empathie

Hochsensibilität und Narzissmus

Auch wenn Narzissmus und Hochsensitivität auf dem ersten Blick nicht sonderlich viele Gemeinsamkeiten haben, oder sogar gegensätzlich zu sein scheinen, so übt doch die Beschäftigung mit Narzissmus für viele HSP eine gewisse Faszination aus. Das geht so weit, dass Autorin Deborah Ward in der Psychology Today in einem Artikel behauptet, dass die meisten HSP in ihrem Leben in irgendeiner Weise eine Beziehung zu einem Narzissten gehabt haben. Dabei sind gerade einmal etwa ein Prozent der Bevölkerung Narzissten, wohingegen 17-20 Prozent HSP darstellen. warum also treffen HSP und Narzisst immer wieder aufeinander?  


Einführung und Hinweis

Im folgenden Artikel wird es hauptsächlich um das Zusammenleben zwischen HSP und Menschen mit dem klinischen Bild der narzisstischen Persönlichkeitsstörung gehen, von Psychotherapeutin und Victimologin Marie-France Hirigoyen auch maligner Narzissmus genannt. Ich weise darauf hin dass das Lesen eines Artikels keine professionelle Diagnose ersetzt. Auch wenn das Störungsbild des Narzissmus im Kern gleich bleibt, gibt es dennoch in der individuellen Ausprägung des Verhaltens, sowie in der Schwere der Störung Unterschiede und auch geschlechtsspezifische Besonderheiten. Ebenso ist die Störung abzugrenzen von einfacher Überheblichkeit oder einem grandiosen Selbstwertgefühl, da Ursachen sowie Auswirkungen auf Betroffene und Umwelt eine andere sind. Rein aus Platzgründen wird sich dieser Artikel, solange nicht ausdrücklich anders erwähnt,  mit den größten Gemeinsamkeiten des Stereotypen der malignen Störung befassen.


Was ist eine Narzisstische Persönlichkeitsstörung

Essentiell handelt es sich bei der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung um ein (künstlich) übersteigertes, aber fragiles Selbstwertgefühl. Doch ist es durchaus möglich „narzisstischer“ als der Durchschnitt zu sein, bzw. selbstverliebter oder selbstherrlicher zu sein, ohne dabei eine narzisstische Persönlichkeitsstörung entwickelt zu haben. Und ebenso gibt es auch bei Menschen mit einer NPS noch weitergehende Unterscheidung je nach Stärke der Ausprägung einzelner Verhaltensweisen. Diese Verhaltensweisen sind unter Anderem:

  • Das Gefühl außergewöhnlicher Wichtigkeit der eigenen Person
  • Phantasien von Außergewöhnlichkeit in Bereichen wie Erfolg, Macht, Einfluss, Schönheit, Geliebt werden, Intelligenz
  • Der Glaube dass man außergewöhnlich ist
  • Das Bedürfnis nach sehr viel Bewunderung und Bestätigung
  • Das Gefühl zu besonderer Behandlung berechtigt zu sein
  • Das materielle und emotionale Ausnutzen anderer Menschen
  • Einem Mangel an oder völlige Abwesenheit von Empathie
  • Neid
  • Ausgeprägte Empfindlichkeit gegenüber Kritik
  • Arrogantes Verhalten oder Herabwürdigung der Leistungen anderer
  • Verdeckte Aggression

Eine echte narzisstische Persönlichkeitsstörung ist dadurch gekennzeichnet dass das oben beschriebene Verhalten nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist. Jeder hat „narzisstische“ Momente in welchen er außergewöhnlich Stolz auf sich oder das Ergebnis seiner Bemühungen ist, und in welchen man sich selbst als herausragend zujubelt, oder Phasen in welchen man sich als besonders herausragend und einzigartig wahrnimmt, wenn man sich mit Charaktereigenschaften oder den Ergebnissen anderer Menschen um sich vergleicht. Diese Augenblicke sind Streicheleinheiten für das Selbstwertgefühl und haben auch eine positive Wirkung auf das Gefühl, dass man sein Leben bewältigen und gesetzte Ziele erreichen kann.
Doch ist eine Narzisstische Persönlichkeitsstörung nicht nur ein Ausnahmezustand dieses natürlichen Bedürfnisses nach Individualität, des sich wertvoll Fühlens,  und dem Antrieb Kontrolle, zum Beispiel über das eigene Leben oder die eigenen Gefühle, zu haben, sondern mit einer tiefgreifenden Umgestaltung der Wahrnehmung, insbesondere der Selbstwahrnehmung verbunden.

Oftmals wird der die Aussage, dass etwas „unbewusst“ geschieht, im alltäglichen Sprachgebrauch verwendet, um darzustellen, dass jemand nicht weiß, dass es einen Antrieb außerhalb des Bewusstseins gibt, welcher den Betroffenen eigentlich dazu bringt eine Handlung auszuführen oder eine spezielle Empfindung oder Wahrnehmung zu haben. Bei Menschen mit einer NPS wird dies, wie Marie-France Hirigoyen in Masken der Niedertracht beschreibt, insbesondere dadurch gekennzeichnet, dass eine Abspaltung von in der Kindheit als schwach oder verletzlich wahrgenommenen Persönlichkeitsanteilen geschieht. Dies geht so weit, dass eigene Bedürfnisse welche Außerhalb generischer Platzhalter von Bewunderung und Kontrolle, auch körperliche Bedürfnisse, Makel und Beschwerden nicht mehr wahrgenommen werden, oder in positiver Weise verzerrt interpretiert werden. Die Ursachen für diese Abspaltung können unter Anderem von Vernachlässigung des Kindes über das Erleben von Momenten der Schwäche eines mit diesem identifizierten Menschen bis hin zu übermäßigem Lob und Abschottung von Konflikten und Krisen durch die Eltern reichen.

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Viele Narzissten haben eine Suchtproblematik

Gerade der Einfluss der verringerten oder veränderten Körperwahrnehmung ist nicht zu unterschätzen, da sich hierüber auch exzessives Verhalten erklärt, welches viele Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeiststörung aufweisen. Dieses Verhalten kann den exzessiven Konsum von Alkohol und anderen Drogen darstellen (Schmitz et al. 2001), übermäßiges Verlangen nach Essen, Sex, Sinneseindrücken und genereller Stimulation. Diesen Antrieb kennt man auch von High Sensation Seekern (Menschen sich abwechselnden Phasen des Bedürfnises nach starker Aktivität und Stimulation auf der einen, und Ruhe auf der anderen Seite). Ebenso wie bei diesen steht hier ein Streben nach Gleichgewicht und Stimulation im Vordergrund, doch ist die Ursache eine andere. Wo der High Sensation Seeker Lust, Inspiration und Sinnlichkeit empfindet, während er sein Erregungsniveau auf einem angenehmen Level hält, stellt der Exzess bei Menschen mit NPS  eine Flucht von Langeweile und / oder innerer Leere dar, welche ein Substitut für Aggressionen darstellen.

Aggressionen spielen beim Verständnis für die NPS eine Rolle, da auch diese Emotion nicht offen gezeigt und auch oftmals nicht direkt empfunden wird, sondern sich verdeckt in Kritik, Abwertung und Grenzüberschreitungen äußert, welche bis hin zu Mobbing, finanzieller Ausbeutung und sexuellen Übergriffen reichen können. Bei diesen Aktionen geht es gleichsam darum Macht auszuüben um die abgespaltenen, negativen Emotionen im eigenen Inneren durch das Gefühl von Dominanz zu kontrollieren, sowie um das Ausmaß an Nähe, welches eine andere Person zum Menschen mit der NPS aufgebaut hat, zu kontrollieren. Dieses Ausmaß an Nähe ist bedeutsam, da diese Aggressionen und das Kontrollverhalten im Ausmaß umso stärker werden, umso näher man der betroffenen Person steht. Denn Kontrollverlust durch zärtliche Regungen, Liebe und emotionale Wärme stehen im Kontrast zu den verdrängten, verletzbaren  Persönlichkeitsanteilen, und forcieren ihrerseits bei Grenzüberschritten, welche bei nahen Beziehungen unvermeidbar sind, eine Ausgleichsbewegung um die Kontrolle aufrecht zu erhalten.

So erklärt sich auch das in den Anfängen der Beziehungen gezeigte generöse und wohlwollende Verhalten. Geschenke, Lob und das Gefühl von Bedeutsamkeit sowie der Spaß miteinander sind Ausdruck der eigenen Herrlichkeit des Menschen mit der NPS, in dessen glanzvolles Leben man nun tritt. An welchem man Dank seiner oder ihrer Gnade teilhaben darf.


Das Miteinander von Hochsensitiven und Narzissten

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Narzissten werden nur sehr selten physisch aggressiv, sondern verletzen ihre Opfer verbal, und indem sie die Betroffenen destabilisieren und isolieren.

Wenn wir hier nun lesen, dass die narzisstische Persönlichkeitsstörung durch ein enorm übersteigertes Gefühl von Wichtigkeit,  dem Bedürfnis nach Bestätigung sowie der Unfähigkeit gekennzeichnet ist, die Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen wahrzunehmen, dann bewegt dies viele Leser wahrscheinlich emotional erstmal nicht sonderlich. Das liegt meines Erachtens nach in der HSP-typischen Naivität begründet, nach welcher wir in unserer Vorstellung nur schwer ein Abbild davon erschaffen können, dass es menschliches Leben ohne Mitgefühl oder dem Achten auf die Bedürfnisse anderer Menschen überhaupt gibt, oder dass ein Mensch andere Menschen ohne Gewissensbisse auf materielle und emotionale Art ausnutzen kann, welche das Opfer als ausgebrannte und traumatisierte Hülle zurück lässt.
Ich möchte hier als Erörterung anbieten dass beim Verständnis für Narzissmus das Erleben des eigenen Bedürfnisses nach Anschluss an andere Menschen für HSP zu einer Falle wird. Denn die Furcht vor den Schlussfolgerungen welche sich aus einer derartigen Abwesenheit von Empathie ergeben würden, und das Unverständnis für die Ausmaße welches egoistisches Verhalten annehmen kann, verhindert ein emotionales Nacherleben der narzisstischen Persönlichkeitsstörung. In genau diesem versagt die empathische Kompetenz, auf welche sich ein großer Teil der HSP normalerweise verlassen. Zwar wird der oder die Betroffene, je nach Nähe die man zu ihm oder ihr hat,  als unauthentisch, vielleicht manchmal verletzend oder herablassend wahrgenommen – doch gerade wenn man der Person umso näher steht tendieren HSP aufgrund ihrer Unsicherheit nun erstmal dazu den Fehler bei sich zu suchen. Genau dies ist es auch, was Menschen mit einer NPS beabsichtigen, weil dadurch die Kritik oder Verantwortung für das verletzende Verhalten von ihnen zu ihrem Opfer wandert.
Dies ist umso verletzender für HSP, da diese nun nahe stehende Person zu Beginn ihres Miteinanders sich besonders interessiert und wohlwollend verhalten hat, so dass wir uns umso weiter geöffnet haben, um unsere neue Bekannte oder unseren neuen Bekannten an unserem Innenleben teilhaben zu lassen. Doch während man als HSP nun seinerseits seine echten Gefühle, Arbeit  und Zeit in die Beziehung und das Miteinander steckt geht es dem Menschen mit der NPS nun nicht um die Beziehung selbst, sondern um die Aufmerksamkeit, Bestätigung und Anerkennung, welche er daraus zieht.
Obendrein tendieren Hochsensitive stark dazu sich nicht mit Smalltalk aufzuhalten, sondern reden lieber von Dingen, welche ihnen wichtig sind. Dies ist insofern problematisch, als dass private Details und Geheimnisse von Narzissten leicht als Hebel verwendet werden können, um die HSP emotional zu verletzen oder zu destabilisieren.

Opfer beschreiben immer wieder, dass das Ausmaß der Kontrolle, welche der Mensch mit einer NPS über sie hatte, sich so weit steigerte, dass sich ihr Innenleben und ihre Gedanken den Bedürfnissen des Narzissten angepasst haben. Man wird zu einem Trabanten des Narzissten, so wie die Erde um die Sonne kreist und ist in seinen angstvollen Gedanken darüber gefangen, auf welche Art und Weise man vom Menschen mit der NPS als nächstes manipuliert oder gedemütigt wird. Dies ist eine pervertierte Form der symbiotischen Beziehung, nach welcher viele HSP streben. Mit dem Unterschied dass das Verständnis und die Aufmerksamkeit hier sehr einseitig verlaufen, und man auch gegenüber anderen Menschen dass Fehlverhalten des Narzissten oder der Narzisstin rechtfertigt. Ja, man ist eine Einheit mit dem Narzissten geworden, und gleichzeitig ist man alleine, und in vielen Fällen von Freunden, Bekannten und Kollegen durch den Narzissten isoliert worden. Während das Bedürfnis nach Symbiose und Harmonie der HSP gegen sie verwendet wurde und anstelle gegenseitiger Wärme man ein Nicht-verletzt-werden als Erfolg ansieht.


Können HSP Narzissten sein?

Instinktiv würden wahrscheinlich viele erstmal mit nein antworten. Das ist verständlich, da man Hochsensibilität unter anderem oftmals mit Empathie assoziiert, und wir oben festgehalten haben, dass sich eben sich Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung eben durch einen Mangel oder sogar Abwesenheit von Empathie auszeichnen.
Nichtsdestotrotz können natürlich auch HSP in ihrer Kindheit derartig traumatisiert werden dass sie einen sogenannten kompensatorischen Narzissmus entwickeln. Viele der HSP-typischen Eigenschaften wie die Reizempfindlichkeit und sogar die Unsicherheit bleiben bestehen, werden aber konstant bekämpft und unterdrückt und durch  gegensätzliches Verhalten gegenkompensiert. Man ist immer noch hochsensitiv und auch narzisstisch, aber eben nicht auf die gleiche Weise wie beim oben beschriebenen Bild des malignen Narzissmus.


Fazit

Ich halte es für wichtig zu erwähnen, dass man weder dem Menschen mit der NPS noch der HSP an dieser Stelle Schuld zuweisen sollte. Da wir es hier mit einer Form der Interaktion zu tun haben, welche größtenteils auf dem natürlichen Bedürfnis nach Nähe und der Übererregung und Unsicherheit von Seiten der HSP, und eben einem Menschen mit einer Störung auf der anderen Seite zu tun haben, welche genau dadurch besticht, dieses Bedürfnis und diese Unsicherheit gegen jemanden zu verwenden.
Dennoch ist es wichtig zu verstehen, dass die Schäden, welche Menschen mit einer NPS an gerade ihren nächsten Bezugspersonen anrichten können, die Vorstellungen vieler meiner Leser wahrscheinlich übersteigen, sofern sie nicht selber einmal Opfer davon geworden sind, und dass gerade auch die Wut, welche diese Menschen oftmals empfinden ein Spiegel der Aggressionen sind, welche sie zuvor in pervertierter Form erleben mussten.


Quellen und Literatur

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Buchrezension: Sylvia Harke – Hochsensibel ist mehr als zartbesaitet

Der Nachfolger von Hochsensibel – Was tun?  ist ebenfalls ein Sachbuch über Hochsensibilität von Sylvia Harke, welches im Kontrast zum Vorgänger strukturiert einzelne Abschnitte des alltäglichen Lebens in Form von 100 Frequently Asked Questions behandelt. Hier geht es um sehr grundlegende Fragen der Sensibilität, Erregung und Wahrnehmung im Allgemeinen, besonders im Miteinander mit Nicht-Hochsensiblen. Das Buch ist in der 1. Auflage im Via Nova Verlag erhältlich.


Gliederung und Inhalt

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Pfauenauge im Azurblau. Der Titel deutet bereits an, dass es hier darum geht, auf Eigenschaften jenseits der leichten emotionalen Erregung zu schauen.

Das Buch weist insgesamt 12 Kapitel auf und ist im Frage – Antwort Format geschrieben, wobei sich jedes Kapitel einem zentralen Thema zuwendet. Dabei ist jeder Abschnitt, eventuell mit Ausnahme des spirituellen 12. Kapitels, erst mal ein Thema das sich mit sehr alltäglichen Problemen oder auch dem Umgang mit nicht Hochsensiblen Menschen in konkreten Umfeldern wie Beziehung und Beruf auseinandersetzt. Es sind zumeist Fragestellungen, mit welchen sich jeder HSP schon einmal konfrontiert gesehen hat, wie:

  • Wie kann ich sicher sein, dass ich wirklich hochsensibel bin?
  •  Sind hochsensible empathischer als der Durchschnitt?
  • Wie kommt es dass die meisten Hochsensiblen introvertiert sind?
  • Wie erkläre ich meinem Arzt / Therapeuten dass ich HSP bin?


Und auch in diesem Buch finden wir wieder Aufgaben für, oder Fragen an den Leser, Checklisten, Grafiken und eingestreute Anekdoten, welche die Struktur auflockern und zum Mitmachen, Recherchieren oder Nachdenken einladen. Immer wieder werden auch kleine Hinweise auf therapeutische Arbeit und die Aufarbeitung von Verletzungen gegeben. Ich gehe soweit, zu sagen, dass gut ein Fünftel des Buches sich mit verschiedenen Übungen aus dem NLP, Therapien, Abgrenzungsarbeit und Co. befasst. Das Werk ist auf der einen Seite noch konkreter und im Alltag verwurzelter, dabei aber auch deutlich spiritueller und weniger  heiter zu lesen als sein Vorgänger.

Bei etwas über 280 Seiten in einem etwas größeren Din A5 – Format passen auch insgesamt genau 100 Fragen zwischen die Buchdeckel, welche auch allesamt recht ausführlich beantwortet werden. Dazu kommt die weiterführende Quellenangabe zu vielen der Fragen, welche auch recht umfangreiche Verweise und weiteres Informationsmaterial bieten. Man bekommt für knapp 20€ auf jeden Fall eine Menge Inhalt geboten.


Kritik

Direkt positiv fiel mir auf dass Sylvia Harke in ihrem Buch die Wichtigkeit der Familie und Eltern für (nicht nur) hochsensible Kinder und ihre Entwicklung aufzeigt, und auch auf die Nachteile fehlender oder schädlicher Rollenbilder hinweist. Ebenso finden sich Fragen, welche sich mit den unterschiedlichen Ausprägungen von Hochsensibilität bei Jungen und Mädchen, Männern und Frauen beschäftigen. Dies sind Gebiete die meines Erachtens nach zu wenig Beachtung erfahren. Auch die Beschäftigung mit High-Sensation-Seekern und unterschiedlichen Bedürfnissen individueller Menschen, wenn es um Stimulation geht, ist in meinen Augen fundamental für das Verständnis von Sensibilität. Die Abschnitte über BurnOut und Stress sind so umfangreich wie es das Format des Buches eben zulässt, und werden vielen Betroffenen eine Hilfestellung sein sich weiter zu informieren. Auch hatte ich beim Lesen den Eindruck dass die Autorin deutlich ernster im Schreibstil geworden ist. Wir finden wiederkehrend das Element der Schattenarbeit von Carl Gustav Jung in vielen Ansätzen und Absätzen, in welcher es um die Vereinigung mit verdrängten Bewusstseinsinhalten geht. Dies spiegelt sich vielleicht auch gerade im letzten Kapitel wieder, in welchem es um Weltschmerz, Spiritualität und dem Bedürfnis nach Erlösung geht.


Fazit

Auch das zweite Werk von Sylvia Harke ist ein sehr umfassendes Buch, welches die therapeutische Arbeit an der eigenen Vergangenheit im Fokus hat. Das FAQ-Design gefällt mir dabei außerordentlich gut, da jede HSP darin garantiert eine Hand voll Fragen findet, welche man sich schon einmal gestellt hat. Das Buch fühlte sich beim Lesen für mich deutlich geerdeter und trotz der immer wieder auftauchenden spirituellen Themen doch auch mehr am Alltag orientiert an.

Buchrezension: Hochsensibel von Eliane Reichardt

Hochsensibel von Eliane Reichardt ist ein Sachbuch über das hochsensible Temperament. Es widmet sich Begriffsbestimmungen und wissenschaftlichen Hintergründen sowie den Zusammenhängen zwischen Reizverarbeitung und subjektivem Erleben sowie dem Umgang mit Alltag und Mitmenschen. Es ist im ersten Quartal 2016 in Erstausgabe im Irisana-Verlag erschienen.


Gliederung und Inhalt

Das Buch ist in zwei große Abschnitte sowie Appendix und Einleitung samt Selbsttest gegliedert, wobei jeder dieser Abschnitte wiederum in einzelne Kapitel unterteilt ist. Der erste Teil widmet sich der Geschichte der Hochsensibilität in Forschung und Kultur sowie der Frage wie wir Hochsensibilität überhaupt bestimmen und was die Besonderheiten im Erleben und Verhalten eigentlich sind.

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Das Coverdesign ist auf der einen Seite unaufdringlich, lenkt auf der anderen Seite dafür aber auch nicht vom Titel ab

In der Tat widmet sich Eliane Reichardt in diesem Abschnitt jeder einzelnen Modalität, also jedem körperlichen Sinnesorgan sowie den Besonderheiten im Rahmen der HS und verschiedenen Formen der Synästhesie welche damit auftreten können, da die Verarbeitung von Reiz-Informationen bei Hochsensiblen durch ihre Physiologie verändert ist. Ebenso geht sie darauf ein, welche Unterschiede es im Denken zwischen HSP und Nicht-HSP gibt, und verweist auf die Zusammenhänge zwischen Hochbegabung, lateralem Denken, Sensation Seeking und Hochsensibilität.
Ein größeres, und in meinen Augen spannendes, Kapitel widmet sich der Wahrnehmung von Sensibilität und den möglichen Problemen Hochsensibler im Verlauf der letzten 50 Jahre. Wir finden hier von den Anfängen der Konsumgesellschaft bis hin zum Informationszeitalter alle möglichen Einflüsse und den Wandel der Wahrnehmung sehr schön beschrieben. In der Tat war dies der Part vom Buch der mir am besten gefallen hat, und wenn man mit einem Augenzwinkern an dieses Kapitel herangeht kann man sich sogar als Kind jener Epoche wiederfinden und sehen, welche Zeitspanne das eigene Denken am nachhaltigsten beeinflusst hat.

Der zweite Abschnitt widmet sich der Frage wie Hochsensible den Alltag meistern können und spricht vom Einkaufsstress bis hin zum Umgang mit Nicht-HSP und Therapie nahezu alle Themen an, welche für HSP eine Relevanz haben könnten. Auch finden wir hier Verweise auf die Wichtigkeit von Gesundheit sowie Ernährung und den Umgang mit Stress. Ich hatte lediglich den Eindruck dass man mehr auf romatische Beziehungen hätte eingehen können, doch das hätte den Rahmen der etwa 250 Seiten wahrscheinlich sehr gesprengt.


Kritik

Was mir ungemein ins Auge gestochen ist, ist die erfrischende Nüchternheit des Buches. Hochsensibel von Eliane Reichardt ist das wahrschenlich unverblümteste und sachlichste Buch zum Thema welches wir zur Zeit auf dem Markt haben. Und das ist gut so, denn genau diese Sachlichkeit benötigt es wenn man ein Thema in der Breite zugänglich machen will. Sie behandelt Hochsensible in ihrem Buch nicht wie exotische Orchideen mit welchen man bei der Bundesgartenschau einen Preis zu gewinnen hofft, sondern als gleichwertige Menschen die aufgrund einer evolutionsbedingen Reizverarbeitung lediglich ein anderes Temperament aufweisen, Menschen die etwas speziellere Bedingungen benötigen um zu erblühen und dafür aber auch einen gewichtigen Beitrag zu einem angenehmen Klima leisten können.
Der Abschnitt über die High-Sensation-Seeker war für mich nochmals sehr aufschlussreich, da dieses Thema bei Hochsensibilität oftmals außen vor bleibt (zurecht, da dieser Anteil der Bevölkerung sehr gering ist). Einzig und alleine über Hochsensibilität in der Liebe hätte ich mir noch ein wenig mehr Inhalt gewünscht, aber darüber haben auf der anderen Seite bereits mehrere Autoren sich im Überfluss geäußert.


Fazit

Dieses Buch hat das Potential das neue Standardwerk für Hochsensiblität im deutschsprachigen Raum zu werden. Es ist ein sehr gut recherchiertes Sachbuch das man bedenkenlos auch zum Erklären davon was HS eigentlich ist an seine Liebsten verschenken oder weiterempfehlen kann. Es ist sachlich ohne zu fachlich zu werden und nüchtern ohne sich selbst zu paraphrasieren oder langweilig zu werden.

 

Hochsensible Menschen und die Ego-Falle

Das Ego ist in der letzten Zeit ganz schön beschäftigt gewesen: Es wertet Mitmenschen welche ihm nicht dienlich sind, schamlos herab, beutet die Umwelt in der es lebt aus als wäre heute der letzte Tag auf Erden und und zerstört den Planeten gleich noch obendrein. Diese immaterielle Entität hat so viel Macht und Einfluss auf den Menschen, dass mit dem Buddhismus und Taoismus gleich zwei östliche Religionen das Ego als einen zentralen Punkt in ihrer Lehre haben. Und viele moderne spirituelle Lehrer wie Eckhart Tolle und Osho haben diesen drei Buchstaben und wie man sich von ihnen befreit ganze Bücher gewidmet. Es ist nicht schwer, Parallelen zu finden zwischen den Dämonen des Mittelalters, welche hinter jeder Hausecke lauern um den Menschen zur Sünde oder unkeuschen Gedanken zu verleiten, und dem ebenso aus dem Dunkel des Unterbewusstseins stammenden Ego, welches zwar nicht unbedingt den christlichen Gott stürzen will, aber sich anscheinend auch nicht mit einem zweiten Platz zufrieden geben würde. 


Das Ego, was ist das Überhaupt?

Definieren wir auch heute überhaupt erst einmal wovon genau wir eigentlich sprechen wollen. Insbesondere ein diffuser Begriff wie „Ego“ braucht das aber auch. Bei Wikipedia finden wir alleine zum jetzigen Zeitpunkt drei Artikel über das Ego als Bestandteil des Menschen. Einer befasst sich mit dem Ego als umgangssprachlichen Begriff für Selbstwertgefühl, ein weiterer, psychologischer Artikel mit dem „Selbst“ als Summe des Wissens, welches ein Menschen über sich hat und dem „Ich“ als Beobachter dieses Wissens, und der dritte Artikel ist ebenfalls psychologischer Natur – hier macht endlich Sigmund Freud seine Aufwartung, welcher bei einem so großen Begriff wie dem Ego natürlich nicht fehlen darf.

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Wann hört Selbstliebe auf, gesund zu sein? Eine wichtige Frage für viele HSP.

Spannenderweise bleiben wir heute beim umgangssprachlichen Ego und brauchen gar nicht so tief in psychologische Theorien oder Definitionen abtauchen. Denn wenn wir unserem Nachbar unterstellen, dass er sein Ego aufplustert, weil er mit seiner Gehaltserhöhung oder dem Neuen Auto angibt, dann meinen wir  sein Selbstwertgefühl. Und zwar unterstellen wir ihm, dass er eigentlich einen Mangel an Selbstwertgefühl hat und sich über einen materiellen Ausgleich eine Kompensation dafür verschafft.

Das Ego ist für unser Verständnis an dieser Stelle sehr gut als künstlich gesteigertes Selbstwertgefühl definiert. Wie man sich vorstellen kann, lebt dieses künstliche Selbstwertgefühl ganz gut davon, sich bei für sich wichtigen Themen mit schlechteren Vergleichspartnern zu messen, die eigenen Stärken hervorzuheben und prestigeträchtige, von der Gesellschaft anerkannte Symbole der eigenen Wertigkeit zu präsentieren.


Hochsensiblität und die Angst vor Egoismus

Das alles klingt natürlich erst einmal überhaupt gar nicht nach hochsensiblen Menschen, welche eher mit Altruismus, Empathie und vor allem Introvertiertheit assoziiert sind. Wie könnte man gleichzeitig vor Bekannten in der Bahn mit dem Erfolg beim letzten Minigolfen angeben, wenn man sich stattdessen beim Spazierengehen in goldener Herbstsonne am bunten Laub auf dem Weg und dem Wind im Geäst gütlich tun kann?
Und genau weil es für die meisten HSP so unvorstellbar wäre, ihr Selbstwertgefühl künstlich aufzublähen schauen wir uns doch einmal an, wie es mit dem Selbstwert bei HSP so bestellt ist. In der Tat gibt Elaine Aron in ihren Werken recht eindeutig wieder dass die meisten Hypersensitiven aufgrund ihrer so unterschiedlichen Wahrnehmung im Kontrast zu den restlichen 80-90 Prozent nämlich erst einmal eher einen Mangel an Selbstwertgefühl haben. Auch das Bedürfnis nach Perfektionismus, welches den meisten Betroffenen zu eigen ist, passt sehr gut zur Angst davor, auf Ablehnung zu stoßen.
Und eben genau da ist der Unterschied, denn Anstelle andere Menschen zu übertrumpfen, indem man zum Beispiel moralischer ist, mehr Statussymbole anhäuft oder eine besondere Auszeichnung erhält versucht man es den anderen Menschen oder dem eigenen Ideal eher Recht zu machen. Die Identifikation mit einem Mitmenschen, welcher eventuell durch uns verletzt werden könnte, unsere Empathie, schützt vielleicht davor in der Tretmühle aus gegenseitigem Wettrüsten gefangen zu sein. Doch natürlich gibt es in dieser Hingabe an die Bedürfnisse des Nächsten auch wieder einen potentiellen Geschädigten.

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Die Angst davor abzustumpfen ist nicht unbegründet. Denn das Miterleben der Emotionen von anderen kann die Energiereserven leeren. Doch auch die alleinige Identifikation mit den eigenen Bedürfnissen scheint diese Gefahr innezuwohnen.

Und so kann es sein, dass man sich als HSP plötzlich in einer anderen Ego-Falle befindet, nämlich der Angst davor dass eine Steigerung des eigenen Selbstwertgefühls mit einem Verlust der Empathie einhergeht. Nicht aus dem Gefühl heraus es nicht verdient zu haben, sich wertvoll zu fühlen, sondern aus der Angst vor dem Schaden, welcher dadurch entstehen könnte, wenn man sich anstelle auf die Bedürfnisse anderer auf das eigene Wohlergehen stützt. Gerade das Gefühl der Ohnmacht in Momenten des Weltschmerzes ist ein Sinnbild für das Leid welches HSP häufig zu verringern wünschen, und gerade deswegen auch die Falschheit hinter einem übersteigerten Ego mit Entsetzen ob der Abwesenheit von jeglicher Empathie betrachten,
Die Vermischung vom Erlangen eines Gefühls des eigenen Wertes mit der Blindheit für das Leiden anderer Menschen kann eine echte Hürde gerade für besonders altruistische HSP sein, welche vor lauter Weltschmerz, und der Angst, die eigenen Ideale zu vernachlässigen, ihr Leiden vielleicht auch eher auf die körperliche Ebene verschieben und stark erschöpfen oder regelrecht krank werden.


Die Hochsensibilität bleibt bestehen

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Weltschmerz kann sehr überwältigend sein. Deswegen ist es umso wichtiger ihn ernst zu nehmen und zu ergründen.

Ich halte es durchaus für möglich dass das von mir in diesem Artikel geschilderte Dilemma eine ziemliche Eigenart speziell im hochsensiblen Erleben ist. Doch nichtsdestotrotz ist die Spannung zwischen der Angst davor sich selbst zu verlieren und dem Bedürfnis in etwas Größerem, wie dem Leben anderer Menschen aufzugehen ein Thema, welches schon bei Kain und Abel angesprochen wird und auch in populären Ratgebern wie „Grundformen der Angst“ von Fritz Riemann oder dem eingangs genannten Eckhart Tolle – Besteller „Jetzt!“ zentral ist.
Der drohende Verlust der eigenen Empfindsamkeit und des eigenen Erlebens, ja der eigenen Persönlichkeit lässt sich vielleicht damit auch schon entkräften, dass auf körperlicher Ebene die Hochsensibilität sich nicht verlieren lässt, da diese Disposition zu aller erst physiologisch ist. Die eigene Fähigkeit zur Empathie wird ebenfalls in ihrer Wahrnehmung genauer, wenn man sich daran gewöhnt, seine Aufmerksamkeit gleichsam im eigenen Körper zu behalten und auf sein Gegenüber zu lenken.
Vielleicht ist so der Weltschmerz und die damit einhergehende Fassungslosigkeit und Sprachlosigkeit eine Möglichkeit zur Beruhigung des Verstandes, indem er uns zwingt innezuhalten und unsere Ideale, den Perfektionismus und die Werte, welche uns motivieren zu überdenken. Das Ego in einem Freud’schen Sinne hat auch genau diese Funktion: Es ist der Vermittler zwischen unseren Bedürfnissen und den Idealen,welche wir mit und tragen, und hat garantiert nichts Dämonisches an sich.


Quellen und Literatur

10 Tipps für Hochsensible zum Umgang mit Normalsensiblen

Wir als Hochsensible haben theoretisch eine hervorragende Ausstattung um im alltäglichen Miteinander mit Nicht-Hochsensiblen ausgezeichnet umzugehen. Trotzdem kommt es immer wieder zu Reibereien, unter denen HSP wahrscheinlich mehr zu leiden haben als ihr normal sensibles Pendant. Um etwas Licht ins Dickicht des sozialen Miteinanders zu bringen, widmen wir uns heute 10 Hürden, welche HSP von ihrer Seite aus leichter überbrücken können, als dies für Nicht-HSP der Fall wäre.


1. Bitte informiere Dich darüber was Hochsensibilität ist

Für ein echtes Verständnis der eigenen Situation, und um anderen verständlich zu machen, welche Disposition man selbst (und mindestens ein Elternteil) hat reicht es nicht aus, Posts in Foren oder auf Facebook zu lesen. Mindestens den (zur Zeit) sehr guten Wikipedia-Artikel oder die Website von Hochsensibel.org solltest Du zu Rate ziehen, oder aber Fachliteratur wie die von Elaine N. Aron, der Forscherin, welche unsere Disposition verstärkt publik gemacht hat und auf den Grund geht.
Wenn Du nicht verstehst, was für körperliche Besonderheiten HSP von Nicht-HSP unterscheiden, wird es Dir schwer fallen überhaupt zu erkennen, was Deine charakterlichen Reaktionen auf bestimmte Situationen sind und was von Deiner nervlichen Veranlagung herrührt.
Lies Dich auch in ADHS und das Asperger-Syndrom ein, denn die sind gewissermaßen mit uns verwandt, und viele Ungereimtheiten lösen sich vielleicht für Dich auf, wenn Du Dich auch mit diesen Themen beschäftigst.


2. Hochsensibilität ist kein Lifestyle

Hier geht es nicht darum, dass wir anderen nicht erzählen sollten, dass wir HSP sind. Es ist aber ein Unterschied ob wir bei jedem Treffen fallen lassen, wie ausgeprägt unsere Sinne sind, und dass andere Menschen doch bitte unsere Feinsinnigkeit berücksichtigen sollen, oder ob wir beiläufig erwähnen, dass wir gerade ein Buch über eine nervliche Veranlagung lesen, dass erklärt warum manche Menschen ein größeres Problem mit dem Lärm auf einem Konzert haben

Für HSP kann es schwer sein den, das richtige Maß zwischen dem eigenen Bedürfnis nach Selbstoffenbarung und dem Verständnis unserer Mitmenschen zu finden.

Für HSP kann es schwer sein, das richtige Maß zwischen dem eigenen Bedürfnis nach Selbstoffenbarung und dem Verständnis unserer Mitmenschen zu finden.

als andere.
Versteht mich nicht falsch: Es ist für die Allgemeinheit der HSP von Vorteil dass diese Disposition bekannter in der Gesellschaft wird. Selbst in der Psychologie Heute (Ausgabe September 2015) gab es schon ein Titelthema dazu. Doch wenn Jonas bei jedem Besuch seinem Bäcker erstmal erklärt, dass er die Brötchen nicht so knusprig backen soll, weil das crunchige Geräusch beim Kauen so in den Ohren weh tut, dann nimmt das weder Rücksicht auf den Bäcker, noch auf andere Menschen welche gerne knusprige Brötchen mögen.
Es ist überhaupt nicht notwendig die eigene Hochsensibilität wie einen Lifestyle  nach Außen zu tragen, um das Bedürfnis danach verstanden zu werden erfüllt zu bekommen. Es ist wichtiger dass man selber erstmal seine Bedürfnisse akzeptiert und verwirklicht, bevor man von anderen erwartet, dass sie einen besonders behandeln. Menschen, welche uns länger kennen, verstehen vielleicht auch eher  das Konzept von HSP, besonders wenn sie miterlebt haben, dass sich einige Verhaltensweisen und vielleicht auch das Erleben von anderen Menschen bei uns unterscheidet.


3. Nicht-Hochsensible sind nicht unsensibel

Wenn wir bemerken, dass die Reizschwelle des Nervensystems von HSP sich von Nicht-Hochsensiblen oder Normalsensiblen unterscheidet, und unsere unterschiedliche Wahrnehmung dennoch zu richtigen Schlussfolgerungen und einem lebenswerten Leben führt, dann sollten wir im Umkehrschluss auch Nicht-HSP zugestehen, dass ihre Wahrnehmung ebenso stimmig ist. Menschen sind unterschiedlich sensibel, und auch innerhalb von HSP gibt es nochmal unterschiedliche Ausprägungen der Sensibilität (und es ist kein Wettrennen darum, wer jetzt der Sensibelste und Feinfühligste, oder am meisten Missverstandene von uns ist). Dennoch sind Nicht-HSP im Kontrast zu Hypersensitiven nicht automatisch unsensibel, nur weil sie es mehrere Stunden in der Shisha-Bar aushalten ohne dass ihnen von all den Aromen schwindelig wird.
Auch ist das Konzept von Hochsensibilität nicht für jeden sofort und ohne Weiteres gut verständlich, da jeder ja auch daran gewöhnt ist, wie seine alltägliche Wahrnehmung aussieht. Umso wichtiger dass wir im Sinne der Sozialpsychologie versuchen respektvoll zu sein, indem wir HSP und Nicht-HSP als gleichwertig betrachten.


4. Bedürfnisse umsetzen, anstelle sie zu erklären

Durch verringerte Abgrenzung, gesteigerte Empathie oder Aufmerksamkeit auf die Bedürfnisse von Mitmenschen gepaart mit dem Wunsch Ansprüchen zu genügen kann es dazu kommen, dass HSP ihre eigenen Emotionen, Wünsche und Bedürfnisse in den Hintergrund stellen. Und zwar ohne dass sie es selbst mitbekommen würden. Denn durch das Miterleben der Emotionen von anderen sind ja immer noch Regungen vorhanden, selbst wenn es nicht die eigenen sind.
Doch wenn wir, meistens aus Erschöpfung heraus, unseren Bedürfnissen nach einem solchen Moment verstärkt Aufmerksamkeit widmen, ist es umso wichtiger sie auch selbst umzusetzen.
Man könnte als HSP dazu neigen, davon auszugehen, dass unsere Umwelt ebenso wachsam auf unsere Bedürfnisse reagiert, wie wir es auf die Bedürfnisse unserer Mitmenschen tun. Doch leider stellen wir dann oftmals fest, dass dies eben nicht immer der Fall ist, oder sind sogar verwundert, ob unsere Signale der Erschöpfung nicht offensichtlich genug sind. Deswegen ist es wichtig, dass wir innehalten können ohne uns schuldig dafür zu fühlen, den Bedürfnissen unserer Mitmenschen weniger Aufmerksamkeit zu schenken.
Weltschmerz, Schuldgefühle, Erschöpfung und das Gefühl von Ohnmacht sind aber gute Hinweise darauf, dass wir eventuell innehalten müssen um unsere Bedürfnisse zu überprüfen.


5. Lege Dir einen angenehmen Freundeskreis zu

Die Freundschaft ist neben Liebesbeziehungen und Familie eine der wichtigsten Beziehungen in unserem Leben. Gerade für HSP kann es wichtig sein, unser näheres Umfeld mit Menschen zu versehen, deren Temperament uns weder

Viele HSP haben gerne ihre Ruhe, aber Haustiere sind meistens als Gesellschaft trotzdem in Ordnung

Viele HSP haben gerne ihre Ruhe, aber Haustiere sind oftmals als Gesellschafter nicht wegzudenken.

überstimuliert, noch unterfordert. Ebenso profitieren wir davon, wenn unsere Freunde zumindest verstandesmässig das Konzept der Hochsensibilität erfassen können (und wollen).
Gerade sehr introvertierten Hochsensiblen kann es helfen, wenn ihre Freunde in einem Rahmen extrovertiert sind, der es leichter macht, Kontakt zu halten. Wenn Daniel seit einer Woche zufrieden mit einer Romanreihe in seinem Lieblingssessel versunken ist, und den Jahresurlaub mit Keksen und Literatur verbringt, dann wird er es mit Sicherheit auch mal lieben, wenn eine Freundin oder ein Freund sich per Mail meldet, und er seine Freude an den Büchern mit jemandem teilen kann.
Die Balance aus Stimulation und Freiheit ist doch schon für den Umgang mit uns selbst wichtig – warum sollte man nun bei seinen Freunden nicht auch dafür sorgen, dass die Mischung stimmt?


6. Du kannst es nicht allen recht machen

So halbwegs berücksichtigen wir im Alltag die Tatsache, dass Menschen unterschiedliche Wünsche, Gedanken und Strategien haben um sich gut zu fühlen. Wieso haben wir es dann eigentlich so schwer, uns damit abzufinden, dass man es nicht jedem Recht machen kann?
Auch uns HSP fehlen oftmals Hintergrundwissen oder auch das Verständnis dafür, die Regungen in jedem Mitglied unseres Bekanntenkreises in dem Ausmaß nachvollziehen zu können, dass wir das Wohlbefinden dieser Person steigern könnten. Umso problematischer wird es dann auch, wenn wir es dennoch umso stärker probieren und uns verausgaben, und im schlimmsten Fall dafür noch nicht einmal ein Dankeschön erhalten. Dann kann es sein, dass wir die Art unseres Gegenübers, uns seine Dankbarkeit auszudrücken, nicht verstehen können, oder aber unsere Bezugsperson unsere Art der Aufopferung nicht versteht. In beiden Fällen kann eine klärende Aussprache über die gegenseitigen Wünsche und Wahrnehmung helfen.


7. Frag nach

Ja, wir HSP sind oft sehr gut darin, versteckte Botschaften zu deuten, zu erspüren, wie es jemandem wirklich geht und intuitive Schlüsse zu ziehen, wie es um den Zustand unserer Mitmenschen beschaffen ist. Doch wie sieht es eigentlich aus, wenn jemand nicht subtil und indirekt vorgeht, sondern sehr direkt unhöflich ist oder uns dreist ins Gesicht lügt?
Da HSP häufig sehr gerechtigkeitsliebend sind, sind wir meistens auch erstmal eher überwältigt von der Situation oder den aufwallenden Emotionen, welche von Empörung bis Trauer oder Niedergeschlagenheit reichen können. Doch gerade solche Situationen bieten sich an, eventuelle Missverständnisse aus dem Weg zu räumen indem man einfach nachfragt. Wenn auf dem Geburtstag von Onkel Jost dieser seiner Nichte an den Kopf wirft, dass ihr mitgebrachter Kuchen kaum essbar ist, dann kann muss dass nicht daran liegen, dass er sie nicht mehr lieb hat und vor allen Leuten bloßstellen will, es kann auch einfach sein, dass er keine Rosinen mag.


8. Halt Dich nicht an stereotypem Verhalten fest

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Viele geschlechtliche Stereotype sind unter anderem Dank der LGBT-Bewegung in unserer Gesellschaft bereits aufgeweicht.

Wenn man sich mit seiner Wahrnehmung nicht ganz sicher ist oder Zweifel hat (was fast auf alle HSP mal zutrifft, da sich unsere Wahrnehmung von der Masse oft unterscheidet), dann kann es einem Sicherheit geben, auf scheinbar sozial erwünschtes Verhalten zurückzugreifen. Denn wenn wir nicht darauf vertrauen, dass unsere eigene Wahrnehmung in Bezug auf eine Wahrheit, einen Menschen oder eine Situation richtig ist, so können wir dennoch immer darauf vertrauen, dass wir die Reaktionen unserer Mitmenschen auf diese Situation richtig erkennen können.
Es ist für ungewohnte Situationen zwar normal, sich am Verhalten anderer zu orientieren, doch wenn im Freundeskreis oder auf der Arbeit anstelle des eigenen, spontanen Verhaltens zuerst die Überlegung im Vordergrund steht, ob wir als Mensch in Ordnung sind, weil wir anders wahrnehmen oder empfinden, dann ist der Weg in die Angststörung nicht weit.
Gerade geschlechtliche Stereotype können für männliche Hochsensible ein Problem darstellen. Denn obwohl eine intensives Empfinden oder Schmerzempfindlichkeit gesellschaftlich bei Künstlern oder Hipster-Grafikdesignern als exzentrisches Verhalten und akzeptabel angesehen wird, stößt man als Gefreiter der Panzergrenadiere der Bundeswehr mit Sicherheit auf weniger Verständnis.
Das eigene Leben dann an die erlebten Bedürfnisse anzupassen und sich neu zu orientieren kann dann zwar kurzfristig mit einer noch größeren Unsicherheit einhergehen, doch der langfristige Gewinn sind ein höheres Vertrauen in die eigene Wahrnehmung und ein höheres Maß an Selbstwert.


9. Lerne mit Ablehnung umzugehen

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Dauerhafter innerer Frieden – Es ist kein Wunder dass viele HSP sich sehr zu fernöstlichen Lehren wie Buddhismus oder Taoismus hingezogen fühlen.

Facebook ist überschwemmt mit Memes, welche uns dazu raten uns selbst zu lieben, uns nicht um die Meinung anderer zu kümmern und einfach zu leben. Und gerade unter HSP scheint es ein großes Bedürfnis zu geben, sich etwas von der Last der Anforderungen anderer Menschen und auch ihrer Ablehnung zu erlösen. Erlösung trifft hier sogar insofern den Nagel auf den Kopf, weil wir HSP doch ohnehin schon oftmals versuchen, den Bedürfnissen anderer Menschen zu entsprechen. Und jenseits des Gefühls der Anforderungen von anderen eine Angelegenheit, welche uns am Herzen liegt, zur Sprache zu bringen ist dann ein Spannung abbauender, erlösender Akt.Doch wenn dann, sobald wir uns spontan und authentisch äußern, uns mit Ablehnung begegnet wird, dann trifft einen dies natürlich noch umso härter.
Umso wichtiger ist es, sich mit Menschen zu umgeben, welche Verständnis für die eigenen Bedürfnisse haben oder die Balance zwischen eigenen Bedürfnissen und den Anforderungen unseres Umfelds zu finden.


10. Verständnis reicht aus

Gerade als introvertierter HSP, der wie ein Schwamm alle Emotionen der Menschen um sich herum aufsaugt, doch sich mit Äußerungen über seinen Zustand zurückhält, wäre es mit Sicherheit eine Erlösung, wenn die anderen mittels ihrer Empathie einem entgegenkommen würden. Sprich, von sich aus merken würden, wie es uns gerade geht, und im Vorfeld Rücksicht nehmen könnten. – Es wäre also praktisch, wenn alle Menschen so wahrnehmen würden, wie man selber – was aber natürlich nicht der Fall ist.

Es ist für eine erfolgreiche Beziehung zwischen HSP und Normalsensiblen nicht notwendig dass beide sich dauerhaft ohne Worte verständigen können und zu einer Einheit verschmelzen. Liebe, Verständnis und Wertschätzung sind für jede Beziehung ein Gewinn.

Doch Empathie basiert ja nicht nur darauf, dass andere Menschen emotional in der Lage sind, nachzuempfinden, zu erfühlen, wie es einem gerade geht, sondern kann auch bedeuten, dass man vom Verstand her sich in die Lage seines Gegenübers versetzt. Gerade für Beziehungen zwischen HSP und Nicht-HSP kann es vollkommen ausreichend sein, dass der Normalsensible rein vom Kopf her das Prinzip der Reizüberflutung versteht und sich überlegt, welche Überlegungen er seiner HSP abnehmen könnte. Es ist nicht notwendig, dass der Partner oder unsere anderen Bezugspersonen die selben Emotionen wir wir im selben Augenblick und in genau der selben Stärke empfindet, damit sie unseren Wert oder unsere Hochsensibilität verstehen.


Quellen und Literatur

Was ist eigentlich Empathie?

Wahrscheinlich wird kaum eine Fähigkeit so sehr mit Hochsensibilität assoziiert wie die Empathie. Doch was ist Empathie überhaupt, was kann sie leisten, was fördert und hemmt unsere Fähigkeit, uns in die Lage eines anderen Menschen zu versetzen? Um diesen Fragen und Empathie generell mal auf den Zahn zu fühlen beginnen wir unsere kleine Exkursion heute mal mit einem Ausschnitt aus „Sex, Death & the Meaning of Life“, einer Dokumentation des Evolutionsbiologen Richard Dawkins.
In dem untigen Video erklärt der engagierte Biologe die evolutionären Vorzüge von Altruismus und Empathie. Er zeigt wunderbar auf, dass wir Menschen erst einmal vor allem soziale Geschöpfe sind und wir deswegen von Natur aus auch Werkzeuge in unserem Repertoire haben müssen, welche uns im Umgang miteinander helfen.


Definitionen von Empathie

Der folgende Artikel soll ohne die neurologischen oder evolutionspsychologischen Hintergründe auskommen, da dies den Rahmen noch stark ausdehnen würde. Doch um überhaupt Empathie als Funktion verständlich zu machen, müssen wir erst einmal erläutern, was Empathie überhaupt ist. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird sie häufig mit Mitgefühl übersetzt. Werfen wir aber erstmal einen Blick auf verschiedene Definition, mit denen wir arbeiten können:

Empathie: Eine auf eine andere Person gerichtete emotionale Reaktion,
die Gefühle wie Mitgefühl, Mitleid, Besorgnis, Wärme oder Fürsorglichkeit
umfasst. Ein kognitiver Faktor, der das Auftreten von Empathie begünstigen
kann, ist die Übernahme der Perspektive der notleidenden Person.
Stefan Stürmer – Einführung in die Sozialpsychologie

Empathy is the experience of understanding another person’s condition from their perspective. You place yourself in their shoes and feel what they are feeling. Empathy is known to increase prosocial (helping) behaviors. While American culture might be socializing people into becoming more individualistic rather than empathic, research has uncovered the existence of „mirror neurons,“ which react to emotions expressed by others and then reproduce them.
Psychology Today

Bei beiden Definitionen finden wir zwei großartige Aussagen, die für das Verständnis von Empathie hilfreich sind:

1. Empathie tritt als Reaktion auf das Erleben der Gefühle einer anderen Person auf.
2. Sich in die Lage einer anderen Person zu versetzen fördert Empathie.

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Klassisch denken wir bei Empathie an das Erkennen von Leid und unser Bedürfnis, Schmerzen zu lindern.

Beim ersten Punkt kann es sehr überraschend sein, dass Empathie „nur“ eine erlebte Reaktion auf unsere Wahrnehmung einer anderen Person ist. Und wie das nun einmal beim Erleben und Wahrnehmen leider so der Fall ist, wird beides durch unsere Erfahrungen, Einstellung und Erwartungen beeinflusst.
Wenn unsere anstrengende Mitarbeiterin Clara ständig in Krokodilstränen ausbricht wenn sie mal selbstständig eine Akte sortieren soll, und darauf spekuliert, dass ihr ein freundlicher Mitarbeiter diese horrende Aufgabe abnimmt, damit sie weiter auf Facebook ihren Status kontrollieren kann – dann empfinden wir im Regelfall kein Mitgefühl, sondern sind höchstens genervt. Wohingegen wir umso betroffener reagieren, wenn Julia, die unerschütterlich und voller Tatendrang sich für den Zusammenhalt und das Bestehen der Firma einsetzt mit psychosomatischen Beschwerden unbefristet beurlaubt wird.

Punkt Nummer zwei ist deswegen wichtig, weil hier etwas zu Tage kommt, was bei der landläufigen Definition von Empathie als Mitgefühl nämlich nicht zu tragen kommt. Nämlich dass Empathie genauso gut bedeuten kann, sich verstandesmäßig in die Lage einer einer anderen Person zu versetzen. Es geht nicht nur darum, emotional genau dies zu empfinden, was jemand anderes gerade durchlebt, sondern auch Verständnis spielt eine Rolle.
Doch dazu brauchen wir gleichsam das Bedürfnis, uns in die Lage einer anderen Person zu versetzen und auch die ganze Situation zu verstehen. Dabei spielt unser Wissen über die Person eine gewichtige Rolle. Empathie kommt profitiert dadurch vom Wissen um eine Person oder zumindest der Situation in welcher sich diese Person befindet. Insbesondere das Entdecken von Gemeinsamkeiten hat sich als besonders förderlich für die Übernahme der Perspektive herausgestellt. Denn wenn uns jemand ähnlich ist, mögen wir ihn auch eher und sind mehr bereit, uns Gedanken über diese Person zu machen und uns in sie hineinzuversetzen.  Außerdem sollten wir nicht vergessen, dass Mitgefühl nicht mit Mitleid gleichzusetzen ist. Denn das Mitleid bezieht sich eher auf für die Person unglückliche Zustände wie Schmerz oder Trauer, wobei Mitgefühl auch Anteilnahme bei Freude, Überraschung etc. bedeuten kann.


Empathie, Introspektion und Verständnis

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Ein typisches Bild für HSP: Ständig am nachdenken, ständig am abwägen, ständig am evaluieren. Kein Wunder dass 70% der HSP introvertiert sind.

Doch wo findet eigentlich diese Reaktion auf das Erleben der Emotionen einer anderen Person statt? Richtig, in uns. Auf der Basis unserer Erwartungen, Erfahrungen und des Erlebens der Situation reproduziert unser Gehirn Emotionen, welche uns den Umgang mit der Situation erleichtern sollen. Das klingt vielleicht gerade für Hochsensible erstmal sehr lieb- und herzlos, aber es ist ja nicht so, dass eine altruistische, mitfühlende Grundeinstellung in unser Erleben von Leid (aber auch Freude) keine Rolle spielen würde – im Gegenteil.
Denn weshalb besonders hypersensitive Menschen häufig als mit einer ausgeprägten Empathie ausgestattet gelten liegt in diesem Fall auch daran, dass sie ihre Gefühlswelt intensiver wahrnehmen und mehr von den mitmenschlichen, sozialen Reizen aus ihrer Umgebung verarbeiten. Diese Reize müssen allerdings auch wieder richtig in den Kontext gesetzt werden und interpretiert werden. Wenn ein HS-Mitarbeiter, welcher neu in der Firma von unserer nervigen Mitarbeiterin Clara aus obigem Beispiel ist, sie zum ersten mal in Tränen aufgelöst sieht – dann wird er wahrscheinlich Mitleid empfinden und vielleicht versuchen ihr bei der Arbeit zu helfen.
Die Bandbreite unseres Erlebens und exakteren Interpretierens von menschlichen Emotionen profitiert ungemein vom Verstehen davon was für Emotionen aus welchen Gründen in welchen Situationen auftreten können und warum. Aber ohne das gründliche Durchleben und Durchdenken, welches uns HSP speziell von Elaine Aron immer wieder als zu eigen definiert wird, haben auch wir ein Problem so zu reagieren, dass unserem gegenüber wirklich so geholfen wird, wie es für die Person, alle Beteiligten und die Situation ideal wäre.


Empathie abschalten und verstärken

Wenn man nicht gerade als Stock-Broker oder Investment-Banker unterwegs ist, ist für viele Menschen Empathie eine wertvolle Fähigkeit, welche sie eventuell auch ausbauen wollen würden. Wenn wir unsere obigen Definitionen zu Rate ziehen, ergibt sich fast von alleine eine kleine Liste an Möglichkeiten, wie wir unser Gespür und Verständnis für andere Menschen verbessern können:

  1. Aktives Zuhören wenn jemand etwas über sich erzählt.
  2. Nachfragen wie etwas gemeint ist, anstelle davon auszugehen, dass man die andere Person schon versteht.
  3. Sich selber fragen, wie man sich gerade eigentlich fühlt.
  4. Das aktive Suchen nach Gemeinsamkeiten.

Auf der anderen Seite kann es nach einigen emotionalen Achterbahnfahrten, welche man mit für einen wichtigen, aber auch weniger wichtigen Personen durchgestanden hat ernsthaft von Interesse sein, seine Empathie zumindest für eine spezielle Person herunterzuschrauben oder abzuschalten. Auch wenn das für viele HSP vielleicht grausam klingen mag, aber eine ausgebrannte HSP welche nur noch im Leiden und Drama anderer Menschen gefangen ist, ist leider zu sehr involviert und vielleicht ein Opfer ihrer Empathie geworden. Ein berühmter Philologe hat vielleicht schon damals die Krux der Empathie erkannt und seinen berühmten Ausspruch aus dieser Erkenntnis zum besten getan:

Gott ist tot, er ist am Mitleid mit den Menschen gestorben!
Friedrich Nietzsche

Doch ja, wichtiges und richtiges Handeln in einer Situation kann dem eigenen Bedürfnis zum Opfer fallen, niemanden verletzen zu wollen. Lange andauerndes Mitleid mit Personen, mit denen man vielleicht eigentlich wenig bis gar nichts zu tun haben möchte, kann wie ein steter Tropfen einen Stein aushöhlt auch eine HSP psychisch und physisch schädigen. Es ist nicht unmenschlich sich selbst zu erlauben die eigene Ausgeglichenheit wiedererlangen zu dürfen. Und mit den folgenden Methoden lässt sich auch die Empathie für eine bestimmte Person oder in einer konkreten Situation verringern:

  1. Das herstellen räumlicher Distanz.
  2. Sich aktiv beobachten um herauszufinden, wann man erschöpft nach Kontakten ist.
  3. Auf körperliche Reaktionen achten und Situationen bevorzugen welche ohne Angespanntheit und Übererregung einhergehen.
  4. Die Eigenverantwortung und Individualität anderer Menschen betonen.

Gerade Schuldgefühle gegenüber anderen Menschen können sehr starke Auswirkungen auf einen selbst haben, und für HSP ist es wertvoll, die eigenen Emotionen von den Reaktionen auf die Gefühle anderer trennen zu können. Auch Sport, Meditation, Kunst, oder einfach mal weitere Reizquellen für eine gewisse Zeit aus dem Leben zu verbannen, und Ruhe im Inneren herzustellen kann zu einem wertvollen Verbündeten gegen die Überforderung durch die eigene Empathie werden.


Quellen und Literatur:

Die 10 verbreitetsten Vorurteile über Hochsensibilität

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Top 10 Listen sind eigentlich ein klassisches Youtube-Phänomen. Doch da Hochsensibilität langsam immer mehr Aufmerksamkeit in den Medien bekommt, hat sie ein Top 10 durchaus verdient.

Obwohl Hochsensibilität seit den 70ern erforscht wird, und der Hype von Indigo- und Kristallkindern doch eigentlich mit wasserstoffblonden Igel-Frisuren in den 90ern begraben liegt, mischen sich erst jetzt mit dem immer bekannter Werden der Bücher von Elaine Aron (Sind sie hochsensibel?) auch einige spannende Mythen und Vorurteile über Hochsensibilität zu den eigentlich recht nüchternen Fakten über eine gesteigerte Wahrnehmung und ein leichter erregbares Nervensystem. Es spricht vielleicht aber auch für die Emanzipation der Existenz der Hochsensibilität, welche zumeist mitfühlende und harmoniebedürftige Menschen hervorbringt, dass in einer Zeit, in der Kabarettisten wie Volker Pispers das Ende des Kapitalismus einläuten, die milde Revolution humanistischer Werte durch ein geschütteltes Maß an Begeisterung über das Entdecken der individuellen Wahrnehmung zu einer neuen, introspektiven Sinnsuche führt.

Dass dabei jedoch auch eine Menge kurioser, schwärmerischer oder schlicht und ergreifend falscher Ideen oder Vorstellungen über Hochsensibilität im Umlauf sind, lässt sich leider nicht vermeiden. Hier sind 10 besonders fantastische oder interessante Vorurteile über Hochsensibilität, welche ich allesamt so im Internet, speziell auf Facebook, gefunden habe.


1. Hochsensible empfinden „zuviel“

Ein beliebter Stereotyp welcher beiderseits durch nahestehende Freunde, Verwandte etc. aber auch durch HSP selbst gerne belebt wird, ist, dass die Wahrnehmung oder die Empfindung „zuviel“ wäre. Natürlich kommt es immer wieder zu Reibereien, wenn dem einen die Musik zu laut, der Stress zuviel oder ein beiläufiges Wort zu harsch vorkommt. Doch weder sind die „Normalos“ unsensible Trolle die stumpf den ganzen Tag nur Helene Fischer auf Discolautstärke hören um Hypersensitive zu terrorisieren, noch ist das Ausmaß der Wahrnehmung gemessen an normalen Menschen „zu viel“ in einem Sinne, dass Hochsensibilität etwas Schlechtes, oder eine Störung wäre.
Die Empfindungen, welche durch die starke Wahrnehmung intensiv auftreten, können überwältigend oder sogar manchmal unerträglich sein. Doch sind sie nicht „zuviel“ in einem Sinne dass hochsensible Menschen sich deswegen falsch oder schlecht fühlen müssten. Denn ist dieses übermäßige Empfinden ja an eine Situation oder Umwelt, vielleicht an andere Menschen gekoppelt. Dadurch wird aus „Ich empfinde zuviel – und das ist schlecht“ ein „Ich verarbeite dieses Konstellation zu intensiv, als dass sie gerade spurlos an mir vorbeigehen würde“. Und wenn man weiß, was einem gut tut, wie viele Reize man verträgt, dann lassen sich auch viele große Ereignisse und Situationen vermeiden, oder vielleicht in kleinere Portionen teilen und schrittweise verarbeiten.


2. Hochsensible sind die meiste Zeit über reizüberflutet

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Die Dosis macht das Gift ist in kaum einem Bereich für Hochsensible so wichtig, wie bei Reizen.

Es gibt alle möglichen Ursachen dafür, dass HSP aber auch alle anderen Menschen sich über einen längeren Zeitraum in einem erhöhten Zustand der Erregung befinden. Das müssen nicht immer schlimme Situationen sein, denn auch Verliebtheit und immense Vorfreude können die emotionalen Polster von Hypersensitiven zusätzlich belasten, wodurch sie eher dazu neigen in die Reizüberflutung abzudriften.
Doch wann das genau passiert ist bei jedem anders. Die einen sterben innerlich bereits, wenn sie den kratzigen Wollpulli, den sie von Tante Erna zu Weihnachten geschenkt bekommen haben, extra für einen Besuch anziehen, um die liebe Tante nicht zu enttäuschen, die anderen wiederum bekommen Beklemmungsgefühle durch die Überstimulation durch große Menschenmassen. Für jeden Hochsensiblen und jede Hochsensible gibt es auf jeden Fall die Möglichkeit in Erfahrung zu bringen, welcher Sinn oder welcher Zustand der Erregung über einen größeren Zeitraum hinweg ertragen, vielleicht sogar genossen werden kann.


3. Hochsensibilität gibt es eigentlich gar nicht

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Im Kontrast zu anderen Mitgliedern ihrer Spezies gelten hochsensible Mitglieder als eher zurückhaltend und abwägend. Während andere Mitglieder waghalsige Sprünge durchführen oder neue Gebiete erkunden, warten sie erstmal Ergebnisse ab und bleiben in Sicherheit.

Dieses Argument kann eigentlich nur von nicht HSP kommen, für welche die Intensität des eigenen Erlebens und Wahrnehmens nicht genug „Beweis“ der Existenz des Konzepts ist. Dieses Argument kann aber auch verknüpft sein mit dem Anspruch an den Betroffenen sich und seine Wahrnehmung nicht so ernst oder wichtig zu nehmen – was natürlich letzten Endes zur Frustration der oder des Hypersensitiven führen muss, gerade wenn dieser einfach nur verstanden werden will.
Aber ja, Hochsensibilität ist im Vergleich zu anderen psychologischen Themen als Konstrukt recht unerforscht. Was aber, wie Elaine Aron selber in Hochsensibilität und Liebe beschreibt, nicht bedeutet, dass die einzelnen Bausteine wie Reizüberflutung, gesteigerte Wahrnehmung und Empathie nicht schon als separate Phänomene untersucht worden wären. Doch erst mit dem Zusammenführen all der Komponenten auf der Basis der tieferen Reizverarbeitung und gesteigerten Wahrnehmung durch Elaine Aron und mittlerweile auch anderen Forschergruppen ergibt sich ein spezienübergreifendes Bild der Hochsensibilität als eine durch die Evolution hervorgegangene Methode zur Sicherung des Überlebens von Stämmen, Rudeln und somit des Fortbestehens.


4. Hochsensible lassen sich eher von Gefühl und Intuition als von der Vernunft leiten

Eines direkt vorweg: Schauen wir uns in unserem Bekanntenkreis einmal um, sind dort alle unsere nicht hochsiblen Familienmitglieder, Freunde und geliebte Menschen denn wirklich so vernünftig? Vermeidet Tante Ulrike ihre unnötigen Ausgaben und legt eher in Zeiten des Überschusses etwas Geld auf die hohe Kante? Schlägt sich Jens die unerwiderte Liebe zur neuen Mieterin im gleichen Haus eher aus dem Kopf, oder schwärmt der unglücklich noch Wochen von ihr? In Wahrheit werden Menschen selten von eiskalter Logik oder Vernunft gesteuert, und wir alle sind mit, mit wenigen Ausnahmen, auch zu Empathie fähig, werden von Wünschen, Träumen und Emotionen motiviert.
Vor dem Hintergrund der Hochsensibilität ist vielleicht mit Gefühl im Kontrast zur Vernunft eher das Streben nach immateriellen Werten wie altruistischer, sprich hingebungsvoller Liebe, welche keine Anforderungen an unseren Nächsten stellt gemeint. Das Bedürfnis im Entdecken und Erleben von Schönheit eine zeitlose Dimension zu finden, welche nicht nur von einem selbst, sondern auch von anderen Menschen erkundet werden kann und eher materielle Substitute für dieses Erleben unerheblich erscheinen lässt.


5. Hochsensible Menschen sind auserwählt oder haben eine besondere Gabe

Da Hochsensibilität vererbt wird ist damit eine sehr gewagte Aussage verknüpft, nämlich: „Bestimmte Blutslinien sind, im Gegensatz zu anderen, auserwählt und mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet“. Diese Aussage klingt gleich weniger spirituell und sensibel, aber dafür spiegelt sie die Annahmen wieder, welche hinter dem Gedanken „eine Gabe zu haben“, oder „auserwählt (von wem denn?) zu sein“ stecken.
Dabei wird häufig auch vergessen, dass es auch andere Dispositionen, oder aber auch Störungen gibt, welche die Wahrnehmung oder das Erleben von Menschen derartig verändern dass man argumentieren könnte, dass diese Menschen gegenüber einer Vergleichsgruppe von Hochsensiblen und auch nicht HSP Vorteile im Alltag haben. Soziopathen werden z.B. mit fehlender Empathie und Furchtlosigkeit in Verbindung gebracht und können es potentiell in vielen Bereichen, wie Wirtschaft, Politik und Forschung sehr weit bringen. Und auch wenn die meisten HSP moralisch empört darauf pochen würden, dass für bestimmte Erfolge einfach zu viele andere Menschen in Mitleidenschaft gezogen werden, so müssen sie dennoch zerknirscht zugeben, dass in unserer westlichen Leistungsgesellschaft diese eiskalten, animalischen Jäger, wie der Psychologe Kevin Dutton sie nennt, den meisten HSP beim Kampf um Anerkennung, Ansehen und materiellem Erfolg schlicht und ergreifend überlegen sind.
Es ist vielleicht einfach nur die verständliche Überlegung, dass die Mischung aus so tiefgehenden und berührenden Erfahrungen, gepaart mit spirituellen Empfindungen so überwältigend wirken, dass man sich einfach wie beschenkt vorkommt. Es ist als wäre man direkt nach der Geburt mit einem ganz besonderen Geschenk ausgestattet worden, welches zwar alle anderen Kinder auch bekommen haben, aber nur man selbst war in der Lage die Schleife darum zu lösen. Das ändert zwar nicht die Tatsache, dass auch die anderen Kinder sich über das Geschenk freuen, aber nur die HSP scheint in der Lage gewesen zu sein, hinter das Geschenkpapier zu sehen.
Letzten Endes vergessen diese HSP dann aber leider aufgrund der überwältigenden Freude, dass es vielleicht nur darum geht, dass letzten Endes jeder ein solches Geschenk erhalten hat.


6. Hochsensible sind die besseren Menschen

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HSP sind mit Sicherheit nicht immer Heilige. Doch faszinieren sie häufig Ideale, welche mit einem größtmöglichen Wohl für alle einhergehen. Doch ob das Bedürfnis eine Utopie zum Leben zu erwecken auch immer selbstlos motiviert ist, steht auf einem anderen Blatt.

Ja, dieses Vorurteil habe ich in der Tat mehrfach auf Facebook gelesen. Es ist nicht ganz unverwandt mit dem vorigen Vorurteil, aber es stecken andere Vorannahmen dahinter. Als Kern bietet sich die stark ausgeprägte Empathie an, welche dafür sorgt, dass es zum Beispiel mehr Vegetarier und Veganer unter HSP als unter anderen Dispositionen gibt, und das Bedürfnis auch anderen Lebewesen zu helfen ausgeprägt ist. Des Weiteren sorgt diese Empathie und das umfassendere Kombinieren von Informationen dafür, dass Hochsensible vermehrt ethische Ansätze zu leben versuchen, welche das größtmögliche Wohl für möglichst viele Lebewesen als Ziel haben. Übrigens bevorzugen die meisten Menschen derartige Überzeugungen, wenn man sie danach fragt, aber scheinen HSP einen verstärkten Antrieb dazu zu haben, derartige Ideale auch realisieren.
Wenn es eine Quelle für BurnOut gibt, welche HSP besonders betrifft, dann ist es dieses Ideal gepaart mit einer Empathie, welche die Bedürfnisse anderer Menschen stärker empfinden lässt, als die eigenen. Es ist dann auch nicht mehr ganz so selbstlos, wenn man nur noch hilft um das erlebte Leid in seinem Inneren zu vermindern.Die Frage ob Hochsensible die besseren Menschen sind, weil sie vermehrt Verhalten an den Tag legen, dass darauf ausgelegt ist, Leid zu vermindern, lässt sich wegen der Verstrickung von Empathie, ethischen Idealen und dem Bedürfnis das gespiegelte Leid des Empfängers unserer Hilfe an dieser Stelle deswegen leider nicht so generalisiert beantworten.
Sicher ist, dass das Bedürfnis der meisten HSP, eine bessere Welt zu schaffen,  eine ernst gemeinte Angelegenheit ist.


7. Kinder mit ADHS sind eigentlich hochsensibel

Dieser Gedanke würde erklären warum die Diagnose AD(H)S scheinbar so häufig bei Kindern gestellt wird. Es wäre vorstellbar dass gerade extrovertierte HS-Kinder ihre nervöse Energie, welche durch die Anwesenheit anderer Kinder noch verstärkt wird, durch Aufmerksamkeitsdefizite und übermässige Bewegung kompensieren. Insgesamt sollen etwa 3-5% der Kinder in der Schule von AD(H)S betroffen sein. Darunter könnten sich ein ein großer Anteil an hochsensiblen Kindern befinden, doch gibt es auch Störungen, wie zum Beispiel Asperger Autismus oder auch Allergien welche AD(H)S als Begleitsymptomatik haben.


8. Hochsensible sind intelligenter als der Durchschnitt

Nimmt man das Tao-Te-King als Grundlage, dann kann man lachend davon ausgehen, dass doch alles Wissen, und jede Intelligenz nichts wert ist, sobald sie einen eitel und unecht werden lässt. Nichtsdestotrotz würden wohl die meisten Menschen bei uns im Westen sehr ungehalten reagieren, wenn man ihnen ihre Intelligenz absprechen würde. Meistens wird mit Intelligenz auch direkt der IQ verknüpft, welcher nichts anderes als das verrechnete Ergebnis meist sehr unterschiedlicher Tests ist. Dieser IQ sagt eigentlich erst einmal nur aus, dass man bestimmte Aufgaben, welche verschiedene kognitive Funktionen beanspruchen bewältigen kann. Wie jetzt die Kompetenz des Anwenders dieser Funktionen ist, sich ihm stellende Probleme zu bewältigen, steht auf einem ganz anderen Blatt geschrieben.
Und um den Elefanten im Raum endlich anzusprechen: Nach den Untersuchungen von Elaine Aron sind HSP nicht intelligenter als nicht HSP, aber weisen sie auch nicht weniger IQ-Punkte auf.


9. Hochsensible haben ein höheres Bewusstsein als andere Menschen

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Eine Koralle, welche wie ein Gehirn aussieht und unter der Meeresoberfläche lebt. Ein schönes Sinnbild für das hochsensible Gehirn, welches mehr unbewusste Anteile verarbeitet, als dies bei anderen Menschen der Fall wäre. Allerdings ist dies auch mit einer größeren Belastung verbunden.

Dieses Statement ist mein absoluter Favorit. Denn Bewusstsein ist für die meisten Menschen eine separate Fähigkeit des Menschen, welche man trainieren und verbessern kann. Man verbindet damit vielleicht so etwas wie konzentriertes gewahr-sein der aktuellen Situation oder aber das Verbinden der Zusammenhänge zwischen diversen Ereignissen, Personen, Zuständen oder Objekten. Doch in der Psychologie ist man, wenn es um das Bewusstsein geht sehr viel pragmatischer, denn Bewusstsein ist erstmal nur das Produkt der Informationsverarbeitung des Gehirns. Wobei dasjenige, was überhaupt in unsere Wahrnehmung gelangt auch schon mal freundlicherweise vorgefiltert, sortiert und beschriftet ist, so dass wir als Wahrnehmender Mensch möglichst wenig Arbeit investieren müssen, um uns in unserer kleinen Welt zurechtzufinden.
Wir haben es also im Grunde mit zwei unterschiedlichen Aussagen zu tun:

1. HSP haben mehr dieser Bewusstseinsinhalte als andere Menschen, und darauf aufbauend
2. HSP können wegen dieser größeren Menge an wahrgenommenen Inhalten auch leichter Aussagen über Zusammenhänge tätigen, welche anderen Menschen vielleicht entgehen würden.

Und ja, es stimmt sogar. Es ist richtig dass wir (zusammen mit einigen Autisten etc.) mehr Reize und Inhalte verarbeiten als andere Menschen und via Intuition manchmal sogar das Glück haben, selbst dann eine richtige Aussage zu treffen, obwohl wie bestimmte Sachverhalte gar nicht aktiv verarbeitet haben. Das klingt jetzt erst einmal sehr großartig und wie eine tolle Fähigkeit. Doch leider sind die Inhalte, welche uns unser Gehirn überhaupt ins Bewusstsein befördert, genau wie bei anderen Menschen auch,  bereits durch unsere Einstellung, Erfahrungen und Vorstellungen und Gewohnheiten vor-sortiert und gefiltert. Es mag sehr ironisch klingen, da für uns HSP Wahrnehmen und aktives Verarbeiten unserer Bewusstseinsinhalte so wichtig und auch mühsam sein kann, aber auch wir haben keinen unverfälschten Blick auf die Welt und unser Gehirn nimmt unserer aktiven und willentlichen Verarbeitung bereits die größte Arbeit ab.


10. Hochsensible sind die nächste Stufe der Evolution

Dadurch dass der Prozentsatz der hochsensiblen Mitglieder bei Menschen und Tieren konstant zu bleiben scheint, erledigt sich diese Frage im Grunde von alleine. Denn Evolution bedeutet dass sich das Leben besser seiner Umgebung anpasst, um eben das Überleben der betroffenen Spezies zu ermöglichen. Die Umwelt, in der wir uns bewegen bietet Lebensraum für die meisten Ausprägungen menschlichen Lebens, und viele Dispositionen und Ausprägungen von sozialer Interaktion lassen sich auch bei Tieren beobachten.
In vielen Notsituationen wäre die langsame und intensive Verarbeitung von Reizen oder Emotionen ein Hindernis, welches effektives Handeln mehr behindert als fördert. Wie könnten wir HSP denn auch bereits die nächste Stufe der Entwicklung des Menschen sein, wenn wir uns zusammen mit den anderen Mitgliedern unserer Spezies entwickelt haben? Und gerade wenn wir unausgeschlafen einem Tag mit vielen verschiedenen unterschiedlichen Kontakten, abwechselnden monotonen Aufgaben und unausweichlichen Reizen entgegensehen fühlen wir uns ganz sicher Überfordert – und nicht als wären wir die nächste Stufe der Evolution. Und ab und an bewundern wir vielleicht auch unsere nicht-hochsensible Kollegin, welche gleichzeitig mit den beruflichen Aufgaben auch noch den Sportverein ihrer Tochter und ein Privatleben samt Hobbies managed, und dabei nicht wirkt, als ob sie einen ganz besonders kratzigen Pullover tragen würde, der ihr auch noch eine Nummer zu klein ist.


Quellen und Literatur:

Hochsensibilität, Empathie und Veganismus

Tiere sind aus dem Leben und der bildlichen Sprache des Menschen nicht mehr wegzudenken. Egal ob ein deutsches Sprichwort den Hund als besten Freund des Menschen tituliert, oder Philologe Nietzsche findet, dass alle guten Dinge etwas Lässiges haben, und wie eine Kuh auf der Wiese liegen. Eines der Schlagwörter der letzten Jahre, welches nun vermehrt im Kontext der Ernährung ohne tierische Produkte fällt ist vegan.
Veganismus ist ein Konglomerat aus verschiedenen Ideen, Philospophien und deren Umsetzungen, welche als Gemeinsamkeit haben, die Verwendung und den Konsum tierischer Erzeugnisse und Produkte auszuschließen und / oder pragmatisch auf ein Mindestmaß zu verringern. Abseits aller anderen Motivationen dafür, vegan zu leben, widmen wir uns nun der Frage welchen Einfluss Empathie auf die Motivation zum Veganismus hat. 


Was ist Empathie überhaupt?

Wenn wir uns mit Hochsensibilität beschäftigen kommen wir um das Thema Empathie (Hier ein Vollständiger Artikel darüber) nicht herum, da HS mit Empathie

Empathie bedeutet nicht, dass wir exakt das nachempfinden, was jemand anderes fühlt. Wir reproduzieren stattdessen den wahrgenommenen Zustand in uns selbst.

Empathie bedeutet nicht, dass wir exakt das nachempfinden, was jemand anderes fühlt. Wir reproduzieren stattdessen den wahrgenommenen Zustand in uns selbst.

zu korrelieren scheint. Empathie deckt sowohl die Fähigkeit zu Mitgefühl ab, als auch die Fertigkeit Verständnis zu entwickeln für Gedanken, Emotionen, Motivation und die Persönlichkeit von anderen Menschen. Umgangssprachlich wird Empathie jedoch zumeist gleichgesetzt mit der Fähigkeit sich in eine andere Person zu versetzen, oder deren Emotionen nachzuempfinden.

Es ist jedoch auch wichtig zu verstehen, dass selbst das Nachempfinden und Verstehen der Notsituation einer anderen Person bei Menschen mit einer ausgeprägteren Empathie nicht automatisch zu helfenden Verhaltensweisen führt. Aber es erhöht die Wahrscheinlichkeit dafür.


Empathie und Veganismus


Dem Autor Georg Parlow (Zart Besaitet) zufolge sind etwa 30% der Hochsensiblen Vegetarier oder Veganer. Dem Vegetarierbund Deutschland nach sind im Kontrast dazu Anfang 2015 etwa 10% der deutschen Bevölkerung Vegetarier. Diese Zahlen lassen sich aber nur bedingt vergleichen, weil in die Bevölkerung von Deutschland die HSP natürlich mit eingerechnet sind.
Doch scheinen HSP und stark empathische Menschen im Schnitt eine größere Tendenz weg vom Konsum tierischer Produkte zu entwickeln. Anders herum ist jedoch auch bekannt, dass Vegetarier und Veganer ein größer ausgeprägtes Mitgefühl mit leidenden Tieren aufweisen können, als dies bei Menschen der Fall ist, die sich herkömmlich ernähren. Dieses Einbeziehen der Tiere in den Kreis der Lebewesen, für welche wir Mitgefühl entwickeln können, lässt sich sogar mittels bildgebender Verfahren nachweisen und ist mitunter Gegenstand der Hirnforschung.

Dass Tiere Freude empfinden können werden die meisten Menschen mit einem Hund oder einer Katze zumeist bejahen. Doch Schweine sollen sogar noch intelligenter sein als unsere Haustiere.

Dass Tiere Freude empfinden können werden die meisten Menschen mit einem Hund oder einer Katze zumeist bejahen. Doch Schweine sollen noch intelligenter sein als unsere bevorzugen Haustiere.

Das bringt uns aber auch wieder zu einem gerade für jenen Teil der Hochsensiblen, welche eine ausgeprägte Empathie für Tiere empfinden, nur allzu bekanntem Thema, nämlich den Fragen: „Wieso haben eigentlich die anderen kein Mitgefühl mit Tieren?“ und „Wieso sehen meine Freunde und Verwandte nicht wie die Tiere in der Massenzucht leiden?“. Die Antwort darauf lässt sich aber nicht einfach damit beantworten, dass HSP aufgrund ihrer Disposition automatisch einen alternativen Umgang mit Tieren aufweisen (was nicht der Fall ist), da für das Empfinden von Mitgefühl mindestens im Vorfeld schon eine Tendenz vorhanden sein muss, Tieren einen dem Menschen ähnlichen Stellenwert einzuräumen. Denn Empathie bedarf der Identifikation mit dem Gegenüber, damit stärkere Reaktionen in einem selbst hervorgerufen werden können, wenn wir jemand anderes wahrnehmen.


HSP, Offenheit und Perspektivwechsel


Die Kommunikation zwischen Hochsensiblen und Nicht-HSP, auch wenn keiner von beiden eine größere Empathie für Tiere hätte, gestaltet sich oftmals ohnehin schon recht kompliziert, da die Wahrnehmung stark voneinander abweichen kann. Dieses Problem wird nicht gerade dadurch behoben dass Vorlieben, Emotionen, Werbung und von Generation zu Generation weitergereichte Werte einen erheblichen Einfluss auf die Wahl unserer Nahrungsmittel haben. Es ist vorstellbar, dass HSP, welche sich mit einem veganen Lebensstil identifizieren, sich nicht selten darüber wundern, dass trotz moderner Aufklärung durch Kampagnen von Peta oder Filmen wie Earthlings und Easy Vegan andere Menschen nicht die selben emotionalen

„Alle guten Dinge haben etwas Lässiges und liegen wie Kühe auf der Wiese.“ – Friedrich Nietzsche

Schlüsse ziehen, wie sie selbst es tun. Es wäre an dieser Stelle aber falsch Nicht-HSP keine Offenheit für das Nachempfinden des Erlebens von Tieren oder HSP zu unterstellen, denn mit wenigen Ausnahmen sind die meisten Menschen sehr wohl dazu in der Lage, sich in die Perspektive eines anderen Menschen oder von Tieren zu versetzen. Doch liegt es eben an der veränderten Reizverarbeitung von HSP dass Entscheidungsfindung auf der einen Seite länger benötigen, auf der anderen Seite Wahrnehmungsinhalte mit einbezieht, welche von nicht-HSP kaum Beachtung geschenkt wird oder als unerheblich wahrgenommen wird. Das kann für die Kommunikation über ein so emotional behaftetes Thema wie dem Umgang mit Tieren zusätzlich erschwerend hinzukommen.
Doch gibt es natürlich auch abseits der Empathie noch viele weitere unterschiedliche Motivationen vegan oder vegetarisch zu leben und sich einen umsichtigen Umgang mit der Umwelt oder dem Wohlergehen von Tieren zu widmen.


Quellen und Literatur