Was ist Hochsensibilität?

Was ist Hochsensibilität?

Um Hochsensibilität zu verstehen, ist es ein guter Einstieg zu erläutern, dass Menschen ihre Umwelt über ihre Sinne wahrnehmen. Die über die Sinne aufgenommenen Informationen zu verarbeiten, insbesondere im Bewusstsein aktiv zu verarbeiten, verbraucht einiges an Kapazitäten unseres Gehirns. Damit wir Menschen nicht ständig überreizt werden, und unsere Verarbeitung erleichtert ist, gibt es mehrere Mechanismen im menschlichen Gehirn. Erstens gibt es Erregungsschwellen der Nerven, was bedeutet dass nicht jeder Reiz auch automatisch zu einem Impuls führt, zweitens sorgt ein Teil des Gehirns, der Thalamus, dafür, dass nicht alle wahrgenommenen Reize auch im Bewusstsein des Menschen landen.
Zum Beispiel haben wir Menschen nahezu zu jeder Zeit kleine, durch das Immunsystem bedingte entzündliche Reaktionen im Körper, aber wir haben deswegen keine Schmerzen.

Hochsensibilität bedeutet nun, dass mehr Reize nicht abgefangen werden und somit ins Bewusstsein gelangen können. Warum dies so ist, ist noch nicht eindeutig geklärt, es könnte an einer leichteren Erregbarkeit der betroffenen Nerven, oder aber auch an einer schwächeren Filterfunktion des Thalamus liegen.


Was sind die Auswirkungen der stärker erlebten Reize?

Die Konzentration von HSP erschöpft aufgrund der erhöhten Reizaufnahme schneller

Wenn mehr Informationen aufgenommen werden, kommt es auch zu einer stärkeren Belastung der informationsverarbeitenden Strukturen des Gehirns. Da es allerdings nur ein begrenztes Ausmaß an Aufmerksamkeit zur Aufrechterhaltung der Konzentration gibt, sind diese Kapazitäten natürlich umso schneller aufgebraucht, und das Gehirn ermüdet. Wenn also eine HSP (Hochsensible Person) und eine nicht hochsensible Person sich den selben Reizen aussetzen, zum Beispiel einer Feier, dann wird die HSP durch die Reize früher erschöpft sein.

Hochsensible nehmen Details stärker wahr

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Hochsensibilität hat ihren Ursprung in einer vererbbaren Beschaffenheit des Gehirns. Diese äußert sich in Bereichen wie Wahrnehmung und Reizverarbeitung.

Gleichzeitig führt die erhöhte Aufnahme von Informationen sowie deren Verarbeitung auch dazu, dass mehr Informationen im Bewusstsein verfügbar sind. Das ändert nichts daran, dass diese Informationen natürlich immer noch den normalen Verzerrungen unterliegen, wie es bei anderen Menschen ebenso der Fall ist, aber führt die größere Menge an Details und eben auch feineren, wahrgenommenen Details dazu, dass HSP eine ausdifferenziertere, facettenreichere Wahrnehmung haben. Dies bedeutet wiederum nicht, dass HSP niemals eine Brille tragen oder andere, körperliche Einschränkungen der Sinne haben, sondern einfach nur, dass von den Sinnen eine größere Menge an Informationen samt stärkerer Auflösung vorliegt. Die Funktion der Sinne kann natürlich immer noch eingeschränkt sein.

Hochsensible nehmen Schmerzen stärker wahr

Eingangs haben wir erwähnt, dass Schmerz auch zu den Reizen gehört, deren Intensität durch den Thalamus reguliert wird und durch das Nervensystem verarbeitet wird. Es ist vielleicht etwas ungewöhnlich, Schmerz auch „nur“ als einen Reiz anzusehen, der vergleichbar ist mit dem Riechen an einer Tulpe, aber genau das macht unser Nervensystem, weswegen Hochsensible eine intensivere Wahrnehmung von Schmerzen zeigen. Das klingt vielleicht sehr unangenehm, aber es ist wichtig, dies auch aufzuführen, da bei Arztbesuchen durch das Wissen vielleicht Maßnahmen ergriffen werden können.


Situationen und Wirkstoffe, welche einen aktivierenden oder erregenden Einfluss haben, zeigen bei HSP eine stärkere Wirkung

Und wenn man dann schon beim Arzt sitzt, wird man eventuell einen weiteren Effekt der Hochsensibilität bemerken. Denn aufgrund der leichteren Erregbarkeit sind HSP in Situationen, die per se einen erregenden Einfluss haben, nochmals nervöser. Insbesondere sogenannte „Soziale Aktivierung“, eine Form der Erregung welche durch die Anwesenheit anderer Menschen entsteht, betrifft HSP besonders. Auch Coffein zeigt bei vielen einen deutlicheren Effekt, wahrscheinlich ebenso wie viele andere Wirkstoffe, welchen einen direkten Bezug zu den Nerven haben.
Doch auch stressige Situationen, in denen gleichzeitig viele Tätigkeiten ausgeführt werden müssen, oder aber in kurzer Abfolge starke unterschiedliche Reize auf den oder die Betroffene einwirken sind eine größere Belastung für HSP.


Die Gefühle und Stimmungen anderer beeinflussen HSP stärker, und ihre eigenen Gefühle ebenso

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Das intensive Nacherleben der Emotionen von Mitmenschen ist eine große Stärke von HSP. Doch kann es auf die Dauer auch erschöpfen und sich nachteilig auf das Wahrnehmen der eigenen Bedürfnisse auswirken.

Doch nicht nur die Anwesenheit, oder das Beobachtet werden durch Mitmenschen hat einen starken Einfluss auf HSP, sondern auch das Miterleben von ihren Stimmungen. Empathie sowie das Erleben von Emotionen spielt im Leben von vielen HSP eine zentrale Rolle. Denn auf der einen Seite erleben HSP Gefühle intensiver, und auf der anderen Seite nehmen sie darüber Hinaus Mimiken und Gesten ihrer Mitmenschen wahr, welche vielleicht von Nicht-HSP übersehen werden könnten. Diese Kombination führt zu einer Disposition welche eine starke empathische Kompetenz begünstigt. Gerade im zwischenmenschlichen Bereich kann die Abweichende Wahrnehmung aber auch recht auffällig sein, wenn HSP und Normalsensible zu unterschiedlichen Ansichten über ihre Mitmenschen kommen, und man als HSP seine Wahrnehmung nicht unbedingt immer artikulieren kann. Doch führt diese Fähigkeit auch dazu, dass HSP etwas genauer auf ihre Art des Miteinanders achten müssen, um eben nicht wieder reizüberflutet zu werden oder sich zu stark mit jemandem zu identifizieren, dessen Nacherleben für sie eigentlich eher unangenehm ist. Wobei dieser Perspektivenwechsel auch interessant sein kann.

Durch diese Überstimulation kommt es leicht zu Reizüberflutung

So kommen wir nun zu einem weiteren, zentralen Thema für Hochsensible, der durch Überstimulation ausgelösten Reizüberflutung. Dabei handelt es sich um eine Übererregung der Nerven aufgrund von zu starken Reizen, oder aber eine längerfristige Stimulation, die in der Summe zu intensiv erlebt wird. Wir sprechen hier von emotionalen oder regelrecht körperlichem Unwohlsein oder sogar Schmerzen. Reizüberflutung wird leichter in Zuständen von Erschöpfung, Müdigkeit oder genereller Übererregung ausgelöst und kann als einer der Gründe angenommen werden, weswegen 70% der Hochsensiblen introvertiert sind. Diese Introvertiertheit schützt die HSP vor zu starken Stimulationen und somit vor zu intensivem Erleben.

Die intensivere Verarbeitung von Reizen führt zu langsameren Entscheidungsprozessen
und sorgfältiger Problemlösung

Wenn nun so viele Reize und Informationen verarbeitet werden müssen, dann kann dies einen Einfluss auf die Entscheidungsfindung haben. Die Komplexität der aufgenommenen Details spiegelt sich dann im Denken und Erleben wieder, weswegen das Abwägen und Beleuchten von verschiedenen Seiten eines Problems oder einer Idee häufig eine aufwendige, aber auch spannende Angelegenheit für HSP sein kann. Dadurch werden Entscheidungen langsamer getroffen, aber auch Probleme gesehen und bearbeitet, wo andere sie eventuell nicht wahrnehmen würden. Dies führt zu größerer Sorgfältigkeit bei der Bearbeitung von für die betroffene HSP wichtigen Fragestellungen.


Ist Hochsensibilität eine Störung?

Man könnte nach den obigen Ausführungen darauf schließen dass es sich bei Hochsensibilität um eine Störung handelt. Und in der Tat weist sie einige Überschneidungen mit dem Asperger-Syndrom und ADHS auf. Speziell wenn es um Reizüberflutung und erhöhten Erregungszustand geht. Doch wird Hochsensiblität als Disposition, als Veranlagung, definiert und laut Elaine Aron finden wir einen Anteil von etwa 10-20 Prozent an hochsensiblen Menschen in der Bevölkerung, und anscheinend ebenso bei Tieren.
Diese neurologische, vererbbare Disposition sagt natürlich nichts darüber aus, ob die betroffenen Personen auf dieser Konstitution Störungen entwickeln. Doch Hochsensibilität selbst ist keine Störung , sondern wird als Veranlagung definiert.


Wir fassen also nochmal zusammen:

  1. Hochsensibilität ist keine Störung, sondern eine vererbbare Veranlagung
  2. Durch eine neuronale Besonderheit werden weniger der eintreffenden Reize aus den Sinnesorganen herausgefiltert
  3. Die Konzentration von HSP erschöpft aufgrund der erhöhten Reizaufnahme schneller
  4. Hochsensible nehmen jedoch Details stärker wahr
  5. Allerdings neigen sie auch zu einer ausgeprägteren Schmerzwahrnehmung
  6. Ebenso haben Stimmungen von Mitmenschen und die eigenen Emotionen einen starken Einfluss auf HSP
  7. Des Weiteren hat Coffein oftmals eine stärkere Wirkung
  8. Doch durch die Überstimulation kommt es leicht zu Reizüberflutung kommen, welche anstrengend oder sogar schmerzhaft sein kann
  9. Durch die größere Menge von Eindrücken und die zusätzlichen Details kommt es zu einer langsameren Verarbeitung und Entscheidungsfindung
  10. Der größte Anteil der Hochsensiblen, etwa 70% sind introvertiert

Quellen und Literatur