe soweit, zu sagen, dass gut ein Fünftel des Buches sich mit verschiedenen Übungen aus dem NLP, Therapien, Abgrenzungsarbeit und Co. befasst. Das Werk ist auf der einen Seite noch konkreter und im Alltag verwurzelter, dabei aber auch deutlich spiritueller und weniger  heiter zu lesen als sein Vorgänger.

Bei etwas über 280 Seiten in einem etwas größeren Din A5 – Format passen auch insgesamt genau 100 Fragen zwischen die Buchdeckel, welche auch allesamt recht ausführlich beantwortet werden. Dazu kommt die weiterführende Quellenangabe zu vielen der Fragen, welche auch recht umfangreiche Verweise und weiteres Informationsmaterial bieten. Man bekommt für knapp 20€ auf jeden Fall eine Menge Inhalt geboten.


Kritik

Direkt positiv fiel mir auf dass Sylvia Harke in ihrem Buch die Wichtigkeit der Familie und Eltern für (nicht nur) hochsensible Kinder und ihre Entwicklung aufzeigt, und auch auf die Nachteile fehlender oder schädlicher Rollenbilder hinweist. Ebenso finden sich Fragen, welche sich mit den unterschiedlichen Ausprägungen von Hochsensibilität bei Jungen und Mädchen, Männern und Frauen beschäftigen. Dies sind Gebiete die meines Erachtens nach zu wenig Beachtung erfahren. Auch die Beschäftigung mit High-Sensation-Seekern und unterschiedlichen Bedürfnissen individueller Menschen, wenn es um Stimulation geht, ist in meinen Augen fundamental für das Verständnis von Sensibilität. Die Abschnitte über BurnOut und Stress sind so umfangreich wie es das Format des Buches eben zulässt, und werden vielen Betroffenen eine Hilfestellung sein sich weiter zu informieren. Auch hatte ich beim Lesen den Eindruck dass die Autorin deutlich ernster im Schreibstil geworden ist. Wir finden wiederkehrend das Element der Schattenarbeit von Carl Gustav Jung in vielen Ansätzen und Absätzen, in welcher es um die Vereinigung mit verdrängten Bewusstseinsinhalten geht. Dies spiegelt sich vielleicht auch gerade im letzten Kapitel wieder, in welchem es um Weltschmerz, Spiritualität und dem Bedürfnis nach Erlösung geht.


Fazit

Auch das zweite Werk von Sylvia Harke ist ein sehr umfassendes Buch, welches die therapeutische Arbeit an der eigenen Vergangenheit im Fokus hat. Das FAQ-Design gefällt mir dabei außerordentlich gut, da jede HSP darin garantiert eine Hand voll Fragen findet, welche man sich schon einmal gestellt hat. Das Buch fühlte sich beim Lesen für mich deutlich geerdeter und trotz der immer wieder auftauchenden spirituellen Themen doch auch mehr am Alltag orientiert an.

Sprechen wir über ADHS

Die vier Buchstaben ADHS lösen bei vielen Lesern wahrscheinlich direkt erst einmal spontane Reaktionen der Ablehnung, Assoziationen mit der Pharmalobby sowie das Bedürfnis Kinder vom Spielplatz ins Haus zu holen aus, damit diese nicht versehentlich von vorbei spazierenden Kinderärzten mit Medikamenten versorgt werden. In der Tat gibt es im Netz etliche Artikel die uns doch schon im Titel suggerieren, dass es ADHS nicht gibt, oder dass Ritalin die gefährlichste Droge der Welt ist. Doch wenn wir uns den Artikeln genauer widmen, sehen wir dass die Autoren weder ADHS als Syndrom, noch Ritalin als Medikament wirklich entkräften können und uns mit ihrer Schlagzeile, als sich verselbstständigendes Schlagwort zurücklassen.
Widmen wir uns also selbst im viel zu kleinen Artikelformat nichts Geringerem als einem Syndrom dass so groß und breit ist, dass man ohne Weiteres Wälzer damit füllen kann: ADHS.


Was ist ADHS?

Das Akronym ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizits- Hyperaktivitätssyndrom. Wir haben es also mit einem Konglomerat aus mehreren zusammenwirkenden Symptomen zu tun, welche im Zusammenspiel ein ganz bestimmtes Syndrom bilden. Diese drei Leitsymptome sind: Beeinträchtigte Aufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Sehen wir uns jeden Bereich einmal genauer an.

Beeinträchtigung der Aufmerksamkeit
Aufmerksamkeit ist als Begriff für uns so allgegenwärtig, dass man kaum einmal in den Genuss kommt zu hinterfragen, was Aufmerksamkeit eigentlich ist. Es handelt sich bei Aufmerksamkeit um eine begrenzte Ressource, die dazu verwendet wird bestimmte Reize in unserem Bewusstsein abzubilden. Findet diese Abbildung willentlich und auf ein Ziel gerichtet statt, zum Beispiel auf diesen Text, dann spricht man dabei von Konzentration. Soll diese Aufmerksamkeit mobilisiert genutzt werden um einfach nur geistesgegenwärtig auf das Eintreffen eines bestimmten Ereignisses zu warten – zum Beispiel wenn wir im Wartezimmer eines Arztes darauf warten von der Sprechstundenhilfe namentlich aufgerufen zu werden – dann spricht man von Wachheit oder Vigilanz.
Wenn nun also die Fähigkeit betroffen ist die Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum nur auf bestimmte und erwünschte Reize zu richten, und andere Reize zu verdrängen, dann ist damit dieses Kriterium erfüllt.

Hyperaktivität
Der Menschliche Körper bewegt sich ständig, egal ob unser Herz unablässig pumpt, Muskeln unsere Körpertemperatur über das Aufrichten der Körperbehaarung regulieren oder wir selbst im Schlaf noch unbewusste Anstrengungen unternehmen um unserem Partner die Decke zu klauen. Ein großes Maß unserer inneren Vorgänge tragen wir auch automatisch nach Außen, indem wir zum Beispiel während des Sprechens unsere Worte mit Mimik und Gestik untermalen, oder unsere im obigen Beispiel des Wartezimmers vielleicht vorhandene Unruhe während des Lauerns auf die Stimme der Sprechstundenhilfe durch Kauen auf den Fingernägeln ausleben.
Doch wenn der Körper in ständiger Unruhe ist, selbst wenn die Situation es nicht zulässt, der oder die Betroffene angibt immerzu in Unrast oder getrieben zu sein und der Drang nach Bewegung schon nach kurzer Zeit wieder die Oberhand gewinnt, ohne dass man selbst die Kontrolle darüber hat, dann wird aus Aktivität Hyperaktivität.

Mangelnde Impulskontrolle

Impulsivität bezieht sich im Zusammenhang mit ADHS vor allem darauf, dass die Folgen des Handelns nicht bedacht werden und man dem erstbesten Einfall oder Eindruck Ausdruck verleiht. Das klingt erstmal sehr authentisch und wie natürliches Verhalten, allerdings führt mangelnde Impulskontrolle auch dazu dass gehandelt wird, bevor man überhaupt weiß, was getan werden soll, Gefahren unterschätzt werden und man in Gesprächen seine Gesprächspartner unterbricht, da man ob der eigenen inneren Impulse es nicht ertragen kann zu warten.

Ob die Symptome nun als krankhaft beurteilt werden, hängt nicht alleine vom Ausprägungsgrad ab, sondern davon ob die oder der Betroffene selbst überhaupt noch Kontrolle darüber ausüben kann, wenn er oder sie es will. Die Frage danach, ob die eigene Flexibilität und Funktion im Alltag durch psychische Vorgänge gestört wird, ist ein typisches Kriterium für die Diagnose von Störungen.


 

Bei welchen Personen und wann treten diese Beschwerden auf?

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Dadurch dass ADHS nicht gleich ADHS ist gibt es auch kein für alle Betroffenen gleichermaßen wirksames Allheilmittel.

Zumeist denkt man erstmal an Kinder und Jugendliche, die in der Schule oder im Kindergarten nicht stillsitzen können, und deswegen mit Medikamenten ruhig gestellt werden sollen. Doch treten nicht nur die Symptome in unterschiedlichen Ausprägungsgraden auf, so dass wir besonders hyperaktive und unruhige Betroffene auf der einen Seite, und besonders geistesabwesende, unaufmerksame Fälle auf der anderen haben, sondern es scheint auch geschlechtliche Unterschiede zu geben. So dass Mädchen und Frauen vermehrt den unaufmerksamen Typus entwickeln und Jungen sowie Männer durch Impulsivität auffallen.
Nach Ramettekar et al. werden etwas über doppelt so viele Jungen mit ADHS diagnostiziert wie Mädchen, wobei sich die geschlechtsspezifischen Unterschiede vor allem in der Pubertät ausbilden.

Bei Erwachsenen zeichnet sich ab, dass 60% derjenigen, welche Symptome im Kindesalter zeigen, diese auch als Erwachsene aufweisen.  Das Erwachsenenportal für ADHS verweist darauf, dass bis zu 4,5% der Erwachsenen das ADHS Syndrom aufweisen. Bei Kindern und Jugendlichen werden zwischen 3-7 Prozent angegeben. Diese scheinbar hohen Zahlen werden wir später noch ausführlich diskutieren.

Wichtig ist außerdem, dass die oben genannten Beschwerden sich in mehreren Situationen zeigen, in denen Kontinuität notwendig ist. Sich aber unterschiedlich stark ausgeprägt darstellen, je nachdem ob die Umgebung oder Tätigkeit stimulierend wirkt. Döpfner et al. (2007) schreiben in ihrem Ratgeber ADHS dazu:

Diese Auffälligkeiten sind üblicherweise in verschiedenen Lebensbereichen zu beobachten – also nicht nur in der Familie, sondern auch im Kindergarten oder in der Schule und bei Freizeitaktivitäten mit Gleichaltrigen. Typischerweise treten die Probleme verstärkt in solchen Situationen auf in denen von den Kindern und Jugendlichen eine längere Ausdauer erwartet wird, beispielsweise im Unterricht, bei den Hausaufgaben oder beim Mittagessen. Dagegen kommen diese Auffälligkeiten entweder gar nicht oder nur in verminderter Form vor, wenn sie sich in einer neuen Umgebung befinden oder wenn sie sich einer Lieblingsaktivität widmen.

Döpfner et al.: Ratgeber ADHS


Wie und von wem wird ADHS eigentlich diagnostiziert?

Grundsätzlich sind (Fach-)Ärzte sowie Psychologen dazu in der Lage ADHS anhand der Diagnosemanuale ICD-10 und DSM IV und  Testverfahren zu diagnostizieren. Das ändert aber leider nichts daran, dass nicht jeder Mediziner und Psychologe auch fit darin ist dies zu tun, da nicht jeder eine Routine in Leistungs- und Konzentrationsdiagnostik hat oder Tests auf Teilleistungsschwächen durchführt. Obendrein ist ggf. eine Familienanamnese, Laboruntersuchung oder Entwicklungsstatus angezeigt. Auch ist das Thema sehr umfassend, da die Differentialdiagnostik zu ADHS, wie wir weiter unten sehen werden, sehr breit aufgestellt ist.
Für Betroffene ist es deswegen ratsam sich in die Hände von Spezialisten für dieses Thema zu begeben, auch wenn manchmal lange Wartezeiten damit verbunden sind.

Die Arbeitsgemeinschaft für ADHS der Kinder und Jugenärzte e.V. hat folgende Leitlinien verfasst:

ADHS liegt (nur) vor, wenn

  1. unaufmerksames und impulsives Verhalten mit oder ohne deutliche Hyperaktivität ausgeprägt ist
  2. nicht dem Alter und Entwicklungsstand entspricht und
  3. zu deutlicher Beeinträchtigung in verschiedenen sozialen Bezugssystemen und im Leistungsbereich von Schule und Beruf führt.

Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft ADHS der Kinder-und Jugendärzte e.V.


ADHS als Hinweis auf andere Ursachen

Dies wird jetzt wahrscheinlich der längste Abschnitt des Artikels, denn so wie Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen im Rahmen der Medizin als Allgemeinsymptome gelten, können wir Störungen der Impulskontrolle, Aufmerksamkeit oder Aktivierung als Begleiterscheinungen vieler Störungen und Ursachen finden.

Minderbegabung
Menschen, welche in Intelligenztests Werte erreichen, die geringer Ausfallen als diejenigen des Großteils der Vergleichsgruppe, zeigen auffällig häufig verminderte Ausdauer und Konzentrationsfähigkeit sowie Impulskontrolle. Deswegen ist Leistungsdiagnostik angebracht um die Person nicht nur durch Förderung zu einer besseren Entfaltung der eigenen Möglichkeiten zu verhelfen, sondern auch um eine Überlastung zu verhindern.

Hochbegabung
Langeweile und Desinteresse, Neigungen zu ausgefalleneren Themen und Nonkonformität können bei Hochbegabten dazu führen, dass sie sich lieber mit etwas Anderem als dem von ihnen Gefordertem zuwenden, unruhig oder sogar aggressiv werden. Auch hier ist wieder eine umfangreiche Diagnostik hilfreich um den individuellen Bedürfnissen der Betroffenen entgegenkommen zu können.

Bär Baum

Nicht jeder der gerne mal auf einen Baum klettert wird gleich mit dem Stempel ADHS versehen.

Medikamentöse Behandlung
Nicht nur Psychopharmaka sondern auch handelsübliche Medikamente wie Hustensaft, Mittel gegen Übelkeit und Nasenspray können Aufmerksamkeit und Aktivierung beeinflussen. Dieser Einfluss lässt aber auch entsprechend nach Absetzen der Medikamente wieder nach.

Dissoziales Verhalten
Hier zeigt sich hohe Impulsivität mit Wutausbrüchen und aggressiven sowie Störungen im sozialen Umgang. Niedrige Frustrationstoleranz, auffällig hohe Bereitschaft zu streiten und das Bedürfnis gegen Regeln zu verstoßen.

Ängste
Bestimmte Situationen, wie zum Beispiel Prüfungen, können Unruhe, Anspannung und Konzentrationsprobleme verursachen. Die Symptome sind dann wieder aber nur auf die Situation beschränkt und verschwinden, wenn sie überstanden ist.

Stress, traurige Verstimmung und emotionaler Belastung
Eine traurige Stimmung, Stress und emotionale Belastungen – zum Beispiel aufgrund von familiärer Belastung – kann zu Unruhe, Konzentrationsproblemen, Stress und Anspannung führen. Jedoch verschwinden auch hier die Symptome zumeist mit den Problemen.

Autismus
In etwa 6% der Fälle von ADHS soll die Ursache eine Störung aus dem autistischen Spektrum sein (ADHS-Deutschland). Nach Tony Attwoods Complete Guide to Asperger’s Syndrome wird Hyperaktivität in diesen Fällen jedoch durch hohe Level von Stress, Nervosität und neue Umgebungen hervorgerufen.

Hochsensibilität
Elaine N. Aron gibt in Hochsensible Menschen in der Psychotherapie an dass es nicht einfach ist Übererregung aufgrund von Überstimulation und emotionale Reaktivität zu trennen. Ähnlich wie bei Autisten kann somit eine anstrengende Umgebung zu Überreizung und Verringerung der Aufmerksamkeit und zu Unruhe führen. Siehe Reizüberflutung. Meine persönliche Vermutung ist, dass ein großer Teil der unter ADHS aufgeführten Fälle in der Tat eigentlich nicht erkannte HSP sind. Aber was sollte man auf einer Seite mit dem Namen HSP Deutschland auch Anderes erwarten?

Vitamin D Mangel
Goksugur et al. (2014) haben in einer Studie nachgewiesen dass Kinder und Erwachsene mit ADHS Symptomen einen signifikant niedrigeren Vitamin D – Haushalt im Kontrast zur Kontrollgruppe aufgewiesen haben.
Dieser Ansatz klingt aus meiner Sicht sehr vielversprechend.

Eisenmangel
Emily Deans erläutert in einem Artikel in der Psychology Today, dass bei vielen Kindern mit ADHS ein signifikanter Eisenmangel gefunden wurde. Da Eisen ein Baustein von vielen Botenstoffen im menschlichen Körper darstellt, hat sich auch hier eine Besserung der Symptome durch die Gabe von Nahrungsergänzungsmitteln gezeigt.

Allergien
Laut diesem Beitrag von ADHS-Deutschland wird in der Praxis immer wieder ein Zusammenspiel von Allergieverläufen und ADHS beobachten. Juckreiz, motorische Unruhe und Konzentrationsprobleme können zu Lernschwierigkeiten führen. Im Umkehrschluss bessert aber auch die Behandlung des Syndroms die Stärke der allergischen Reaktionen. Eventuell in diesem Zusammenhang interessant ist auch dass Haut und Nervengewebe aus dem selben Keimblatt, dem Ektoderm, bestehen.

Histaminunverträglichkeit
Die Auswirkungen von Histaminunverträglichkeit sind so umfangreich, dass es nicht verwunderlich ist, dass ADHS-artige Symptome ebenfalls darunter fallen. Wenn man immer wieder mit Verdauungsbeschwerden, Gesichtsrötung oder geschwollenen Schleimhäuten (Nase) zu tun hat ist eine ärztliche Abklärung einen Versuch wert.

Glutenunverträglichkeit
In einer Studie fand Niederhofer heraus dass von 67 Patienten mit ADHS 10 Zöliakie aufwiesen. Nach einer glutenfreien Ernährung zeigte sich eine Besserung ihrer Symptome. Allesio Fasano hat ADHS ebenfalls in seinem Buch Die ganze Wahrheit über Gluten als Effekt von Glutenunverträglichkeit erwähnt.

Schilddrüsenprobleme
Die Schilddrüse ist ein sehr wichtiges Organ, das einen großen Einfluss auf den Hormonhaushalt und Stoffwechselvorgänge ausübt. Eine Überstimulation kann mit Unruhe, Herz-Kreislaufproblemen, Schlaf- und Konzentrationsstörungen sowie Aggressionen einhergehen.

Eine Schilddrüsenüberfunktion könnte beispielsweise mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder Essstörungen wie einer Magersucht verwechselt werden. Bei einer Schilddrüsenunterfunktion ist es möglich, dass zunächst eine Depression oder Intelligenzminderung diagnostiziert wird
http://www.pharmazeutische-zeitung.de/?id=32844

High Sensation Seeking
Jeder Mensch hat ein individuelles Erregungsniveau, welches ihn in einem Spannungsfeld zwischen Langeweile und Überforderung hält. High Sensation Seeker benötigen nun etwas mehr Stimulation um der Ödnis des Alltags zu entkommen. In einer Studie haben Geissler et al. (2014) nun herausgefunden dass ADHS-artige Symptome durch das Gehirn künstlich als Kompensationsmechanismus bei Unterforderung und Langeweile geschaffen werden können.

Nahrungsmittel
Wenn die kleine Clara sich jeden Morgen vor der Schule am Kiosk eine Tüte Weingummi kauft und diese mit einer Dose Energy Drink runterspült, dann findet das weder ihre Bauchspeicheldrüse lustig noch ihre Lehrer. In der Tat werden manche Lebensmittelfarben immer noch kritisch beäugt und unter Umständen als bedenklich deklariert, und dass Koffein und Zucker eine aufputschende Wirkung haben brauchen wir hier nicht weiter auszuführen.


 

Ursachen von ADHS

Man könnte den Titel des reißerischen Artikels von Pravda-tv ADHS gibt es nicht nach unseren bisherigen Überlegungen oben jetzt natürlich etwas umformen und verwandeln zu wenn es so viele andere Einflüsse gibt, welche diese Symptome hervorrufen, kann es dann ADHS als unabhängige Störung überhaupt noch geben?
Die Antwort ist ja, denn genetische Untersuchungen im Rahmen einer Studie von Menschen mit ADHS zeigen eine Veränderung der Chromosomen, welche die Erbinformationen enthalten. Und eine Studie von Del Campo et al. (2013) zeigt dass es strukturelle Unterschiede der grauen Substanz bei Menschen mit ADHS gibt. Die Graue Substanz (auch bekannt als Graue Zellen) ist ein großer Bereich des Gehirns der mit Intelligenz, Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Sprache in Verbindung steht. Durch die Gabe von Ritalin im Rahmen der Untersuchung wurde auch eine Anreicherung von Dopamin, einem Botenstoff der mit erhöhter Aufmerksamkeit in Verbindung steht, in den Gehirnen gemessen.
Fassen wir beide Studien zusammen, haben wir es bei ADHS mit einer vererbbaren Veränderung der grauen Substanz des Gehirns zu tun.


Probleme die häufig zusammen mit ADHS auftreten

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ADHS kann ein hinweis auf Hoch- wie Minderbegabung sein.

Leider kommt ADHS selten alleine, und so müssen sich die Betroffenen nicht nur mit ihren Symptomen alleine auseinandersetzen sondern auch, oder in bestimmten Fällen insbesondere mit Begleiterscheinungen oder Konsequenzen ihrer Problematik.
Die häufigste Begleiterscheinung nach Döpfner et al. ist oppositionelles und aggressives Verhalten. Was leider ein Kreislauf darstellt, da die Betroffenen (insbesondere Kinder) sich nicht an Regeln halten oder geforderte Aufgaben erledigen, und sich dann mit Familienmitgliedern, Mitarbeitern oder Eltern deswegen streiten. Aus der Streitsituation entsteht dann weiterer Stress, welcher die bereits bestehende Symptomatik verschlimmert und wiederum zu Fehlverhalten führt.
Wenn schlechtere Leistungen erbracht werden als wichtige Bezugs- und Vergleichspersonen sie erbringen, dann führt dies oftmals zu Unsicherheit und mangelndem Selbstvertrauen. Was insbesondere deswegen schade ist, da die Betroffenen sich ansonsten in ihren Begabungen nicht von anderen Menschen unterscheiden und lediglich aufgrund dieser Beeinträchtigung eine Menge Potential verloren geht.
Gerade wenn übermäßige Aggression und mangelnde Impulskontrolle vorliegen, erfahren Menschen mit ADHS häufig Ablehnung von anderen Menschen. Sei es weil sie als Kinder beim Spiel stören, ungelenk sind oder zu Aggressionen neigen. Manche versuchen auch als Kompensation ihrer Impulse oder Unsicherheit andere Kinder zu kontrollieren oder zu manipulieren, was ebenso auf Ablehnung trifft.
Im Erwachsenenalter kommt es nach ADHS-Ratgeber.com oftmals zu Suchtverhalten, da die Kontrolle über das richtige Ausmaß schwerfällt. Auch Depressionen als Ergebnis des bisher durchlebten Leidensweges lassen sich finden.


Fazit

Trotz der scheinbar großen Fülle an aufgelistetem Material ist dieser Artikel hier auf keinen Fall vollständig. Ebenso wie bei BurnOut kann es hier nur eine Annäherung geben, da das Thema so groß und komplex ist. Unter dem Strich bleibt nur der Gang zu Spezialisten, auch wenn viele Fälle von dieser Symptomatik, wie oben aufgelistet, durchaus ihren Ursprung in der (Mangel-)Ernährung haben. Von Bipolarer Störung bis Kryptopyrololurie gibt es ebenso noch dutzende von weiteren Problemen und Krankheiten die ein Mensch aufweisen kann und welche ähnliche Symptome hervorrufen.
Ich wage die Aussage, dass bei einem großen Teil der ADHS – Diagnosen es sich nicht um das reine Syndrom handelt, welches wirklich eine organische Ursache hat, sondern dass die meisten Fälle in viele der anderen Kategorien fallen, die ich weiter oben aufgelistet habe.

Hilfreiche Links:

Ich bitte wie immer darauf zu achten dass das Lesen eines Artikels und das Klicken auf einen Link keine Diagnose ersetzt.

Quellen und Literatur

10 Tipps für Hochsensible zum Umgang mit Normalsensiblen

Wir als Hochsensible haben theoretisch eine hervorragende Ausstattung um im alltäglichen Miteinander mit Nicht-Hochsensiblen ausgezeichnet umzugehen. Trotzdem kommt es immer wieder zu Reibereien, unter denen HSP wahrscheinlich mehr zu leiden haben als ihr normal sensibles Pendant. Um etwas Licht ins Dickicht des sozialen Miteinanders zu bringen, widmen wir uns heute 10 Hürden, welche HSP von ihrer Seite aus leichter überbrücken können, als dies für Nicht-HSP der Fall wäre.


1. Bitte informiere Dich darüber was Hochsensibilität ist

Für ein echtes Verständnis der eigenen Situation, und um anderen verständlich zu machen, welche Disposition man selbst (und mindestens ein Elternteil) hat reicht es nicht aus, Posts in Foren oder auf Facebook zu lesen. Mindestens den (zur Zeit) sehr guten Wikipedia-Artikel oder die Website von Hochsensibel.org solltest Du zu Rate ziehen, oder aber Fachliteratur wie die von Elaine N. Aron, der Forscherin, welche unsere Disposition verstärkt publik gemacht hat und auf den Grund geht.
Wenn Du nicht verstehst, was für körperliche Besonderheiten HSP von Nicht-HSP unterscheiden, wird es Dir schwer fallen überhaupt zu erkennen, was Deine charakterlichen Reaktionen auf bestimmte Situationen sind und was von Deiner nervlichen Veranlagung herrührt.
Lies Dich auch in ADHS und das Asperger-Syndrom ein, denn die sind gewissermaßen mit uns verwandt, und viele Ungereimtheiten lösen sich vielleicht für Dich auf, wenn Du Dich auch mit diesen Themen beschäftigst.


2. Hochsensibilität ist kein Lifestyle

Hier geht es nicht darum, dass wir anderen nicht erzählen sollten, dass wir HSP sind. Es ist aber ein Unterschied ob wir bei jedem Treffen fallen lassen, wie ausgeprägt unsere Sinne sind, und dass andere Menschen doch bitte unsere Feinsinnigkeit berücksichtigen sollen, oder ob wir beiläufig erwähnen, dass wir gerade ein Buch über eine nervliche Veranlagung lesen, dass erklärt warum manche Menschen ein größeres Problem mit dem Lärm auf einem Konzert haben

Für HSP kann es schwer sein den, das richtige Maß zwischen dem eigenen Bedürfnis nach Selbstoffenbarung und dem Verständnis unserer Mitmenschen zu finden.

Für HSP kann es schwer sein, das richtige Maß zwischen dem eigenen Bedürfnis nach Selbstoffenbarung und dem Verständnis unserer Mitmenschen zu finden.

als andere.
Versteht mich nicht falsch: Es ist für die Allgemeinheit der HSP von Vorteil dass diese Disposition bekannter in der Gesellschaft wird. Selbst in der Psychologie Heute (Ausgabe September 2015) gab es schon ein Titelthema dazu. Doch wenn Jonas bei jedem Besuch seinem Bäcker erstmal erklärt, dass er die Brötchen nicht so knusprig backen soll, weil das crunchige Geräusch beim Kauen so in den Ohren weh tut, dann nimmt das weder Rücksicht auf den Bäcker, noch auf andere Menschen welche gerne knusprige Brötchen mögen.
Es ist überhaupt nicht notwendig die eigene Hochsensibilität wie einen Lifestyle  nach Außen zu tragen, um das Bedürfnis danach verstanden zu werden erfüllt zu bekommen. Es ist wichtiger dass man selber erstmal seine Bedürfnisse akzeptiert und verwirklicht, bevor man von anderen erwartet, dass sie einen besonders behandeln. Menschen, welche uns länger kennen, verstehen vielleicht auch eher  das Konzept von HSP, besonders wenn sie miterlebt haben, dass sich einige Verhaltensweisen und vielleicht auch das Erleben von anderen Menschen bei uns unterscheidet.


3. Nicht-Hochsensible sind nicht unsensibel

Wenn wir bemerken, dass die Reizschwelle des Nervensystems von HSP sich von Nicht-Hochsensiblen oder Normalsensiblen unterscheidet, und unsere unterschiedliche Wahrnehmung dennoch zu richtigen Schlussfolgerungen und einem lebenswerten Leben führt, dann sollten wir im Umkehrschluss auch Nicht-HSP zugestehen, dass ihre Wahrnehmung ebenso stimmig ist. Menschen sind unterschiedlich sensibel, und auch innerhalb von HSP gibt es nochmal unterschiedliche Ausprägungen der Sensibilität (und es ist kein Wettrennen darum, wer jetzt der Sensibelste und Feinfühligste, oder am meisten Missverstandene von uns ist). Dennoch sind Nicht-HSP im Kontrast zu Hypersensitiven nicht automatisch unsensibel, nur weil sie es mehrere Stunden in der Shisha-Bar aushalten ohne dass ihnen von all den Aromen schwindelig wird.
Auch ist das Konzept von Hochsensibilität nicht für jeden sofort und ohne Weiteres gut verständlich, da jeder ja auch daran gewöhnt ist, wie seine alltägliche Wahrnehmung aussieht. Umso wichtiger dass wir im Sinne der Sozialpsychologie versuchen respektvoll zu sein, indem wir HSP und Nicht-HSP als gleichwertig betrachten.


4. Bedürfnisse umsetzen, anstelle sie zu erklären

Durch verringerte Abgrenzung, gesteigerte Empathie oder Aufmerksamkeit auf die Bedürfnisse von Mitmenschen gepaart mit dem Wunsch Ansprüchen zu genügen kann es dazu kommen, dass HSP ihre eigenen Emotionen, Wünsche und Bedürfnisse in den Hintergrund stellen. Und zwar ohne dass sie es selbst mitbekommen würden. Denn durch das Miterleben der Emotionen von anderen sind ja immer noch Regungen vorhanden, selbst wenn es nicht die eigenen sind.
Doch wenn wir, meistens aus Erschöpfung heraus, unseren Bedürfnissen nach einem solchen Moment verstärkt Aufmerksamkeit widmen, ist es umso wichtiger sie auch selbst umzusetzen.
Man könnte als HSP dazu neigen, davon auszugehen, dass unsere Umwelt ebenso wachsam auf unsere Bedürfnisse reagiert, wie wir es auf die Bedürfnisse unserer Mitmenschen tun. Doch leider stellen wir dann oftmals fest, dass dies eben nicht immer der Fall ist, oder sind sogar verwundert, ob unsere Signale der Erschöpfung nicht offensichtlich genug sind. Deswegen ist es wichtig, dass wir innehalten können ohne uns schuldig dafür zu fühlen, den Bedürfnissen unserer Mitmenschen weniger Aufmerksamkeit zu schenken.
Weltschmerz, Schuldgefühle, Erschöpfung und das Gefühl von Ohnmacht sind aber gute Hinweise darauf, dass wir eventuell innehalten müssen um unsere Bedürfnisse zu überprüfen.


5. Lege Dir einen angenehmen Freundeskreis zu

Die Freundschaft ist neben Liebesbeziehungen und Familie eine der wichtigsten Beziehungen in unserem Leben. Gerade für HSP kann es wichtig sein, unser näheres Umfeld mit Menschen zu versehen, deren Temperament uns weder

Viele HSP haben gerne ihre Ruhe, aber Haustiere sind meistens als Gesellschaft trotzdem in Ordnung

Viele HSP haben gerne ihre Ruhe, aber Haustiere sind oftmals als Gesellschafter nicht wegzudenken.

überstimuliert, noch unterfordert. Ebenso profitieren wir davon, wenn unsere Freunde zumindest verstandesmässig das Konzept der Hochsensibilität erfassen können (und wollen).
Gerade sehr introvertierten Hochsensiblen kann es helfen, wenn ihre Freunde in einem Rahmen extrovertiert sind, der es leichter macht, Kontakt zu halten. Wenn Daniel seit einer Woche zufrieden mit einer Romanreihe in seinem Lieblingssessel versunken ist, und den Jahresurlaub mit Keksen und Literatur verbringt, dann wird er es mit Sicherheit auch mal lieben, wenn eine Freundin oder ein Freund sich per Mail meldet, und er seine Freude an den Büchern mit jemandem teilen kann.
Die Balance aus Stimulation und Freiheit ist doch schon für den Umgang mit uns selbst wichtig – warum sollte man nun bei seinen Freunden nicht auch dafür sorgen, dass die Mischung stimmt?


6. Du kannst es nicht allen recht machen

So halbwegs berücksichtigen wir im Alltag die Tatsache, dass Menschen unterschiedliche Wünsche, Gedanken und Strategien haben um sich gut zu fühlen. Wieso haben wir es dann eigentlich so schwer, uns damit abzufinden, dass man es nicht jedem Recht machen kann?
Auch uns HSP fehlen oftmals Hintergrundwissen oder auch das Verständnis dafür, die Regungen in jedem Mitglied unseres Bekanntenkreises in dem Ausmaß nachvollziehen zu können, dass wir das Wohlbefinden dieser Person steigern könnten. Umso problematischer wird es dann auch, wenn wir es dennoch umso stärker probieren und uns verausgaben, und im schlimmsten Fall dafür noch nicht einmal ein Dankeschön erhalten. Dann kann es sein, dass wir die Art unseres Gegenübers, uns seine Dankbarkeit auszudrücken, nicht verstehen können, oder aber unsere Bezugsperson unsere Art der Aufopferung nicht versteht. In beiden Fällen kann eine klärende Aussprache über die gegenseitigen Wünsche und Wahrnehmung helfen.


7. Frag nach

Ja, wir HSP sind oft sehr gut darin, versteckte Botschaften zu deuten, zu erspüren, wie es jemandem wirklich geht und intuitive Schlüsse zu ziehen, wie es um den Zustand unserer Mitmenschen beschaffen ist. Doch wie sieht es eigentlich aus, wenn jemand nicht subtil und indirekt vorgeht, sondern sehr direkt unhöflich ist oder uns dreist ins Gesicht lügt?
Da HSP häufig sehr gerechtigkeitsliebend sind, sind wir meistens auch erstmal eher überwältigt von der Situation oder den aufwallenden Emotionen, welche von Empörung bis Trauer oder Niedergeschlagenheit reichen können. Doch gerade solche Situationen bieten sich an, eventuelle Missverständnisse aus dem Weg zu räumen indem man einfach nachfragt. Wenn auf dem Geburtstag von Onkel Jost dieser seiner Nichte an den Kopf wirft, dass ihr mitgebrachter Kuchen kaum essbar ist, dann kann muss dass nicht daran liegen, dass er sie nicht mehr lieb hat und vor allen Leuten bloßstellen will, es kann auch einfach sein, dass er keine Rosinen mag.


8. Halt Dich nicht an stereotypem Verhalten fest

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Viele geschlechtliche Stereotype sind unter anderem Dank der LGBT-Bewegung in unserer Gesellschaft bereits aufgeweicht.

Wenn man sich mit seiner Wahrnehmung nicht ganz sicher ist oder Zweifel hat (was fast auf alle HSP mal zutrifft, da sich unsere Wahrnehmung von der Masse oft unterscheidet), dann kann es einem Sicherheit geben, auf scheinbar sozial erwünschtes Verhalten zurückzugreifen. Denn wenn wir nicht darauf vertrauen, dass unsere eigene Wahrnehmung in Bezug auf eine Wahrheit, einen Menschen oder eine Situation richtig ist, so können wir dennoch immer darauf vertrauen, dass wir die Reaktionen unserer Mitmenschen auf diese Situation richtig erkennen können.
Es ist für ungewohnte Situationen zwar normal, sich am Verhalten anderer zu orientieren, doch wenn im Freundeskreis oder auf der Arbeit anstelle des eigenen, spontanen Verhaltens zuerst die Überlegung im Vordergrund steht, ob wir als Mensch in Ordnung sind, weil wir anders wahrnehmen oder empfinden, dann ist der Weg in die Angststörung nicht weit.
Gerade geschlechtliche Stereotype können für männliche Hochsensible ein Problem darstellen. Denn obwohl eine intensives Empfinden oder Schmerzempfindlichkeit gesellschaftlich bei Künstlern oder Hipster-Grafikdesignern als exzentrisches Verhalten und akzeptabel angesehen wird, stößt man als Gefreiter der Panzergrenadiere der Bundeswehr mit Sicherheit auf weniger Verständnis.
Das eigene Leben dann an die erlebten Bedürfnisse anzupassen und sich neu zu orientieren kann dann zwar kurzfristig mit einer noch größeren Unsicherheit einhergehen, doch der langfristige Gewinn sind ein höheres Vertrauen in die eigene Wahrnehmung und ein höheres Maß an Selbstwert.


9. Lerne mit Ablehnung umzugehen

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Dauerhafter innerer Frieden – Es ist kein Wunder dass viele HSP sich sehr zu fernöstlichen Lehren wie Buddhismus oder Taoismus hingezogen fühlen.

Facebook ist überschwemmt mit Memes, welche uns dazu raten uns selbst zu lieben, uns nicht um die Meinung anderer zu kümmern und einfach zu leben. Und gerade unter HSP scheint es ein großes Bedürfnis zu geben, sich etwas von der Last der Anforderungen anderer Menschen und auch ihrer Ablehnung zu erlösen. Erlösung trifft hier sogar insofern den Nagel auf den Kopf, weil wir HSP doch ohnehin schon oftmals versuchen, den Bedürfnissen anderer Menschen zu entsprechen. Und jenseits des Gefühls der Anforderungen von anderen eine Angelegenheit, welche uns am Herzen liegt, zur Sprache zu bringen ist dann ein Spannung abbauender, erlösender Akt.Doch wenn dann, sobald wir uns spontan und authentisch äußern, uns mit Ablehnung begegnet wird, dann trifft einen dies natürlich noch umso härter.
Umso wichtiger ist es, sich mit Menschen zu umgeben, welche Verständnis für die eigenen Bedürfnisse haben oder die Balance zwischen eigenen Bedürfnissen und den Anforderungen unseres Umfelds zu finden.


10. Verständnis reicht aus

Gerade als introvertierter HSP, der wie ein Schwamm alle Emotionen der Menschen um sich herum aufsaugt, doch sich mit Äußerungen über seinen Zustand zurückhält, wäre es mit Sicherheit eine Erlösung, wenn die anderen mittels ihrer Empathie einem entgegenkommen würden. Sprich, von sich aus merken würden, wie es uns gerade geht, und im Vorfeld Rücksicht nehmen könnten. – Es wäre also praktisch, wenn alle Menschen so wahrnehmen würden, wie man selber – was aber natürlich nicht der Fall ist.

Es ist für eine erfolgreiche Beziehung zwischen HSP und Normalsensiblen nicht notwendig dass beide sich dauerhaft ohne Worte verständigen können und zu einer Einheit verschmelzen. Liebe, Verständnis und Wertschätzung sind für jede Beziehung ein Gewinn.

Doch Empathie basiert ja nicht nur darauf, dass andere Menschen emotional in der Lage sind, nachzuempfinden, zu erfühlen, wie es einem gerade geht, sondern kann auch bedeuten, dass man vom Verstand her sich in die Lage seines Gegenübers versetzt. Gerade für Beziehungen zwischen HSP und Nicht-HSP kann es vollkommen ausreichend sein, dass der Normalsensible rein vom Kopf her das Prinzip der Reizüberflutung versteht und sich überlegt, welche Überlegungen er seiner HSP abnehmen könnte. Es ist nicht notwendig, dass der Partner oder unsere anderen Bezugspersonen die selben Emotionen wir wir im selben Augenblick und in genau der selben Stärke empfindet, damit sie unseren Wert oder unsere Hochsensibilität verstehen.


Quellen und Literatur