Hochsensibilität

50.000 Views – Dazu ein paar Statistiken und etwas Selbstreflexion

HSPDeutschland.com gibt es nun seit dem 13.06.2015, also weniger als zwei Jahre. Umso mehr freut es mich, dass wir innerhalb von so kurzer Zeit die 50.000 Views durchbrochen haben. Schauen wir uns doch einfach mal zusammen an, wie sich die Seite innerhalb dieser Zeit entwickelt hat und lassen die vergangene Zeit ein wenig auf uns wirken.


Der am meisten gelesenen Artikel

Knapp 1/5 der Views auf unserer Seite macht mit 9.151 Aufrufen  10 Tipps für Hochsensible zum Umgang mit Normalsensiblen aus. Das ist insofern erstaunlich, da es hier nicht das Befinden von uns HSP im Vordergrund steht, sondern der Umgang und das Verstehen von unseren Mitmenschen.
Dass dies der am meisten gelesene Artikel ist lässt sich aus meiner Sicht auf mehrere Arten interpretieren:

  • Die meisten meiner Leser haben sich bereits über HS informiert und sind mit sich selbst so weit im Reinen, dass sie eigentlich nur gerne noch ihren Alltag etwas stromlinienförmiger gestalten möchten.
  • Es ist ein Thema welches andere Seiten eher selten behandeln, da oftmals eher die Bedürfnisse von uns HSP im Vordergrund stehen.
  • Man versucht als Leser oder Leserin die Differenzen zwischen HSP und Nicht-HSP durch die Übernahme der anderen Perspektive noch besser zu verstehen.
  • Es ist einfach ein Interesse oder eine Neugierde für „die Anderen“ da.

Ich habe in der Tat beim Schreiben damals nicht gedacht, dass dies einmal der am meisten gelesene Artikel sein könnte, gerade da nicht das Innenleben von uns im Zentrum steht, und ich vermutet habe, dass die Meisten erstmal ein „Erste Hilfe Kit“ suchen würden, um sich selber und ihre Bedürfnisse besser zu verstehen.


Der am wenigsten gelesene Artikel

Gerade einmal 610 Views (1,2 % der Views) hat ironischerweise der Artikel, welcher mich am meisten Recherchearbeit gekostet hat, und welchen ich von Mitstudenten habe Peer-Reviewen lassen, Sprechen wir über ADHS. Auch wenn es bereits ein älteres Thema und schon sehr umfassend abgedeckt wurde sehe ich bei kaum einem Thema eine größere Kluft zwischen Laien und Fachleuten, aber auch unter Leuten die im Alltag damit zu tun haben. Wenn ich einfach mal „laut nachdenken“ würde, um Philosoph und Neurobiologen Sam Harris zu zitieren, würde ich vermuten dass der Artikel so wenig Aufrufe bekommen hat da:

  • Das generelle Interesse an diesem Thema in den meisten Menschen bereits übermäßig befriedigt ist.
  • Diejenigen, welche auf meine Seite kommen, sich vorwiegend über HS informieren möchten.
  • Die Überschneidungen, aber insbesondere auch die Abgrenzung, von HS und ADHS im Rahmen einer sachlichen Auseinandersetzung einfach zu theoretisch oder uninteressant für die meisten ist.

Dies finde ich insofern schade, da das Thema nicht nur kontrovers diskutiert wird, sondern leider auch eine Menge Vorurteile zu ADHS und auch Berührungsängste damit bestehen. Dies liegt nicht an der Tatsache, dass es bei ADHS vermeintlich erstmal um Kinder geht, und Fragestellungen die damit verbunden sind, wie „Pathologisieren wir normales Verhalten?“, „Lässt sich ADHS überhaupt eindeutig diagnostizieren?“ oder „Muss ein Betroffener oder eine Betroffene nun lebenslang Medikamente nehmen?“. 


Der gelöschte Artikel

Es ist wahrscheinlich keinem aufgefallen, doch habe ich einen einzigen Artikel auch wieder aus dem Programm

glass_globe_1_by_lilystox

Nur ein einziger entfernter Artikel in 18 Monaten. Spricht vielleicht dafür dass mein Anteil an kontroversen Themen eher gering ist.

genommen. Namentlich einen über Indigo-Kinder.  Dies hat den Hintergrund da ich zum Zeitpunkt des Schreibens versucht habe die ideelle Verbindung der Indigo-Bewegung zu christlicher Spiritualität in den USA hervorzuheben. Dabei bin ich jedoch gescheitert, da mir auf der einen Seite die Geduld fehlte, um mich noch mehr mit einem Thema auseinanderzusetzen, welches zwar in der HSP Community immer wieder Erwähnung findet, mich jedoch selber persönlich wenig interessiert und welches ich auch für nicht so sonderlich wichtig erachte, da ich Spiritualität – wenn überhaupt – auf meiner Seite getrennt von einzelnen religiösen Überzeugungen behandele.

Auch hat die Sekten-Info Essen bereits sehr ausgiebig herausgearbeitet, welche Kritik man an der Bewegung üben könnte, so dass ich das Gefühl habe, ohne ausgiebigere Recherche kaum Neues zum Thema beitragen zu können. Obendrein wäre dies auch eine Auseinandersetzung welche definitiv für Kontroverse sorgen würde, da viele Leser oder Leserinnen hier definitiv ihr spirituelles Erleben angegriffen fühlen würden – ohne dass ich diese Intention per se erstmal hätte, doch hängt dieses subjektive Erleben für viele eben genau mit der Vorstellung zusammen, dass ihre Annahmen über Spiritualität und die Welt richtig sind. Ein weiteres kontroverses Thema, bei welchem ich es aber für richtig erachte, vorerst Abstand zu nehmen.


Die meisten Weiterleitungen

Ich teile selbst einen großen Anteil meiner Artikel auf Facebook, wie viele meiner Leser wahrscheinlich am immer wieder auftauchenden Spam von mir bemerkt haben dürften, doch sind auf Platz 1 der Weiterleitungen für HSPDeutschland.com tatsächlich Suchmaschinen, mit über 8.589 Weiterleitungen für 2016. Doch folgen danach auch Facebook mit 5.403 und Twitter mit 1.839 Verlinkungen.
Ehrlich gesagt hat mich gerade Letzteres sehr verwundert, da ich selbst kein besonders enthusiastischer Nutzer von Twitter bin, und selbst nahezu nie dort etwas verlinke.


Ein wenig Selbstreflexion und ein paar Ausblicke in die Zukunft

Im Interview bei Sylvia Harke habe ich damals erwähnt dass dieser Blog, bzw diese Homepage entstanden ist, da ich viele Fragestellungen rund um die HS bearbeiten möchte. Rückblickend ist dies jedoch nur ein Teil vom Puzzle, da die Webpräsenz in der Tat auch erstmal ein Geschenk war, welches mir jemand gemacht hat. Dass es die Webseite also gibt ist in der Tat ein ziemlicher Zufall, und mit 50.000 Views habe ich, trotz meiner Erfahrungen bei TGN und Youtube, erstmal so nicht gerechnet. Wofür mich an dieser Stelle auch erst einmal herzlich und ausgiebig bedanken möchte.

Es stehen einige, in meinen Augen recht wichtige, Themen an, welche ich noch abarbeiten möchte. Dazu zählen High Sensation Seeking, die potentiellen Nachteile der Empathie und vor allem das Aufbereiten von wissenschaftlichen Studien zum Thema für eine breite Leserschaft. Gerade Letzteres ist ein zähes, aber auch notwendiges Unterfangen. Schon alleine da die Frage „Wie wissenschaftlich ist das alles?“ für Fachleute eine große Rolle spielen kann. Auch habe ich den Anspruch an mich, eine möglichst große Demographie anzusprechen, welche eben auch Fachleute enthält, aber ohne dabei zu trocken in meinem Schreibstil zu sein.

In diesem Sinne möchte ich mich nun ein weiteres Mal bei allen Lesern und Leserinnen bedanken, und freue mich auf weitere Konversationen und Anregungen aus der Community.


Quellen

Blue Glass Globe – LilyStox

Holi Festival 2010 – Falln Stock

Teilnehmer gesucht: Onlinestudie zur Bereitschaft internationaler Mobilität, Persönlichkeit und Hochsensibilität

Für diese englischsprachige Studie zur internationalen Reisebereitschaft, Persönlichkeitsmerkmalen und HS, im Rahmen ihrer Masterarbeit, sucht Stefanie Dietel noch Teilnehmer. Es ist eine Onlinestudie, die sich bequem am PC bearbeiten lässt. Es sind herzlich alle eingeladen mitzumachen.

Hier geht es zur Studie!

Design: http://www.deviantart.com/art/Burma-Train-at-Sunset-Stock-602650474

Mein Interview auf HSP Academy

Ich wurde neulich von Sylvia Harke (HSP Academy) interviewt, und habe dieses Interview nun auch hier verlinkt.


Vorschau

F: Lieber David, stelle Dich bitte kurz unseren Lesern vor. Wer bist Du? Was machst Du beruflich?

A: Danke erst einmal für die Einladung zum Interview. Mein Name ist David Mitzkat, ich bin 34 Jahre alt und wohne in Hannover, wie ich immer wieder gerne sage, der Hochburg des Hochdeutschen. Einige kennen mich vielleicht von Facebook oder meinem Blog HSPDeutschland.com, aber eigentlich studiere ich Psychologie an der Fernuniversität in Hagen und jobbe nebenbei in einem Rechenzentrum. Die Odyssee, wie ich aber zu genau diesen Tätigkeiten gekommen bin, würde jedoch – High Sensation Seeker-typisch, schätze ich – alleine einen ganzen Artikel füllen.[…]

Hier geht es zum ganzen Interview

Buchrezension: Silvia Christine Strauch – Meine Hochsensibilität positiv gelebt

Meine Hochsensibilität positiv gelebt ist eine Mischung aus Autobiographie und Sachbuch von Silvia Christiane Strauch, und 2016 bei Dielus Edition erschienen. Die Autorin widmet sich der Hochsensibilität in Form von Resümees zu verschiedenen Themen, Beschreibungen von Situationen aus ihrem Leben, sowie einigen ausgewählten Texten zu Themen des  hochsensiblen Alltags und der Auseinandersetzung mit Menschen, Tieren und sich selbst.


Gliederung und Inhalt

51pwncznpcl

Warme, sommerliche Farben und ein lebendiges Cover. Der Inhalt ist ebenso freundlich.

Dieses Buch unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von allen anderen Büchern zum Thema. Eine Besonderheit davon ist, dass sich das komplette erste von vier Kapiteln um die persönlichen Lebenserfahrungen der Autorin handelt, welche nun rückblickend von ihr unter dem Gesichtspunkt der Hochsensitivität reflektiert werden. Kapitel zwei widmet sich im Stil eines Ratgebers Vorgehensweisen und Tipps. Diese sollen einem dabei helfen, das eigene Leben in den Griff zu bekommen sowie Lebensfreude und Gesundheit zu verbessern. Das dritte Kapitel behandelt behandelt nun ein sehr zentrales Thema für alle HSP, nämlich das Verringern von Unruhe und den Umgang mit Reizüberflutung. Zu guter Letzt bildet ein sehr knappes Kapitel mit einem persönlichen Nachwort und einigen aufmunternden Worten den Abschluss des Buches.

Auffällig an diesem Buch ist, dass fast jeder Abschnitt des ersten Kapitels eingerahmt ist in Fragen, welche zum reflektieren einladen sollen und einem Resümee von Silvia Christine Strauch, in welchem sie einzelne Ratschläge zu verschiedenen Situationen des hochsensiblen Alltags gibt. Typische Fragen vor den einzelnen unterkapiteln sind zum Beispiel:

  • Wurden Sie als schüchtern bezeichnet?
  • Wollen Sie nur noch alleine sein, wenn Sie nervlich angespannt sind?
  • Fühlen Sie sich in einer Gruppe schnell überfordert?

In der Lebensgeschichte der Autorin dürften sich wahrscheinlich für jeden Leser oder jede Leserin einige Abschnitte finden, in welchen man sich wiedererkennt.Ab Kapitel Nummer zwei wird auf die Resümees der Autorin verzichtet, was deswegen Sinn macht, da die kurzgefassten Tipps sich nun zu kleinen Aufsätzen über jedes Thema ausweiten. Die Bandbreite der Themen reicht hier von Zeitmanagement über Positives Denken bis hin zu Sport, und man merkt dass Frau Strauch sich in alle diese Themen ein wenig eingearbeitet hat und hier einige Denkanstöße liefern will.
Im dritten Kapitel finden sich nun Hinweise, wie man mit Reizüberflutung und Stress umgehen kann, oder wie man seine Überstimulation in kreative Bahnen lenkt.
Kapitel vier ist extrem kurz und rundet Buch auf einer positiven Note mit Fragen über Sinnsuche und Selbstverwirklichung ab.

Das Buch hat insgesamt 185 Seiten und ist damit ein Leichtgewicht unter den Ratgebern über Hochsensibilität. Dies wird aber durch die unmissverständlich formulierten Ratschläge etwas gegenkompensiert.


Kritik

Wie auch Die Berufung für Hochsensible aus dem selben Verlag hat Meine Hochsensibilität positiv gelebt eine spirituelle und auf Selbstverwirklichung ausgerichtete Note. Interessanterweise fließen meines Erachtens nach Ratgeber-Anteile und Biographie sehr schön ineinander über, was den Lesefluss sehr angenehm gestaltet. Die Kombination aus Selbstbericht und Sachtext finden wir in dieser Form zum Beispiel auch bei den Büchern von Aron selbst – wenn auch bei Weitem nicht so ausgeprägt.
Man darf bei knapp 30 Unterkapiteln und 185 Seiten wirklich stark ausgeprägte Breite der Themen oder gar Tiefe in der Erörterung der Ratgeber-Anteile erwarten. Das kann jedes bisher von mir bisher vorgestellte Buch erheblich besser. Aber darum geht es bei diesem Werk auch nicht, denn jeder Abschnitt liest sich in der Tat so, als ob man eine Episode aus der Biographie der Autorin nacherleben würde. Der tiefenentspannte Schreibstil trägt dazu bei dass sich jedes Unterkapitel wie die Erzählung einer Freundin oder Bekannten anfühlt, die uns als Leser einfach daran teilhaben lässt, wie ihre Kindheit war, oder wie sie einzelne Abschnitte und Krisen in ihrem Leben gemeistert hat.
Was mir vom Buch am ehesten hängengeblieben ist, sind die drei kurzen Tipps über den Umgang mit Tieren. Ich glaube dass wenn Silvia Christin Strauch sich in dieses Thema vertiefen würde, sie ein gut lesbares und leicht verständliches Werk über hochsensiblen Umgang mit Tieren herausbringen könnte.


Fazit

Dieses entspannte Büchlein kann einen schonenden und unkomplizierten Einstieg in das Thema Hochsensitivität darstellen, insbesondere wenn man keine Lust hat, sich reine Sachliteratur anzueignen. Der Schreibstil ist sehr authentisch und unkompliziert, und in den Ratschlägen und den biographischen Anteilen werden sich viele HSP mit Sicherheit wiederfinden. Das Alleinstellungsmerkmal ist die, in meinen Augen gut gelungene, Verwebung von Biographie und Ratgeber, doch bleibt bei der Kürze des Buches eben auch der Tiefgang in der Auseinandersetzung mit den Themen auf der Strecke.

Hochsensibilität und Narzissmus

Auch wenn Narzissmus und Hochsensitivität auf dem ersten Blick nicht sonderlich viele Gemeinsamkeiten haben, oder sogar gegensätzlich zu sein scheinen, so übt doch die Beschäftigung mit Narzissmus für viele HSP eine gewisse Faszination aus. Das geht so weit, dass Autorin Deborah Ward in der Psychology Today in einem Artikel behauptet, dass die meisten HSP in ihrem Leben in irgendeiner Weise eine Beziehung zu einem Narzissten gehabt haben. Dabei sind gerade einmal etwa ein Prozent der Bevölkerung Narzissten, wohingegen 17-20 Prozent HSP darstellen. warum also treffen HSP und Narzisst immer wieder aufeinander?  


Einführung und Hinweis

Im folgenden Artikel wird es hauptsächlich um das Zusammenleben zwischen HSP und Menschen mit dem klinischen Bild der narzisstischen Persönlichkeitsstörung gehen, von Psychotherapeutin und Victimologin Marie-France Hirigoyen auch maligner Narzissmus genannt. Ich weise darauf hin dass das Lesen eines Artikels keine professionelle Diagnose ersetzt. Auch wenn das Störungsbild des Narzissmus im Kern gleich bleibt, gibt es dennoch in der individuellen Ausprägung des Verhaltens, sowie in der Schwere der Störung Unterschiede und auch geschlechtsspezifische Besonderheiten. Ebenso ist die Störung abzugrenzen von einfacher Überheblichkeit oder einem grandiosen Selbstwertgefühl, da Ursachen sowie Auswirkungen auf Betroffene und Umwelt eine andere sind. Rein aus Platzgründen wird sich dieser Artikel, solange nicht ausdrücklich anders erwähnt,  mit den größten Gemeinsamkeiten des Stereotypen der malignen Störung befassen.


Was ist eine Narzisstische Persönlichkeitsstörung

Essentiell handelt es sich bei der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung um ein (künstlich) übersteigertes, aber fragiles Selbstwertgefühl. Doch ist es durchaus möglich „narzisstischer“ als der Durchschnitt zu sein, bzw. selbstverliebter oder selbstherrlicher zu sein, ohne dabei eine narzisstische Persönlichkeitsstörung entwickelt zu haben. Und ebenso gibt es auch bei Menschen mit einer NPS noch weitergehende Unterscheidung je nach Stärke der Ausprägung einzelner Verhaltensweisen. Diese Verhaltensweisen sind unter Anderem:

  • Das Gefühl außergewöhnlicher Wichtigkeit der eigenen Person
  • Phantasien von Außergewöhnlichkeit in Bereichen wie Erfolg, Macht, Einfluss, Schönheit, Geliebt werden, Intelligenz
  • Der Glaube dass man außergewöhnlich ist
  • Das Bedürfnis nach sehr viel Bewunderung und Bestätigung
  • Das Gefühl zu besonderer Behandlung berechtigt zu sein
  • Das materielle und emotionale Ausnutzen anderer Menschen
  • Einem Mangel an oder völlige Abwesenheit von Empathie
  • Neid
  • Ausgeprägte Empfindlichkeit gegenüber Kritik
  • Arrogantes Verhalten oder Herabwürdigung der Leistungen anderer
  • Verdeckte Aggression

Eine echte narzisstische Persönlichkeitsstörung ist dadurch gekennzeichnet dass das oben beschriebene Verhalten nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist. Jeder hat „narzisstische“ Momente in welchen er außergewöhnlich Stolz auf sich oder das Ergebnis seiner Bemühungen ist, und in welchen man sich selbst als herausragend zujubelt, oder Phasen in welchen man sich als besonders herausragend und einzigartig wahrnimmt, wenn man sich mit Charaktereigenschaften oder den Ergebnissen anderer Menschen um sich vergleicht. Diese Augenblicke sind Streicheleinheiten für das Selbstwertgefühl und haben auch eine positive Wirkung auf das Gefühl, dass man sein Leben bewältigen und gesetzte Ziele erreichen kann.
Doch ist eine Narzisstische Persönlichkeitsstörung nicht nur ein Ausnahmezustand dieses natürlichen Bedürfnisses nach Individualität, des sich wertvoll Fühlens,  und dem Antrieb Kontrolle, zum Beispiel über das eigene Leben oder die eigenen Gefühle, zu haben, sondern mit einer tiefgreifenden Umgestaltung der Wahrnehmung, insbesondere der Selbstwahrnehmung verbunden.

Oftmals wird der die Aussage, dass etwas „unbewusst“ geschieht, im alltäglichen Sprachgebrauch verwendet, um darzustellen, dass jemand nicht weiß, dass es einen Antrieb außerhalb des Bewusstseins gibt, welcher den Betroffenen eigentlich dazu bringt eine Handlung auszuführen oder eine spezielle Empfindung oder Wahrnehmung zu haben. Bei Menschen mit einer NPS wird dies, wie Marie-France Hirigoyen in Masken der Niedertracht beschreibt, insbesondere dadurch gekennzeichnet, dass eine Abspaltung von in der Kindheit als schwach oder verletzlich wahrgenommenen Persönlichkeitsanteilen geschieht. Dies geht so weit, dass eigene Bedürfnisse welche Außerhalb generischer Platzhalter von Bewunderung und Kontrolle, auch körperliche Bedürfnisse, Makel und Beschwerden nicht mehr wahrgenommen werden, oder in positiver Weise verzerrt interpretiert werden. Die Ursachen für diese Abspaltung können unter Anderem von Vernachlässigung des Kindes über das Erleben von Momenten der Schwäche eines mit diesem identifizierten Menschen bis hin zu übermäßigem Lob und Abschottung von Konflikten und Krisen durch die Eltern reichen.

vodka__fish_and_bread___a_feast_by_8moments-dah57nr

Viele Narzissten haben eine Suchtproblematik

Gerade der Einfluss der verringerten oder veränderten Körperwahrnehmung ist nicht zu unterschätzen, da sich hierüber auch exzessives Verhalten erklärt, welches viele Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeiststörung aufweisen. Dieses Verhalten kann den exzessiven Konsum von Alkohol und anderen Drogen darstellen (Schmitz et al. 2001), übermäßiges Verlangen nach Essen, Sex, Sinneseindrücken und genereller Stimulation. Diesen Antrieb kennt man auch von High Sensation Seekern (Menschen sich abwechselnden Phasen des Bedürfnises nach starker Aktivität und Stimulation auf der einen, und Ruhe auf der anderen Seite). Ebenso wie bei diesen steht hier ein Streben nach Gleichgewicht und Stimulation im Vordergrund, doch ist die Ursache eine andere. Wo der High Sensation Seeker Lust, Inspiration und Sinnlichkeit empfindet, während er sein Erregungsniveau auf einem angenehmen Level hält, stellt der Exzess bei Menschen mit NPS  eine Flucht von Langeweile und / oder innerer Leere dar, welche ein Substitut für Aggressionen darstellen.

Aggressionen spielen beim Verständnis für die NPS eine Rolle, da auch diese Emotion nicht offen gezeigt und auch oftmals nicht direkt empfunden wird, sondern sich verdeckt in Kritik, Abwertung und Grenzüberschreitungen äußert, welche bis hin zu Mobbing, finanzieller Ausbeutung und sexuellen Übergriffen reichen können. Bei diesen Aktionen geht es gleichsam darum Macht auszuüben um die abgespaltenen, negativen Emotionen im eigenen Inneren durch das Gefühl von Dominanz zu kontrollieren, sowie um das Ausmaß an Nähe, welches eine andere Person zum Menschen mit der NPS aufgebaut hat, zu kontrollieren. Dieses Ausmaß an Nähe ist bedeutsam, da diese Aggressionen und das Kontrollverhalten im Ausmaß umso stärker werden, umso näher man der betroffenen Person steht. Denn Kontrollverlust durch zärtliche Regungen, Liebe und emotionale Wärme stehen im Kontrast zu den verdrängten, verletzbaren  Persönlichkeitsanteilen, und forcieren ihrerseits bei Grenzüberschritten, welche bei nahen Beziehungen unvermeidbar sind, eine Ausgleichsbewegung um die Kontrolle aufrecht zu erhalten.

So erklärt sich auch das in den Anfängen der Beziehungen gezeigte generöse und wohlwollende Verhalten. Geschenke, Lob und das Gefühl von Bedeutsamkeit sowie der Spaß miteinander sind Ausdruck der eigenen Herrlichkeit des Menschen mit der NPS, in dessen glanzvolles Leben man nun tritt. An welchem man Dank seiner oder ihrer Gnade teilhaben darf.


Das Miteinander von Hochsensitiven und Narzissten

arts martiaux 52

Narzissten werden nur sehr selten physisch aggressiv, sondern verletzen ihre Opfer verbal, und indem sie die Betroffenen destabilisieren und isolieren.

Wenn wir hier nun lesen, dass die narzisstische Persönlichkeitsstörung durch ein enorm übersteigertes Gefühl von Wichtigkeit,  dem Bedürfnis nach Bestätigung sowie der Unfähigkeit gekennzeichnet ist, die Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen wahrzunehmen, dann bewegt dies viele Leser wahrscheinlich emotional erstmal nicht sonderlich. Das liegt meines Erachtens nach in der HSP-typischen Naivität begründet, nach welcher wir in unserer Vorstellung nur schwer ein Abbild davon erschaffen können, dass es menschliches Leben ohne Mitgefühl oder dem Achten auf die Bedürfnisse anderer Menschen überhaupt gibt, oder dass ein Mensch andere Menschen ohne Gewissensbisse auf materielle und emotionale Art ausnutzen kann, welche das Opfer als ausgebrannte und traumatisierte Hülle zurück lässt.
Ich möchte hier als Erörterung anbieten dass beim Verständnis für Narzissmus das Erleben des eigenen Bedürfnisses nach Anschluss an andere Menschen für HSP zu einer Falle wird. Denn die Furcht vor den Schlussfolgerungen welche sich aus einer derartigen Abwesenheit von Empathie ergeben würden, und das Unverständnis für die Ausmaße welches egoistisches Verhalten annehmen kann, verhindert ein emotionales Nacherleben der narzisstischen Persönlichkeitsstörung. In genau diesem versagt die empathische Kompetenz, auf welche sich ein großer Teil der HSP normalerweise verlassen. Zwar wird der oder die Betroffene, je nach Nähe die man zu ihm oder ihr hat,  als unauthentisch, vielleicht manchmal verletzend oder herablassend wahrgenommen – doch gerade wenn man der Person umso näher steht tendieren HSP aufgrund ihrer Unsicherheit nun erstmal dazu den Fehler bei sich zu suchen. Genau dies ist es auch, was Menschen mit einer NPS beabsichtigen, weil dadurch die Kritik oder Verantwortung für das verletzende Verhalten von ihnen zu ihrem Opfer wandert.
Dies ist umso verletzender für HSP, da diese nun nahe stehende Person zu Beginn ihres Miteinanders sich besonders interessiert und wohlwollend verhalten hat, so dass wir uns umso weiter geöffnet haben, um unsere neue Bekannte oder unseren neuen Bekannten an unserem Innenleben teilhaben zu lassen. Doch während man als HSP nun seinerseits seine echten Gefühle, Arbeit  und Zeit in die Beziehung und das Miteinander steckt geht es dem Menschen mit der NPS nun nicht um die Beziehung selbst, sondern um die Aufmerksamkeit, Bestätigung und Anerkennung, welche er daraus zieht.
Obendrein tendieren Hochsensitive stark dazu sich nicht mit Smalltalk aufzuhalten, sondern reden lieber von Dingen, welche ihnen wichtig sind. Dies ist insofern problematisch, als dass private Details und Geheimnisse von Narzissten leicht als Hebel verwendet werden können, um die HSP emotional zu verletzen oder zu destabilisieren.

Opfer beschreiben immer wieder, dass das Ausmaß der Kontrolle, welche der Mensch mit einer NPS über sie hatte, sich so weit steigerte, dass sich ihr Innenleben und ihre Gedanken den Bedürfnissen des Narzissten angepasst haben. Man wird zu einem Trabanten des Narzissten, so wie die Erde um die Sonne kreist und ist in seinen angstvollen Gedanken darüber gefangen, auf welche Art und Weise man vom Menschen mit der NPS als nächstes manipuliert oder gedemütigt wird. Dies ist eine pervertierte Form der symbiotischen Beziehung, nach welcher viele HSP streben. Mit dem Unterschied dass das Verständnis und die Aufmerksamkeit hier sehr einseitig verlaufen, und man auch gegenüber anderen Menschen dass Fehlverhalten des Narzissten oder der Narzisstin rechtfertigt. Ja, man ist eine Einheit mit dem Narzissten geworden, und gleichzeitig ist man alleine, und in vielen Fällen von Freunden, Bekannten und Kollegen durch den Narzissten isoliert worden. Während das Bedürfnis nach Symbiose und Harmonie der HSP gegen sie verwendet wurde und anstelle gegenseitiger Wärme man ein Nicht-verletzt-werden als Erfolg ansieht.


Können HSP Narzissten sein?

Instinktiv würden wahrscheinlich viele erstmal mit nein antworten. Das ist verständlich, da man Hochsensibilität unter anderem oftmals mit Empathie assoziiert, und wir oben festgehalten haben, dass sich eben sich Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung eben durch einen Mangel oder sogar Abwesenheit von Empathie auszeichnen.
Nichtsdestotrotz können natürlich auch HSP in ihrer Kindheit derartig traumatisiert werden dass sie einen sogenannten kompensatorischen Narzissmus entwickeln. Viele der HSP-typischen Eigenschaften wie die Reizempfindlichkeit und sogar die Unsicherheit bleiben bestehen, werden aber konstant bekämpft und unterdrückt und durch  gegensätzliches Verhalten gegenkompensiert. Man ist immer noch hochsensitiv und auch narzisstisch, aber eben nicht auf die gleiche Weise wie beim oben beschriebenen Bild des malignen Narzissmus.


Fazit

Ich halte es für wichtig zu erwähnen, dass man weder dem Menschen mit der NPS noch der HSP an dieser Stelle Schuld zuweisen sollte. Da wir es hier mit einer Form der Interaktion zu tun haben, welche größtenteils auf dem natürlichen Bedürfnis nach Nähe und der Übererregung und Unsicherheit von Seiten der HSP, und eben einem Menschen mit einer Störung auf der anderen Seite zu tun haben, welche genau dadurch besticht, dieses Bedürfnis und diese Unsicherheit gegen jemanden zu verwenden.
Dennoch ist es wichtig zu verstehen, dass die Schäden, welche Menschen mit einer NPS an gerade ihren nächsten Bezugspersonen anrichten können, die Vorstellungen vieler meiner Leser wahrscheinlich übersteigen, sofern sie nicht selber einmal Opfer davon geworden sind, und dass gerade auch die Wut, welche diese Menschen oftmals empfinden ein Spiegel der Aggressionen sind, welche sie zuvor in pervertierter Form erleben mussten.


Quellen und Literatur

Buchrezension: Sylvia Harke – Hochsensibel ist mehr als zartbesaitet

Der Nachfolger von Hochsensibel – Was tun?  ist ebenfalls ein Sachbuch über Hochsensibilität von Sylvia Harke, welches im Kontrast zum Vorgänger strukturiert einzelne Abschnitte des alltäglichen Lebens in Form von 100 Frequently Asked Questions behandelt. Hier geht es um sehr grundlegende Fragen der Sensibilität, Erregung und Wahrnehmung im Allgemeinen, besonders im Miteinander mit Nicht-Hochsensiblen. Das Buch ist in der 1. Auflage im Via Nova Verlag erhältlich.


Gliederung und Inhalt

Harke_Hochsensibel-Zart_300dpi_RGB

Pfauenauge im Azurblau. Der Titel deutet bereits an, dass es hier darum geht, auf Eigenschaften jenseits der leichten emotionalen Erregung zu schauen.

Das Buch weist insgesamt 12 Kapitel auf und ist im Frage – Antwort Format geschrieben, wobei sich jedes Kapitel einem zentralen Thema zuwendet. Dabei ist jeder Abschnitt, eventuell mit Ausnahme des spirituellen 12. Kapitels, erst mal ein Thema das sich mit sehr alltäglichen Problemen oder auch dem Umgang mit nicht Hochsensiblen Menschen in konkreten Umfeldern wie Beziehung und Beruf auseinandersetzt. Es sind zumeist Fragestellungen, mit welchen sich jeder HSP schon einmal konfrontiert gesehen hat, wie:

  • Wie kann ich sicher sein, dass ich wirklich hochsensibel bin?
  •  Sind hochsensible empathischer als der Durchschnitt?
  • Wie kommt es dass die meisten Hochsensiblen introvertiert sind?
  • Wie erkläre ich meinem Arzt / Therapeuten dass ich HSP bin?


Und auch in diesem Buch finden wir wieder Aufgaben für, oder Fragen an den Leser, Checklisten, Grafiken und eingestreute Anekdoten, welche die Struktur auflockern und zum Mitmachen, Recherchieren oder Nachdenken einladen. Immer wieder werden auch kleine Hinweise auf therapeutische Arbeit und die Aufarbeitung von Verletzungen gegeben. Ich gehe soweit, zu sagen, dass gut ein Fünftel des Buches sich mit verschiedenen Übungen aus dem NLP, Therapien, Abgrenzungsarbeit und Co. befasst. Das Werk ist auf der einen Seite noch konkreter und im Alltag verwurzelter, dabei aber auch deutlich spiritueller und weniger  heiter zu lesen als sein Vorgänger.

Bei etwas über 280 Seiten in einem etwas größeren Din A5 – Format passen auch insgesamt genau 100 Fragen zwischen die Buchdeckel, welche auch allesamt recht ausführlich beantwortet werden. Dazu kommt die weiterführende Quellenangabe zu vielen der Fragen, welche auch recht umfangreiche Verweise und weiteres Informationsmaterial bieten. Man bekommt für knapp 20€ auf jeden Fall eine Menge Inhalt geboten.


Kritik

Direkt positiv fiel mir auf dass Sylvia Harke in ihrem Buch die Wichtigkeit der Familie und Eltern für (nicht nur) hochsensible Kinder und ihre Entwicklung aufzeigt, und auch auf die Nachteile fehlender oder schädlicher Rollenbilder hinweist. Ebenso finden sich Fragen, welche sich mit den unterschiedlichen Ausprägungen von Hochsensibilität bei Jungen und Mädchen, Männern und Frauen beschäftigen. Dies sind Gebiete die meines Erachtens nach zu wenig Beachtung erfahren. Auch die Beschäftigung mit High-Sensation-Seekern und unterschiedlichen Bedürfnissen individueller Menschen, wenn es um Stimulation geht, ist in meinen Augen fundamental für das Verständnis von Sensibilität. Die Abschnitte über BurnOut und Stress sind so umfangreich wie es das Format des Buches eben zulässt, und werden vielen Betroffenen eine Hilfestellung sein sich weiter zu informieren. Auch hatte ich beim Lesen den Eindruck dass die Autorin deutlich ernster im Schreibstil geworden ist. Wir finden wiederkehrend das Element der Schattenarbeit von Carl Gustav Jung in vielen Ansätzen und Absätzen, in welcher es um die Vereinigung mit verdrängten Bewusstseinsinhalten geht. Dies spiegelt sich vielleicht auch gerade im letzten Kapitel wieder, in welchem es um Weltschmerz, Spiritualität und dem Bedürfnis nach Erlösung geht.


Fazit

Auch das zweite Werk von Sylvia Harke ist ein sehr umfassendes Buch, welches die therapeutische Arbeit an der eigenen Vergangenheit im Fokus hat. Das FAQ-Design gefällt mir dabei außerordentlich gut, da jede HSP darin garantiert eine Hand voll Fragen findet, welche man sich schon einmal gestellt hat. Das Buch fühlte sich beim Lesen für mich deutlich geerdeter und trotz der immer wieder auftauchenden spirituellen Themen doch auch mehr am Alltag orientiert an.

Buchrezension: Hochsensibel – Was tun? Von Sylvia Harke

Hochsensibel – Was tun? ist ein Sachbuch über Hochsensibilität von Diplom-Psychologin und Coach Sylvia Harke. Sie widmet sich in diesem Buch vielen Themen welche einen speziellen Bezug zum emotionalen Erleben in zwischenmenschlichen Beziehungen und Stresssituationen haben, sowie der Aufarbeitung vergangener Ereignisse und der Abgrenzung von Hochsensibilität und anderen Dispositionen oder Störungen. Das Buch ist in der 6. Auflage im Via Nova Verlag erhältlich.


Gliederung und Inhalt

Buchcover Sylvia Harke 1

Ein zartes Pastellorange und eine ikonische Feder empfangen uns mit zärtlichen Eindrücken zu einem Buch dessen zentrale Themen es dennoch in sich haben.

Das Erste was einem auffällt, wenn man sich die Struktur von Hochsensibel – was tun? anschaut, ist, dass die Autorin was tun? wörtlich nimmt und diese rhetorische Frage tatsächlich beantworten will. Das Buch ist daher strukturiert und stellenweise auch illustriert  wie ein Survival-Ratgeber von Rüdiger Nehberg, welcher Leser wie Leserin dabei helfen soll im urbanen Dschungel von Alltag und dem Dickicht der emotionalen Wirrungen nicht die Orientierung zu verlieren. Dazu vermittelt sie Strategien, welche von Checklisten über Meditationen, der Arbeit mit Affirmationen und dem Aufschlüsseln der Persönlichkeitseigenschaften von Freunden und Verwandten reichen.
Auch wenn das Buch in sechs Kapitel unterteilt ist, finden sich beim Lesen zwei große Themengebiete, nämlich  Vergangenheitsbewältigung und Zwischenmenschliches. Ein ziemliches Alleinstellungsmerkmal sogar ist im erstgenannten Abschnitt der große Anteil von Informationen über und Anleitungen zur Aufarbeitung von zurückliegenden emotionalen Verletzungen und Wahrnehmung von Glaubenssätzen. Das ist deswegen ein sehr wichtiger Ansatz, da das Thema noch sehr jung ist, und viele HSP erst im Alter eine Erklärung für ihr Erleben finden, und nun aus dieser neuen Perspektive ihre früheren Erfahrungen neu bewerten müssen. Themen wie Selbstbewusstsein und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und das Annehmen der eigenen Wahrnehmung stehen hier im Vordergrund, aber auch der Umgang mit Geschlechtsstereotypen und Sensibilität sowie das Erkennen der eigenen Bedürfnisse.
Der zweite zentrale Themenblock beschäftigt sich mit Hochsensibilität in allen möglichen sozialen Situationen, von Partnerschaft über Arbeit bis hin zu Familie, und auch die Betrachtung von hochsensiblen Kindern und ihren Bedürfnissen. Spannend ist hier dass Sylvia Harke den alten Klassiker der destruktiven Beziehung zwischen Narzissten und HSP aufgreift, und genauer erläutert, welche Dynamiken sich im Hintergrund abspielen. Aber auch andere eher problematische Beziehungen werden angeschnitten. Generell werden Liebe und Partnerschaft viele Zeilen gewidmet.

Es wäre Falsch zu sagen dass diese beiden Kernthemen durch Fragestellungen rund um Gesundheit, Stress, BurnOut und sogar der Abgrenzung von HS von ADHS und Autismus lediglich abgerundet werden. Denn Dank knapp 350 Seiten in einem etwas größeren Buchformat werden auch alle weiteren Themen nicht nur angeschnitten, sondern auch moderat vertieft.


Kritik

Ich stelle mir bildlich vor wie Sylvia Harke beim Planen der Inhalte des Buches mit einem Klemmbrett oder Notizbuch im Schaukelstuhl sitzt, mit einer Katze auf dem Schoß, und sich überlegt welche Themen des Alltags für HSP eine gewichtige Rolle spielen. Es kann meine Einbildung sein, aber das Buch macht einen sehr geplanten Eindruck, dessen zentralen Themen sich aus wiederkehrenden Fragestellungen aus Sylvias Arbeit als Coach hergeleitet haben.

Die Abschnitte über die Verwechslung von Asperger, ADHS und HS sind in meinen Augen ein sehr wichtiger Teil, der wahrscheinlich leider zu wenig Aufmerksamkeit von der Leserschaft erhalten wird. Ebenso spannend finde ich es, dass Sylvia Harke und ich unabhängig voneinander die Gefahr des hochsensiblen Idealismus am Arbeitsplatz in eine BurnOut-Problematik abzurutschen aufgreifen. Das ist ebenfalls ein Thema welches zu wenig Aufmerksamkeit erfährt.
Summa Summarum ist Hochsensibiltät – was tun? das Werk für nahezu alle Hochsensiblen, aber insbesondere für diejenigen, welche eine Menge Emotionen aufzuarbeiten haben und Ballast aus der Vergangenheit mit sich tragen. Es gibt nur wenige Themen welche Sylvia Harke in diesem Buch nicht bearbeitet hat, so dass von existenzieller Angst bis hin zu spirituellen Fragen in Paarbeziehung nahezu alles vorhanden ist. Meine einzige Rüge wäre, dass man trotz des sehr warmherzigen Schreibstils keinesfalls den Trugschluss ziehen sollte, dass das Aufarbeiten der Vergangenheit oder die Arbeit mit EMDR – einer Technik zur Traumabewältigung – ein Spaziergang im Park wären. Es ist ein umfassendes und informationsgeladenes Buch mit einer nahezu unüberschaubaren Fülle an Methoden und Techniken, dass in meinen Augen durch seine liebevolle Aufmachung und Schreibweise etwas darüber hinwegtäuscht, dass potentiell sehr aufwühlende und schmerzhafte Themen behandelt werden.


Fazit

Hochsensibel – Was tun? wird wie kaum ein anderes Buch der Tatsache gerecht dass viele HSP erst im Alter mit ihrem Temperament konfrontiert werden, und sich oftmals in ihrem Leben von der Umwelt bedroht und von Mitmenschen nicht verstanden gefühlt haben.
Der Schreibstil ist wohlmeinend warmherzig und sanft, und trägt sicher einen Teil dazu bei dass gerade sehr verwundete HSP sich sicher und angenommen fühlen können, wohingegen die Vielzahl der Techniken einen Weg aus den Wirrungen ihrer Innenlebens weisen sollen. Doch darf man sich nicht darüber hinwegtäuschen lassen dass  bei diesem Buch durchaus auch Themen aufgegriffen werden, die durch Selbstreflexion und Aufarbeitung letzten Endes eine Therapie nach sich ziehen können.

Sprechen wir über ADHS

Die vier Buchstaben ADHS lösen bei vielen Lesern wahrscheinlich direkt erst einmal spontane Reaktionen der Ablehnung, Assoziationen mit der Pharmalobby sowie das Bedürfnis Kinder vom Spielplatz ins Haus zu holen aus, damit diese nicht versehentlich von vorbei spazierenden Kinderärzten mit Medikamenten versorgt werden. In der Tat gibt es im Netz etliche Artikel die uns doch schon im Titel suggerieren, dass es ADHS nicht gibt, oder dass Ritalin die gefährlichste Droge der Welt ist. Doch wenn wir uns den Artikeln genauer widmen, sehen wir dass die Autoren weder ADHS als Syndrom, noch Ritalin als Medikament wirklich entkräften können und uns mit ihrer Schlagzeile, als sich verselbstständigendes Schlagwort zurücklassen.
Widmen wir uns also selbst im viel zu kleinen Artikelformat nichts Geringerem als einem Syndrom dass so groß und breit ist, dass man ohne Weiteres Wälzer damit füllen kann: ADHS.


Was ist ADHS?

Das Akronym ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizits- Hyperaktivitätssyndrom. Wir haben es also mit einem Konglomerat aus mehreren zusammenwirkenden Symptomen zu tun, welche im Zusammenspiel ein ganz bestimmtes Syndrom bilden. Diese drei Leitsymptome sind: Beeinträchtigte Aufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Sehen wir uns jeden Bereich einmal genauer an.

Beeinträchtigung der Aufmerksamkeit
Aufmerksamkeit ist als Begriff für uns so allgegenwärtig, dass man kaum einmal in den Genuss kommt zu hinterfragen, was Aufmerksamkeit eigentlich ist. Es handelt sich bei Aufmerksamkeit um eine begrenzte Ressource, die dazu verwendet wird bestimmte Reize in unserem Bewusstsein abzubilden. Findet diese Abbildung willentlich und auf ein Ziel gerichtet statt, zum Beispiel auf diesen Text, dann spricht man dabei von Konzentration. Soll diese Aufmerksamkeit mobilisiert genutzt werden um einfach nur geistesgegenwärtig auf das Eintreffen eines bestimmten Ereignisses zu warten – zum Beispiel wenn wir im Wartezimmer eines Arztes darauf warten von der Sprechstundenhilfe namentlich aufgerufen zu werden – dann spricht man von Wachheit oder Vigilanz.
Wenn nun also die Fähigkeit betroffen ist die Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum nur auf bestimmte und erwünschte Reize zu richten, und andere Reize zu verdrängen, dann ist damit dieses Kriterium erfüllt.

Hyperaktivität
Der Menschliche Körper bewegt sich ständig, egal ob unser Herz unablässig pumpt, Muskeln unsere Körpertemperatur über das Aufrichten der Körperbehaarung regulieren oder wir selbst im Schlaf noch unbewusste Anstrengungen unternehmen um unserem Partner die Decke zu klauen. Ein großes Maß unserer inneren Vorgänge tragen wir auch automatisch nach Außen, indem wir zum Beispiel während des Sprechens unsere Worte mit Mimik und Gestik untermalen, oder unsere im obigen Beispiel des Wartezimmers vielleicht vorhandene Unruhe während des Lauerns auf die Stimme der Sprechstundenhilfe durch Kauen auf den Fingernägeln ausleben.
Doch wenn der Körper in ständiger Unruhe ist, selbst wenn die Situation es nicht zulässt, der oder die Betroffene angibt immerzu in Unrast oder getrieben zu sein und der Drang nach Bewegung schon nach kurzer Zeit wieder die Oberhand gewinnt, ohne dass man selbst die Kontrolle darüber hat, dann wird aus Aktivität Hyperaktivität.

Mangelnde Impulskontrolle

Impulsivität bezieht sich im Zusammenhang mit ADHS vor allem darauf, dass die Folgen des Handelns nicht bedacht werden und man dem erstbesten Einfall oder Eindruck Ausdruck verleiht. Das klingt erstmal sehr authentisch und wie natürliches Verhalten, allerdings führt mangelnde Impulskontrolle auch dazu dass gehandelt wird, bevor man überhaupt weiß, was getan werden soll, Gefahren unterschätzt werden und man in Gesprächen seine Gesprächspartner unterbricht, da man ob der eigenen inneren Impulse es nicht ertragen kann zu warten.

Ob die Symptome nun als krankhaft beurteilt werden, hängt nicht alleine vom Ausprägungsgrad ab, sondern davon ob die oder der Betroffene selbst überhaupt noch Kontrolle darüber ausüben kann, wenn er oder sie es will. Die Frage danach, ob die eigene Flexibilität und Funktion im Alltag durch psychische Vorgänge gestört wird, ist ein typisches Kriterium für die Diagnose von Störungen.


 

Bei welchen Personen und wann treten diese Beschwerden auf?

298597a74e8ed5f5e1bffcf2ef6d5b07

Dadurch dass ADHS nicht gleich ADHS ist gibt es auch kein für alle Betroffenen gleichermaßen wirksames Allheilmittel.

Zumeist denkt man erstmal an Kinder und Jugendliche, die in der Schule oder im Kindergarten nicht stillsitzen können, und deswegen mit Medikamenten ruhig gestellt werden sollen. Doch treten nicht nur die Symptome in unterschiedlichen Ausprägungsgraden auf, so dass wir besonders hyperaktive und unruhige Betroffene auf der einen Seite, und besonders geistesabwesende, unaufmerksame Fälle auf der anderen haben, sondern es scheint auch geschlechtliche Unterschiede zu geben. So dass Mädchen und Frauen vermehrt den unaufmerksamen Typus entwickeln und Jungen sowie Männer durch Impulsivität auffallen.
Nach Ramettekar et al. werden etwas über doppelt so viele Jungen mit ADHS diagnostiziert wie Mädchen, wobei sich die geschlechtsspezifischen Unterschiede vor allem in der Pubertät ausbilden.

Bei Erwachsenen zeichnet sich ab, dass 60% derjenigen, welche Symptome im Kindesalter zeigen, diese auch als Erwachsene aufweisen.  Das Erwachsenenportal für ADHS verweist darauf, dass bis zu 4,5% der Erwachsenen das ADHS Syndrom aufweisen. Bei Kindern und Jugendlichen werden zwischen 3-7 Prozent angegeben. Diese scheinbar hohen Zahlen werden wir später noch ausführlich diskutieren.

Wichtig ist außerdem, dass die oben genannten Beschwerden sich in mehreren Situationen zeigen, in denen Kontinuität notwendig ist. Sich aber unterschiedlich stark ausgeprägt darstellen, je nachdem ob die Umgebung oder Tätigkeit stimulierend wirkt. Döpfner et al. (2007) schreiben in ihrem Ratgeber ADHS dazu:

Diese Auffälligkeiten sind üblicherweise in verschiedenen Lebensbereichen zu beobachten – also nicht nur in der Familie, sondern auch im Kindergarten oder in der Schule und bei Freizeitaktivitäten mit Gleichaltrigen. Typischerweise treten die Probleme verstärkt in solchen Situationen auf in denen von den Kindern und Jugendlichen eine längere Ausdauer erwartet wird, beispielsweise im Unterricht, bei den Hausaufgaben oder beim Mittagessen. Dagegen kommen diese Auffälligkeiten entweder gar nicht oder nur in verminderter Form vor, wenn sie sich in einer neuen Umgebung befinden oder wenn sie sich einer Lieblingsaktivität widmen.

Döpfner et al.: Ratgeber ADHS


Wie und von wem wird ADHS eigentlich diagnostiziert?

Grundsätzlich sind (Fach-)Ärzte sowie Psychologen dazu in der Lage ADHS anhand der Diagnosemanuale ICD-10 und DSM IV und  Testverfahren zu diagnostizieren. Das ändert aber leider nichts daran, dass nicht jeder Mediziner und Psychologe auch fit darin ist dies zu tun, da nicht jeder eine Routine in Leistungs- und Konzentrationsdiagnostik hat oder Tests auf Teilleistungsschwächen durchführt. Obendrein ist ggf. eine Familienanamnese, Laboruntersuchung oder Entwicklungsstatus angezeigt. Auch ist das Thema sehr umfassend, da die Differentialdiagnostik zu ADHS, wie wir weiter unten sehen werden, sehr breit aufgestellt ist.
Für Betroffene ist es deswegen ratsam sich in die Hände von Spezialisten für dieses Thema zu begeben, auch wenn manchmal lange Wartezeiten damit verbunden sind.

Die Arbeitsgemeinschaft für ADHS der Kinder und Jugenärzte e.V. hat folgende Leitlinien verfasst:

ADHS liegt (nur) vor, wenn

  1. unaufmerksames und impulsives Verhalten mit oder ohne deutliche Hyperaktivität ausgeprägt ist
  2. nicht dem Alter und Entwicklungsstand entspricht und
  3. zu deutlicher Beeinträchtigung in verschiedenen sozialen Bezugssystemen und im Leistungsbereich von Schule und Beruf führt.

Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft ADHS der Kinder-und Jugendärzte e.V.


ADHS als Hinweis auf andere Ursachen

Dies wird jetzt wahrscheinlich der längste Abschnitt des Artikels, denn so wie Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen im Rahmen der Medizin als Allgemeinsymptome gelten, können wir Störungen der Impulskontrolle, Aufmerksamkeit oder Aktivierung als Begleiterscheinungen vieler Störungen und Ursachen finden.

Minderbegabung
Menschen, welche in Intelligenztests Werte erreichen, die geringer Ausfallen als diejenigen des Großteils der Vergleichsgruppe, zeigen auffällig häufig verminderte Ausdauer und Konzentrationsfähigkeit sowie Impulskontrolle. Deswegen ist Leistungsdiagnostik angebracht um die Person nicht nur durch Förderung zu einer besseren Entfaltung der eigenen Möglichkeiten zu verhelfen, sondern auch um eine Überlastung zu verhindern.

Hochbegabung
Langeweile und Desinteresse, Neigungen zu ausgefalleneren Themen und Nonkonformität können bei Hochbegabten dazu führen, dass sie sich lieber mit etwas Anderem als dem von ihnen Gefordertem zuwenden, unruhig oder sogar aggressiv werden. Auch hier ist wieder eine umfangreiche Diagnostik hilfreich um den individuellen Bedürfnissen der Betroffenen entgegenkommen zu können.

Bär Baum

Nicht jeder der gerne mal auf einen Baum klettert wird gleich mit dem Stempel ADHS versehen.

Medikamentöse Behandlung
Nicht nur Psychopharmaka sondern auch handelsübliche Medikamente wie Hustensaft, Mittel gegen Übelkeit und Nasenspray können Aufmerksamkeit und Aktivierung beeinflussen. Dieser Einfluss lässt aber auch entsprechend nach Absetzen der Medikamente wieder nach.

Dissoziales Verhalten
Hier zeigt sich hohe Impulsivität mit Wutausbrüchen und aggressiven sowie Störungen im sozialen Umgang. Niedrige Frustrationstoleranz, auffällig hohe Bereitschaft zu streiten und das Bedürfnis gegen Regeln zu verstoßen.

Ängste
Bestimmte Situationen, wie zum Beispiel Prüfungen, können Unruhe, Anspannung und Konzentrationsprobleme verursachen. Die Symptome sind dann wieder aber nur auf die Situation beschränkt und verschwinden, wenn sie überstanden ist.

Stress, traurige Verstimmung und emotionaler Belastung
Eine traurige Stimmung, Stress und emotionale Belastungen – zum Beispiel aufgrund von familiärer Belastung – kann zu Unruhe, Konzentrationsproblemen, Stress und Anspannung führen. Jedoch verschwinden auch hier die Symptome zumeist mit den Problemen.

Autismus
In etwa 6% der Fälle von ADHS soll die Ursache eine Störung aus dem autistischen Spektrum sein (ADHS-Deutschland). Nach Tony Attwoods Complete Guide to Asperger’s Syndrome wird Hyperaktivität in diesen Fällen jedoch durch hohe Level von Stress, Nervosität und neue Umgebungen hervorgerufen.

Hochsensibilität
Elaine N. Aron gibt in Hochsensible Menschen in der Psychotherapie an dass es nicht einfach ist Übererregung aufgrund von Überstimulation und emotionale Reaktivität zu trennen. Ähnlich wie bei Autisten kann somit eine anstrengende Umgebung zu Überreizung und Verringerung der Aufmerksamkeit und zu Unruhe führen. Siehe Reizüberflutung. Meine persönliche Vermutung ist, dass ein großer Teil der unter ADHS aufgeführten Fälle in der Tat eigentlich nicht erkannte HSP sind. Aber was sollte man auf einer Seite mit dem Namen HSP Deutschland auch Anderes erwarten?

Vitamin D Mangel
Goksugur et al. (2014) haben in einer Studie nachgewiesen dass Kinder und Erwachsene mit ADHS Symptomen einen signifikant niedrigeren Vitamin D – Haushalt im Kontrast zur Kontrollgruppe aufgewiesen haben.
Dieser Ansatz klingt aus meiner Sicht sehr vielversprechend.

Eisenmangel
Emily Deans erläutert in einem Artikel in der Psychology Today, dass bei vielen Kindern mit ADHS ein signifikanter Eisenmangel gefunden wurde. Da Eisen ein Baustein von vielen Botenstoffen im menschlichen Körper darstellt, hat sich auch hier eine Besserung der Symptome durch die Gabe von Nahrungsergänzungsmitteln gezeigt.

Allergien
Laut diesem Beitrag von ADHS-Deutschland wird in der Praxis immer wieder ein Zusammenspiel von Allergieverläufen und ADHS beobachten. Juckreiz, motorische Unruhe und Konzentrationsprobleme können zu Lernschwierigkeiten führen. Im Umkehrschluss bessert aber auch die Behandlung des Syndroms die Stärke der allergischen Reaktionen. Eventuell in diesem Zusammenhang interessant ist auch dass Haut und Nervengewebe aus dem selben Keimblatt, dem Ektoderm, bestehen.

Histaminunverträglichkeit
Die Auswirkungen von Histaminunverträglichkeit sind so umfangreich, dass es nicht verwunderlich ist, dass ADHS-artige Symptome ebenfalls darunter fallen. Wenn man immer wieder mit Verdauungsbeschwerden, Gesichtsrötung oder geschwollenen Schleimhäuten (Nase) zu tun hat ist eine ärztliche Abklärung einen Versuch wert.

Glutenunverträglichkeit
In einer Studie fand Niederhofer heraus dass von 67 Patienten mit ADHS 10 Zöliakie aufwiesen. Nach einer glutenfreien Ernährung zeigte sich eine Besserung ihrer Symptome. Allesio Fasano hat ADHS ebenfalls in seinem Buch Die ganze Wahrheit über Gluten als Effekt von Glutenunverträglichkeit erwähnt.

Schilddrüsenprobleme
Die Schilddrüse ist ein sehr wichtiges Organ, das einen großen Einfluss auf den Hormonhaushalt und Stoffwechselvorgänge ausübt. Eine Überstimulation kann mit Unruhe, Herz-Kreislaufproblemen, Schlaf- und Konzentrationsstörungen sowie Aggressionen einhergehen.

Eine Schilddrüsenüberfunktion könnte beispielsweise mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder Essstörungen wie einer Magersucht verwechselt werden. Bei einer Schilddrüsenunterfunktion ist es möglich, dass zunächst eine Depression oder Intelligenzminderung diagnostiziert wird
http://www.pharmazeutische-zeitung.de/?id=32844

High Sensation Seeking
Jeder Mensch hat ein individuelles Erregungsniveau, welches ihn in einem Spannungsfeld zwischen Langeweile und Überforderung hält. High Sensation Seeker benötigen nun etwas mehr Stimulation um der Ödnis des Alltags zu entkommen. In einer Studie haben Geissler et al. (2014) nun herausgefunden dass ADHS-artige Symptome durch das Gehirn künstlich als Kompensationsmechanismus bei Unterforderung und Langeweile geschaffen werden können.

Nahrungsmittel
Wenn die kleine Clara sich jeden Morgen vor der Schule am Kiosk eine Tüte Weingummi kauft und diese mit einer Dose Energy Drink runterspült, dann findet das weder ihre Bauchspeicheldrüse lustig noch ihre Lehrer. In der Tat werden manche Lebensmittelfarben immer noch kritisch beäugt und unter Umständen als bedenklich deklariert, und dass Koffein und Zucker eine aufputschende Wirkung haben brauchen wir hier nicht weiter auszuführen.


 

Ursachen von ADHS

Man könnte den Titel des reißerischen Artikels von Pravda-tv ADHS gibt es nicht nach unseren bisherigen Überlegungen oben jetzt natürlich etwas umformen und verwandeln zu wenn es so viele andere Einflüsse gibt, welche diese Symptome hervorrufen, kann es dann ADHS als unabhängige Störung überhaupt noch geben?
Die Antwort ist ja, denn genetische Untersuchungen im Rahmen einer Studie von Menschen mit ADHS zeigen eine Veränderung der Chromosomen, welche die Erbinformationen enthalten. Und eine Studie von Del Campo et al. (2013) zeigt dass es strukturelle Unterschiede der grauen Substanz bei Menschen mit ADHS gibt. Die Graue Substanz (auch bekannt als Graue Zellen) ist ein großer Bereich des Gehirns der mit Intelligenz, Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Sprache in Verbindung steht. Durch die Gabe von Ritalin im Rahmen der Untersuchung wurde auch eine Anreicherung von Dopamin, einem Botenstoff der mit erhöhter Aufmerksamkeit in Verbindung steht, in den Gehirnen gemessen.
Fassen wir beide Studien zusammen, haben wir es bei ADHS mit einer vererbbaren Veränderung der grauen Substanz des Gehirns zu tun.


Probleme die häufig zusammen mit ADHS auftreten

gauss-kurve

ADHS kann ein hinweis auf Hoch- wie Minderbegabung sein.

Leider kommt ADHS selten alleine, und so müssen sich die Betroffenen nicht nur mit ihren Symptomen alleine auseinandersetzen sondern auch, oder in bestimmten Fällen insbesondere mit Begleiterscheinungen oder Konsequenzen ihrer Problematik.
Die häufigste Begleiterscheinung nach Döpfner et al. ist oppositionelles und aggressives Verhalten. Was leider ein Kreislauf darstellt, da die Betroffenen (insbesondere Kinder) sich nicht an Regeln halten oder geforderte Aufgaben erledigen, und sich dann mit Familienmitgliedern, Mitarbeitern oder Eltern deswegen streiten. Aus der Streitsituation entsteht dann weiterer Stress, welcher die bereits bestehende Symptomatik verschlimmert und wiederum zu Fehlverhalten führt.
Wenn schlechtere Leistungen erbracht werden als wichtige Bezugs- und Vergleichspersonen sie erbringen, dann führt dies oftmals zu Unsicherheit und mangelndem Selbstvertrauen. Was insbesondere deswegen schade ist, da die Betroffenen sich ansonsten in ihren Begabungen nicht von anderen Menschen unterscheiden und lediglich aufgrund dieser Beeinträchtigung eine Menge Potential verloren geht.
Gerade wenn übermäßige Aggression und mangelnde Impulskontrolle vorliegen, erfahren Menschen mit ADHS häufig Ablehnung von anderen Menschen. Sei es weil sie als Kinder beim Spiel stören, ungelenk sind oder zu Aggressionen neigen. Manche versuchen auch als Kompensation ihrer Impulse oder Unsicherheit andere Kinder zu kontrollieren oder zu manipulieren, was ebenso auf Ablehnung trifft.
Im Erwachsenenalter kommt es nach ADHS-Ratgeber.com oftmals zu Suchtverhalten, da die Kontrolle über das richtige Ausmaß schwerfällt. Auch Depressionen als Ergebnis des bisher durchlebten Leidensweges lassen sich finden.


Fazit

Trotz der scheinbar großen Fülle an aufgelistetem Material ist dieser Artikel hier auf keinen Fall vollständig. Ebenso wie bei BurnOut kann es hier nur eine Annäherung geben, da das Thema so groß und komplex ist. Unter dem Strich bleibt nur der Gang zu Spezialisten, auch wenn viele Fälle von dieser Symptomatik, wie oben aufgelistet, durchaus ihren Ursprung in der (Mangel-)Ernährung haben. Von Bipolarer Störung bis Kryptopyrololurie gibt es ebenso noch dutzende von weiteren Problemen und Krankheiten die ein Mensch aufweisen kann und welche ähnliche Symptome hervorrufen.
Ich wage die Aussage, dass bei einem großen Teil der ADHS – Diagnosen es sich nicht um das reine Syndrom handelt, welches wirklich eine organische Ursache hat, sondern dass die meisten Fälle in viele der anderen Kategorien fallen, die ich weiter oben aufgelistet habe.

Hilfreiche Links:

Ich bitte wie immer darauf zu achten dass das Lesen eines Artikels und das Klicken auf einen Link keine Diagnose ersetzt.

Quellen und Literatur

Buchrezension: Hochsensibel von Eliane Reichardt

Hochsensibel von Eliane Reichardt ist ein Sachbuch über das hochsensible Temperament. Es widmet sich Begriffsbestimmungen und wissenschaftlichen Hintergründen sowie den Zusammenhängen zwischen Reizverarbeitung und subjektivem Erleben sowie dem Umgang mit Alltag und Mitmenschen. Es ist im ersten Quartal 2016 in Erstausgabe im Irisana-Verlag erschienen.


Gliederung und Inhalt

Das Buch ist in zwei große Abschnitte sowie Appendix und Einleitung samt Selbsttest gegliedert, wobei jeder dieser Abschnitte wiederum in einzelne Kapitel unterteilt ist. Der erste Teil widmet sich der Geschichte der Hochsensibilität in Forschung und Kultur sowie der Frage wie wir Hochsensibilität überhaupt bestimmen und was die Besonderheiten im Erleben und Verhalten eigentlich sind.

hochsensibel_wie_sie_ihre_staerken_erkennen_und_ihr_wirkliches_potenzial_entfalten

Das Coverdesign ist auf der einen Seite unaufdringlich, lenkt auf der anderen Seite dafür aber auch nicht vom Titel ab

In der Tat widmet sich Eliane Reichardt in diesem Abschnitt jeder einzelnen Modalität, also jedem körperlichen Sinnesorgan sowie den Besonderheiten im Rahmen der HS und verschiedenen Formen der Synästhesie welche damit auftreten können, da die Verarbeitung von Reiz-Informationen bei Hochsensiblen durch ihre Physiologie verändert ist. Ebenso geht sie darauf ein, welche Unterschiede es im Denken zwischen HSP und Nicht-HSP gibt, und verweist auf die Zusammenhänge zwischen Hochbegabung, lateralem Denken, Sensation Seeking und Hochsensibilität.
Ein größeres, und in meinen Augen spannendes, Kapitel widmet sich der Wahrnehmung von Sensibilität und den möglichen Problemen Hochsensibler im Verlauf der letzten 50 Jahre. Wir finden hier von den Anfängen der Konsumgesellschaft bis hin zum Informationszeitalter alle möglichen Einflüsse und den Wandel der Wahrnehmung sehr schön beschrieben. In der Tat war dies der Part vom Buch der mir am besten gefallen hat, und wenn man mit einem Augenzwinkern an dieses Kapitel herangeht kann man sich sogar als Kind jener Epoche wiederfinden und sehen, welche Zeitspanne das eigene Denken am nachhaltigsten beeinflusst hat.

Der zweite Abschnitt widmet sich der Frage wie Hochsensible den Alltag meistern können und spricht vom Einkaufsstress bis hin zum Umgang mit Nicht-HSP und Therapie nahezu alle Themen an, welche für HSP eine Relevanz haben könnten. Auch finden wir hier Verweise auf die Wichtigkeit von Gesundheit sowie Ernährung und den Umgang mit Stress. Ich hatte lediglich den Eindruck dass man mehr auf romatische Beziehungen hätte eingehen können, doch das hätte den Rahmen der etwa 250 Seiten wahrscheinlich sehr gesprengt.


Kritik

Was mir ungemein ins Auge gestochen ist, ist die erfrischende Nüchternheit des Buches. Hochsensibel von Eliane Reichardt ist das wahrschenlich unverblümteste und sachlichste Buch zum Thema welches wir zur Zeit auf dem Markt haben. Und das ist gut so, denn genau diese Sachlichkeit benötigt es wenn man ein Thema in der Breite zugänglich machen will. Sie behandelt Hochsensible in ihrem Buch nicht wie exotische Orchideen mit welchen man bei der Bundesgartenschau einen Preis zu gewinnen hofft, sondern als gleichwertige Menschen die aufgrund einer evolutionsbedingen Reizverarbeitung lediglich ein anderes Temperament aufweisen, Menschen die etwas speziellere Bedingungen benötigen um zu erblühen und dafür aber auch einen gewichtigen Beitrag zu einem angenehmen Klima leisten können.
Der Abschnitt über die High-Sensation-Seeker war für mich nochmals sehr aufschlussreich, da dieses Thema bei Hochsensibilität oftmals außen vor bleibt (zurecht, da dieser Anteil der Bevölkerung sehr gering ist). Einzig und alleine über Hochsensibilität in der Liebe hätte ich mir noch ein wenig mehr Inhalt gewünscht, aber darüber haben auf der anderen Seite bereits mehrere Autoren sich im Überfluss geäußert.


Fazit

Dieses Buch hat das Potential das neue Standardwerk für Hochsensiblität im deutschsprachigen Raum zu werden. Es ist ein sehr gut recherchiertes Sachbuch das man bedenkenlos auch zum Erklären davon was HS eigentlich ist an seine Liebsten verschenken oder weiterempfehlen kann. Es ist sachlich ohne zu fachlich zu werden und nüchtern ohne sich selbst zu paraphrasieren oder langweilig zu werden.