sensation seeking

Buchrezension: Hochsensibel – Was tun? Von Sylvia Harke

Hochsensibel – Was tun? ist ein Sachbuch über Hochsensibilität von Diplom-Psychologin und Coach Sylvia Harke. Sie widmet sich in diesem Buch vielen Themen welche einen speziellen Bezug zum emotionalen Erleben in zwischenmenschlichen Beziehungen und Stresssituationen haben, sowie der Aufarbeitung vergangener Ereignisse und der Abgrenzung von Hochsensibilität und anderen Dispositionen oder Störungen. Das Buch ist in der 6. Auflage im Via Nova Verlag erhältlich.


Gliederung und Inhalt

Buchcover Sylvia Harke 1

Ein zartes Pastellorange und eine ikonische Feder empfangen uns mit zärtlichen Eindrücken zu einem Buch dessen zentrale Themen es dennoch in sich haben.

Das Erste was einem auffällt, wenn man sich die Struktur von Hochsensibel – was tun? anschaut, ist, dass die Autorin was tun? wörtlich nimmt und diese rhetorische Frage tatsächlich beantworten will. Das Buch ist daher strukturiert und stellenweise auch illustriert  wie ein Survival-Ratgeber von Rüdiger Nehberg, welcher Leser wie Leserin dabei helfen soll im urbanen Dschungel von Alltag und dem Dickicht der emotionalen Wirrungen nicht die Orientierung zu verlieren. Dazu vermittelt sie Strategien, welche von Checklisten über Meditationen, der Arbeit mit Affirmationen und dem Aufschlüsseln der Persönlichkeitseigenschaften von Freunden und Verwandten reichen.
Auch wenn das Buch in sechs Kapitel unterteilt ist, finden sich beim Lesen zwei große Themengebiete, nämlich  Vergangenheitsbewältigung und Zwischenmenschliches. Ein ziemliches Alleinstellungsmerkmal sogar ist im erstgenannten Abschnitt der große Anteil von Informationen über und Anleitungen zur Aufarbeitung von zurückliegenden emotionalen Verletzungen und Wahrnehmung von Glaubenssätzen. Das ist deswegen ein sehr wichtiger Ansatz, da das Thema noch sehr jung ist, und viele HSP erst im Alter eine Erklärung für ihr Erleben finden, und nun aus dieser neuen Perspektive ihre früheren Erfahrungen neu bewerten müssen. Themen wie Selbstbewusstsein und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und das Annehmen der eigenen Wahrnehmung stehen hier im Vordergrund, aber auch der Umgang mit Geschlechtsstereotypen und Sensibilität sowie das Erkennen der eigenen Bedürfnisse.
Der zweite zentrale Themenblock beschäftigt sich mit Hochsensibilität in allen möglichen sozialen Situationen, von Partnerschaft über Arbeit bis hin zu Familie, und auch die Betrachtung von hochsensiblen Kindern und ihren Bedürfnissen. Spannend ist hier dass Sylvia Harke den alten Klassiker der destruktiven Beziehung zwischen Narzissten und HSP aufgreift, und genauer erläutert, welche Dynamiken sich im Hintergrund abspielen. Aber auch andere eher problematische Beziehungen werden angeschnitten. Generell werden Liebe und Partnerschaft viele Zeilen gewidmet.

Es wäre Falsch zu sagen dass diese beiden Kernthemen durch Fragestellungen rund um Gesundheit, Stress, BurnOut und sogar der Abgrenzung von HS von ADHS und Autismus lediglich abgerundet werden. Denn Dank knapp 350 Seiten in einem etwas größeren Buchformat werden auch alle weiteren Themen nicht nur angeschnitten, sondern auch moderat vertieft.


Kritik

Ich stelle mir bildlich vor wie Sylvia Harke beim Planen der Inhalte des Buches mit einem Klemmbrett oder Notizbuch im Schaukelstuhl sitzt, mit einer Katze auf dem Schoß, und sich überlegt welche Themen des Alltags für HSP eine gewichtige Rolle spielen. Es kann meine Einbildung sein, aber das Buch macht einen sehr geplanten Eindruck, dessen zentralen Themen sich aus wiederkehrenden Fragestellungen aus Sylvias Arbeit als Coach hergeleitet haben.

Die Abschnitte über die Verwechslung von Asperger, ADHS und HS sind in meinen Augen ein sehr wichtiger Teil, der wahrscheinlich leider zu wenig Aufmerksamkeit von der Leserschaft erhalten wird. Ebenso spannend finde ich es, dass Sylvia Harke und ich unabhängig voneinander die Gefahr des hochsensiblen Idealismus am Arbeitsplatz in eine BurnOut-Problematik abzurutschen aufgreifen. Das ist ebenfalls ein Thema welches zu wenig Aufmerksamkeit erfährt.
Summa Summarum ist Hochsensibiltät – was tun? das Werk für nahezu alle Hochsensiblen, aber insbesondere für diejenigen, welche eine Menge Emotionen aufzuarbeiten haben und Ballast aus der Vergangenheit mit sich tragen. Es gibt nur wenige Themen welche Sylvia Harke in diesem Buch nicht bearbeitet hat, so dass von existenzieller Angst bis hin zu spirituellen Fragen in Paarbeziehung nahezu alles vorhanden ist. Meine einzige Rüge wäre, dass man trotz des sehr warmherzigen Schreibstils keinesfalls den Trugschluss ziehen sollte, dass das Aufarbeiten der Vergangenheit oder die Arbeit mit EMDR – einer Technik zur Traumabewältigung – ein Spaziergang im Park wären. Es ist ein umfassendes und informationsgeladenes Buch mit einer nahezu unüberschaubaren Fülle an Methoden und Techniken, dass in meinen Augen durch seine liebevolle Aufmachung und Schreibweise etwas darüber hinwegtäuscht, dass potentiell sehr aufwühlende und schmerzhafte Themen behandelt werden.


Fazit

Hochsensibel – Was tun? wird wie kaum ein anderes Buch der Tatsache gerecht dass viele HSP erst im Alter mit ihrem Temperament konfrontiert werden, und sich oftmals in ihrem Leben von der Umwelt bedroht und von Mitmenschen nicht verstanden gefühlt haben.
Der Schreibstil ist wohlmeinend warmherzig und sanft, und trägt sicher einen Teil dazu bei dass gerade sehr verwundete HSP sich sicher und angenommen fühlen können, wohingegen die Vielzahl der Techniken einen Weg aus den Wirrungen ihrer Innenlebens weisen sollen. Doch darf man sich nicht darüber hinwegtäuschen lassen dass  bei diesem Buch durchaus auch Themen aufgegriffen werden, die durch Selbstreflexion und Aufarbeitung letzten Endes eine Therapie nach sich ziehen können.

Extrovertierte und introvertierte Hochsensibilität

Klassischerweise stellt man sich einen HSP als in sich gekehrten Denker oder Denkerin vor, der aus fast jedem Moment der Stille eine Form der Meditation gestalten kann. Vielleicht ist er oder sie in einem bequemen Sessel geschmiegt, natürlich bei gedämmtem Licht, und in eine Decke gehüllt, und mit einem Buch gewappnet.
Eine Tasse Tee neben sich stehend widmet man dem Geist die geschriebenen Zeilen vor sich, und ergänzt das kniffelige Puzzle seiner komplexen, inneren Welt. Würde diese Person angesprochen werden, würde sie vielleicht hochschrecken und müsste erst einmal die Gedanken neu sortieren.


Der introvertierte Hochsensible

Hochsensible Menschen sind dafür bekannt, dass sie ständig neue Reize benötigen und eine große Bandbreite an Informationsquellen benutzen, um ihre dichten, neuronalen Netzwerke mit neuen Inhalten zu füllen. Diese Besonderheit finden wir übrigens auch bei Menschen mit dem Asperger-Syndrom. Gemeinsam haben ebenfalls beide, dass HSP und Asperger häufiger in introvertierter als extrovertierter Ausprägung anzutreffen sind.

Introvertierte Menschen sind häufig stille Beobachter und werden als ruhig und

Introvertierte Hochsensible benötigen viel Zeit um sich von Eindrücken zu erholen.

Introvertierte Hochsensible benötigen viel Zeit um sich von Eindrücken zu erholen.

zurückhaltend beschrieben. Das bedeutet allerdings nicht, dass diese Menschen kein Interesse am gerade stattfindenden Geschehen oder sozialen Kontakten hätten. Introvertiertheit ist nur eine Ausprägung der Persönlichkeit, welche für diesen Menschen energiesparender ist. Dadurch dass ein großer Teil der Konzentration im Innenleben verbleibt, und die Interaktion mit der Umwelt herunter reduziert ist, wird die Menge an zu verarbeitenden Informationen reduziert, und die Gefahr einer Reizüberflutung vermindert. Gleichzeitig finden wir aber auch ein sehr großes Bedürfnis nach wirklichem Verständnis der Welt. Weswegen übrigens auch viele introvertierte HSP sich sehr gut beim Wechsel von Schule zu Universität schlagen, da sich zum reinen Reproduzieren von Wissen, wie es häufig in der Schule der Fall ist, nun vermehrt echtes Verstehen gesellt.

Dadurch dass der größere Teil, ca. 70% der Hochsensiblen, introvertiert sind, wird auch das allgemeine Bild der Hochsensibilität von dem Bedürfnis nach Ruhe und Zeit für die Verarbeitung von Eindrücken bestimmt. Doch dürfen wir nicht vergessen, dass eine der grundlegenden Eigenschaften von HSP ist, dass sie trotz der häufig auftretenden Reizüberflutung immer noch einen großen Hunger nach Eindrücken haben. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass die einzelnen Nerven sich durch die stete Stimulation zu sogenannten neuronalen Netzen verbinden, welche es wiederum erleichtern, mit all den Informationen umzugehen. Selbst eingefleischte Introvertierte, welche immer wieder unter den Auswirkungen von Reizüberflutung leiden können die Neigung zur Neugierde nicht leugnen, wenn sie doch in ruhigen Momenten ihre Lieblingsliteratur hervorkramen, den nächsten Urlaub Planen oder in Ruhe eine Liste mit Museen und Waldwanderwegen erstellen.


Das extrovertierte Gegenstück

Auch wenn vielleicht das schrille Klingeln des Telefons auch für den extrovertierten Hochsensiblen immer noch eine erschöpfende Tortur darstellt, so finden wir hier jedoch einen großen

Der größte Teil der HSP liebt neue Eindrücke.

Der größte Teil der HSP liebt neue Eindrücke. Dem Extrovertierten wird jedoch schnell langweilig.

Genuss am direkten Austausch – vorzugsweise mit Freunden und Familie. Denn solange zum anregenden Dialog nicht noch die unvermeidbare Aufgabe kommt, alle neuen Eindrücke einer unbekannten Person zu verarbeiten, sind extrovertierte HSP hier in ihrem Element. Das ändert allerdings nichts daran, dass sie immer wieder Ruhe benötigen um dem Nervenkostüm Zeit zu geben, sich zu erholen. Ein weiterer Unterschied bei extrovertierten Menschen ist, dass sie eher dazu neigen ihren Gefühlen im Dialog Ausdruck zu verleihen. Dass dies mitunter dazu führt, dass extrovertierte Hochsensible nicht mehr aus dem Reden rauskommen, ist vielleicht nicht ganz abwegig. Auch beim extrovertierten Hochsensiblen gilt, dass er seiner Beeindruckbarkeit durch Umwelt und Gesprächspartner nicht entfliehen kann. So entsteht schnell ein sehr ambivalenter Umgang mit Reizen, der von großer Lebendigkeit im Wechsel mit Erschöpfung gekennzeichnet ist. Jedoch findet sich auch bei den extrovertierten HSP ein größerer Drang danach, die Welt zu verändern, oder sich zumindest mit Medien die Langeweile zu vertreiben. Und Langeweile kennt auch der introvertierte Hochsensible nur allzu gut.


Quellen und Literatur